Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 4 (28.1.1916)
- Date
- 1916-01-28
- Page
- Seite 30 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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:iO Das Jüdische Echo ten und Thorarollen in der alten Schul! Ganz von selbt, ohne Vereinbarung begaben sie sich gleichzeitig zur Schul. Dort trafen sie schon die Schul offen, der Schammes stand vor dem Thoraschrein, er hatte die heiligen Rollen herausgenommen und wickelte sie in Tallesim . . . Still traten die alten Juden in der alten Schul ein, ohne ein Wort zu reden, nahm jeder ein Sefer Thora in die Hände. Und wie sie aus der Schul hinaussehen wollen mit den Thorarollen, schauen sie auf die Wände und es scheint ihnen, als ob die Wände der Schul mit hebräischen Inschriften ihnen nachschauen, wie wenn sie reden wollten, und können nicht, weil sie stumm sind. Einen Augenblick bleiben die Juden mit den Thorarollen stehen und der alte Schammes ruft:«-' „Sind wir ein Minien?" „Ein Minjen" sagen die Juden, sich umschauend. „So wollen wir zum letzten Mal Minchah beten." „Zum letzten Mal!" Mit den heiligen Thorarollen in der Hand, stellen sie sich auf. Aber sie beteten kein Minchah. Der alte Schammes mischt die Tehillim auf und sagt das letzte Gebet: „Hauschienu elauhim ki bou niiam ad nefesch!" Und die Wände weinten mit. literarisches Echo Gustav Meyrink: Der Golem. Roman. Leipzig 1915, Kurt Wolff Verlag. 306 S. Oktav. Feldpostausg.: Mk. 2.50 kart, Mk. 3.50 geb. Bessere Ausgabe: Mk. 4.50 kart., Mk. 6.— geb. Max Brod: Tycho Brahes Weg zu Gott. Roman. Leipzig 1916, Kurt Wolff Verlag. 426 S. Oktav. Mk. 4.— geh., Mk. 5.— geb. Die beiden Romane, die in rascher Folge von dem bekannten Verlage Kurt Wolff dem Publikum dargeboten wurden, sind nicht nur durch die Stätte ihres Geschehens unter einander verbunden, sondern noch tiefer durch den geistigen Hintergrund all ihres Lebens, durch das Judentum. Nicht als ob viel von diesem geheimsten Quell der mannigfachen, oft höchst sonderbar, ja schauerlich aufeinanderfolgenden Ereignisse in Meyr i n k s am stärksten ausgearbeitetem Werke die Rede wäre (auch bei Brod wird nur einmal, allerdings an entscheidender Stelle des Judentums Erwähnung getan), aber ein tieferes Verstehen beider, untereinander doch auch grundverschiedener Dichtungen ist nur im Hinblick auf jüdische Weltweisheit möglich. Wenn im „Golem", dem Meister Pernath, in den sich Mevrink während seines „Traumes" verwandelt und mit dessen Leben verknüpft, alle diese geistigen und burlesken, tiefdurchdachten und witzig eingestreuten „Dinge", das erschütternde Abbild der Welt, in rasendem Ablauf der Zeit vor die Seele formen, so ist all Dies nur die Umschreibung ältester Judenweisheit. Das Haus, in dem nach einer Prager Sage der Golem bei seinem rätselhaften Auftauchen im Wandel eines Menschenalters zu verschwinden pflegte, enthält das Zimmer ohne Zugang — nur mit einem vergitterten Fenster. Dies ist das Bild der menschlichen Seele. Jene einzig mögliche Behausung des „Golem", der in jedem Menschen steckt, ist nur betretbar für den, der den Talisman besitzt, der dem wahren Doppelgänger, dem „Habal Garmin" („Hauch der Knochen") ins Auge geblickt hat. Die letzte Wahrheit läßt Hillel. der Archivar und Kabbaiist, von ferne schauen: „Jede Frage, die ein Mensch tun kann, ist im selben Augenblick beantwortet, wo er sie geistig gestellt hat." Alle spukhaften, atemraubenden und gelegentlich wieder lächerlichen Geschehnisse geben nur einen bunten, und jedem Freunde einer sprachlichen Zierkunst wahrhaft entzückenden Rahmen für dieses Problem der Objektivierung der Menschenseele ab. Die gleiche Aufgabe wird von Brod zu lösen versucht. In der „historischen" Schilderung der Arbeitsgemeinschaft Tycho Brahes und Keplers ist bei aller hocherfreulichen Kunst der realen Darstellung der Nachdruck auf die Gestaltung der seelischen Entwicklung gelegt. Wie der freundschaftlich-hingegossene alte Däne sich zur letzten Klarheit durchringt im harten Kampf mit dem wissenschaftlich-nüchternen jungen Schüler-Meister, wie beide an und gegen einander zur Einheit aufsteigen, wie Tycho schließlich in entscheidender Wendung sein Schicksal erfüllt sieht, das ist in der vielerprobten, nun ausgereiften Wortkunst des jungen Prager Dichters zu einem abgeschlossenen Ganzen geformt worden. Als nach manchem Wirrsal, aus Drang und Not die Steigerung sich gebiert, die jüdische Weisheit des „hohen Rabbi Low" die tiefsten Seiten des „Gottsuchers" Tycho urplötzlich zu rühren anhebt und das Beisammensein mit Kaiser Rudolf als gewaltige Bestätigung der frischen Erkenntnisse den wahren Weg des Mit- Leidens, des Segens und der Begnadigung ausbreitet, da offenbart sich Gott dem ewig Strebenden und ein erhebender Tod schließt sein erhebendes Leben. Der Freund, den er heiß umworben und in Liebe und Haß schließlich als echt erkannt, wird der Vollender seines Werks. In Nr. 31 des abgelaufenen Jahrgangs ist in diesen Blättern als Probe der Romankunst des jung-jüdischen Dichters das Zusammentreffen Tycho Braches mit Rabbi Löwe ben Bezalel zum Abdruck gebracht worden. Theo Harburger. Dr. Josef Mieses. Professor am k. k. Gymnasium Przemysl: „Die älteste gedruckte deutsche Übersetzung des jüdischen Gebetbuches aus dem Jahre 1530 und ihr Autor AnthoniusMarg a r i t h a". Eine literar-historische Untersuchung. Verlag von R. Löwit. Wien 1916. Mit vorliegender Abhandlung bietet uns der Verfasser eine Studie über die älteste im Druck erschienene deutsche Ubersetzung eines Teiles des täglichen jüdischen Gebetes. Es ist gewiß interessant, der Einleitung zu derselben zu entnehmen, daß wir diese Verdeutschung einem Abtrünnigen verdanken, der sie mehr aus Haß denn aus Liebe veröffentlichte. Der zum Christentum übergetretene Rabbinersohn Anton Margaritha hat in der bekannten Art der Renegaten seine Mutterreligion verleumdet und seine vergifteten Pfeile in seinem Buch „der gantz jüdisch glaub" 1530 auf die Menschheit losgelassen. In drei Teilen wird in der Schrift die Biographie Margarithas, dessen Übersetzungen, sowie das ihm hiezu dienende Vorbild eingehend geschildert. Mit großem Fleiß werden alle auf diese drei Teile Bezug habenden Auszüge aus verschiedenen Werken und Zeitschriften (besonders von Ludwig Geiger, Wiener, Grätz und vielen anderen) zusammengetragen und geben ein klaires Bild von dem Renegaten und seinem Werk, wie nicht minder von seinem Vorbild, Victor von Carben (siehe L. Geiger, „die Juden und die deutsche Literatur", Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland, Band II, S. 324).