Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 5 (4.2.1916)
- Date
- 1916-02-04
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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34 Das Jüdische Echo Nr. 5 völligen Aufgehen in der Nationalität der anderen als — ein Traum. Trotz des Kämpfens Schulter an Schulter, trotz der gemeinsam erlebten Leiden, Hoffnungen und Ängste traten nach dem ersten Taumel wieder die Unterschiede zwischen jüdischer und andersnationaler Art deutlich zutage, riefen auf der einen Seite einen verstärkten Antisemitismus, auf der andern ein verstärktes Gefühl der Vereinsamung hervor. Gerade aus der strengen Scheidung der Menschheit nach Nationen erblühte vielen die Erkenntnis ihrer jüdischen Nationalität. Besonders in Amerika, dem Schmelztiegel der Völker, scheint der Krieg in dieser Richtung gewirkt zu haben: hier ist die Zahl der bewußten Nationaliuden seit dem Kriegsausbruch erheblich gewachsen. Genährt wurde die Erkenntnis von der jüdischnationalen Sonderheit von dem Gespenst der polnisch-jüdischen Frage. Bei einiger Beschäftigung mit dem polnisch-jüdischen Problem erkannte jeder, der nicht gerade mit Blindheit geschlagen ist, daß er sich einer nationalen Gruppe gegenübersah, die keiner der bestehenden Nationen zugerechnet werden konnte, und manch'em erwuchs nun erst die Erkenntnis, daß Gemeinsamkeit des Blutes und der historischen Schicksale zwischen jenen national anscheinend Unqualifizierbaren und ihm selbst eine Gemeinsamkeit der Nationalität geschaffen haben. Das Verantwortlichkeitsgefühl für das Schicksal der polnischen Juden, das in der Judenheit aller Länder zu Tage tritt, ist der Beweis für das Bewußtsein nationaler Zusammengehörigkeit. Endlich sind dem Zionismus auch aus den Reihen derer, welche der Organisation bisher nur deshalb fernstanden, weil sie von der praktischen Durchführbarkeit des zionistischen Ideals nicht überzeugt werden konnten, neue Anhänger erwachsen. Man weiß heute, daß die Türkei einer gewaltigen wirtschaftlichen Stärkung entgegengeht, man ist heute überzeugt, daß die Freunde des türkischen Reiches auf eine Besiedlung des unermeßlichen Landes mit einem geeigneten Einwandererelement, auf eine Erschließung der Schätze des türkischen Landes hinarbeiten — und man sagt sich mit Recht, daß man bei dieser Entwicklung der Dinge heute oder morgen den jüdischen Ansiedler als ein sehr wünschenswertes Werkzeug zur Verwirklichung dieser Pläne erkennen wird. Um zu verstehen, daß der Zionismus weiterlebt, daß Zionisten trotz des Krieges jenem Fonds opfern, der Land in Palästina als unveräußerlichen Besitz des jüdischen Volkes erwerben will, muß man endlich auch der tiefen Enttäuschungen gedenken, die den Juden von den Nationen Europas im Kriege bereitet wurden: in Rußland die Enttäuschung über die Nichterfüllung des Versprechens einer rechtlichen Gleichstellung: in den Ländern Westeuropas die Enttäuschung über das Ausbleiben der erhofften gesellschaftlichen Gleichstellung. Auch aus diesen Enttäuschungen erwachsen neue Triebe der zionistischen Idee. Stärker aber als alle diese Erwägungen hat sich in dem Juden die unsterbliche Liebe zu dem Lande Palästina, die unauslöschliche Sehnsucht nach einem jüdischen Geisteszentrum erwiesen — eine Liebe und eine Sehnsucht, die manchen noch im Augenblick seines Todes auf dem Schlachtfelde erfüllt hat. Wenn es also im Kriege möglich gewesen ist, die Sammlungen für den Jüdischen Nationalfonds auf der Höhe ihrer früheren Ergebnisse zu erhalten, so darf man erwarten, daß nach dem Kriege alle Einrichtungen, die der Verwirklichung des zionistischen Gedankens dienen, eine gewaltige Stärkung erfahren, einer erstaunlichen Opferwilligkeit begegnen werden. Helene Hanna Cohn. Jüdische Farmer in Ämerika. Im Dezember fand in New-York die siebente Jahressitzung der Federation of Jewish Farmers statt. Im Zusammenhang mit den gewaltigen räumlichen Verschiebungen, denen die Masse des jüdischen Volkes wieder einmal entgegengeht, ist es von Interesse, sich mit der genannten Körperschaft und den Beschlüssen, die sie bei ihrer Sitzung faßte, ein wenig näher zu befassen. Wird doch mit aller Wahrscheinlichkeit sofort nach dem Kriege eine Auswanderungsbewegung russischer Juden nach Amerika in unvergleichlich hohem Maße einsetzen. Schon letzt berichten die Tageszeitungen, daß große Scharen russischjüdischer Auswanderer über Sibirien und Japan den amerikanischen Häfen zuströmen, und sämtliche jüdische sowie gewisse staatliche Organisationen in den Vereinigten Staaten sind am Werke, sich auf die bevorstehende riesige Einwanderung vorzubereiten. Es scheint, daß man in Amerika für die Ansiedlung der zu erwartenden Judenmassen zwei leitende Grundsätze aufgestellt hat. Der erste lautet: Der jüdische Einwandererström muß von den Großstädten, den Industrie- und Handelszentren der Nordstaaten ferngehalten und über das gesamte Gebiet der Süd- und Weststaaten verteilt werden. Das zweite Prinzip ist offenbar: Soweit irgend tun lieh, müssen die jüdischen Einwanderer vor einer Betätigung auf den Gebieten des Handels und Gewerbes bewahrt und statt dessen ländlichen Berufen zugeführt werden. Beide Grundsätze haben sowohl vom amerikanischen wie vom jüdischen Standpunkt einige Berechtigung. Schon heute leiden New-York, Chicago und andere Hauptstädte des Ostens unter einer Übervölkerung, unter dem gewaltigen Anwachsen einer Proletarierschicht, deren Erhaltung ungeheure Anforderungen an die Mittel des Staatenbundes stellt. Es ist also ganz berechtigt, wenn man die zu erwartenden Proletariermassen (und tatsächlich muß ja das Gros der einwandernden Juden zu diesen gerechnet werden) über Gebiete verteilen möchte, die noch nicht so stark bewohnt sind, ja sogar der Besiedlung harren, um richtig erschlossen und ausgebeutet werden zu können. Aber auch vom jüdischen Standpunkt erscheint eine gleichmäßigere Verteilung der jüdischen Einwanderer wünschenswert. Wer sich in amerikanischen Großstädten umgesehen hat, der weiß, wie unmöglich es sich schon vor dem Kriege erwies, den jüdisch-kulturellen Bedürfnissen des amerikanischen Großstadt-Proletariats gerecht zu werden. Synagogen, Religionsschulen, jüdische Erziehungsanstalten und soziale Zentren, sie alle blieben an Zahl und Leistungen hinter den Anforderungen der ständig anschwellenden jüdischen Volksmasse zurück, und man mußte befürchten, daß die Folgen dieser Unzulänglichkeit