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Das jüdische Echo · 1916-01-28 · 4 (28.1.1916) · p. Seite 29

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
4 (28.1.1916)
Date
1916-01-28
Page
Seite 29 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 4 Das Jüdische Echo 29 schau, Graf Lerchenfeld gemäß, werden in diesem Jahre obligate Fortbildungskurse für die Lehrer der städtischen und privaten Schulen veranstaltet werden. Außer den Vorträgen auf den verschiedensten Gebieten, die in Aussicht genommen sind, sollen auch Kurse für die folgenden Sprachen eingeführt werden: Deutsch. Polnisch. Jüdisch (Hebräisch) sowie für Literatur. London. In einem offenen Briefe hat Lord Rothschild auf die Beschuldigung der dortigen Antisemiten geantwortet, wonach die Zahl der Juden in der Armee viel kleiner sei. als ihrer Bevölkerungszahl entspräche. Er weist darauf hin, daß die Armee jetzt, aus 3.000.000 Mann bestehend, 6,5% der Bevölkerung umfaßt. Die Zahl der Juden aber in England beträgt 230.000. von denen letzt 17.000 Mann in der Armee dienen, das macht 7,5%. Die Nichtjuden müßten demnach noch 450.000 stellen, um den Prozentsatz der Juden zu erreichen. Der Antisemitismus arbeitet also in England mit den gleichen Mitteln wie in anderen Staaten des Vierverbandes. (D. Red.) Feuilleton Das letzte Gebet Von Schalom Asch. (Schluß.) Der letzte Tag war ein Freitag. Aber den Juden stand der Sinn nicht nach Schabbes. Sie wußten schon gar nicht mehr, was fün ein Tag es ist. Aber — gepackt hatten sie doch noch immer nicht. Sie warteten. Mit einemmal entstand eine Panik unter den Juden. Es war in den ersten Nachmittagsstunden. da erschienen plötzlich Soldaten in den jüdischen Häusern, schleppten Möbel und alle beweglichen Sachen hinaus auf den Markt und trieben die Juden mit hinaus aus ihren Häusern. Da sahen sie, daß es ernst war mit der Ausweisung und unter den Juden erhob sich ein großes Wehklagen. Die Frauen begannen zu jammern und die Kinder zusammenzusuchen, Mütter liefen auf der Gasse umher und schrien: „Wo ist mein Kind? Jossele ist nicht da!" Aber niemand hatte Zeit zu helfen und Jossele zu suchen. Jeder wollte von zuhause noch geschwind dies und das mitnehmen, aber die Hände versagten wieder den Dienst. Man hatte nicht gewußt, was man früher packen solle: Schränke, Kommoden, oder Bettwäsche. Und so riß einer wie bei einer Feuersbrunst aufs Geratewohl ein paar Frauenkleider aus dem Schrank heraus, und ging auf den Markt hinaus. Ein anderer hielt in seinen Händen ein paar Messingleuchter und einen Mörser; er meinte, das sei das Wertvollste aus seinem Besitz. Ein paar Knaben schleppten Bücher auf den Markt hinaus. Dort trugen zwei Juden ein Bett, in dem ein alter, kranker Jude lag, mit zwei vom Fieber weit Cognac Macholl München den besten französischen Marken ebenbürtig — überall erhältlich. Eigene Verkaufsstelle: Karlsplatz 25 (Hotel Königshof) aufgerissenen Augen. Das war Reb Ahron Leib Din, der Zaddik, der schon zwanzig Jahre im Bette liegt und Thora lernt. Ein Jüngelchen führte an der Hand einen alten, blinden Juden und setzte ihn auf einen Pack Sachen, mitten auf dem Markt. Und der alte, blinde Jude tastete mit seinem Stecken um sich herum und weiß nicht, wo er sich befindet, und er spricht laut, denkt, er ist unter Menschen, die ihn hören. Aber niemand hört ihn, weil alle viel zu viel mit sich zu tun hatten. Plötzlich wuchs der Schrecken noch mehr an, die Panik griff um sich wie ein Feuer, jemand schrie, die Juden sollten sich beeilen und so ließen sie in der letzten Minute alles liegen und stehen, wie es war, packten ihre Kinder und liefen hinaus auf den Markt. Ein jedes von den Kindern hielt ein Packel in der Hand. Einige schleppten ihre Chumoschim. Gebetbücher, die Heiligen Schriften als ihren teuersten Besitz, ererbt von den Eltern; andere Bettzeug, Wäsche, Kleider. Die Weiber wußten gar nicht, was mit ihnen geschieht. Sie liefen herum und suchten beständig ihre Kinder, die sie doch fest an der Hand und im Schoß hielten. Die Ruhigsten waren noch die alten Leute und die jungen Mädchen. Still packten die Mädchen Wäsche und Kleider in große Bündel und trugen sie auf den Markt hinaus und die Familienväter verschlossen die Türen und Läden der Häuser und Kaufläden, ließen alles darinnen zurück und stellten sich auf den Markt. Im Verlauf einer Stunde füllte sich der Markt mit Juden, Weibern und Kindern. Packeln und Bündeln. Da ein Kind auf einem Pack Kleider, dort ein paar Messingleuchter, die aus einem Talles, in den sie gewickelt waren, herausgefallen sind. Koffer voll Frauenkleidern, Juden mit Bettzeug, Weiber mit Säuglingen an der Brust, alles stand im fürchterlichen Durcheinander am Markte herum und schrie und weinte, und ringsherum standen die Häuser mit verschlossenen Läden und die verriegelten Kaufladen, wie am Schabbes. Und ein paar polnische Burschen mit ihren Mädchen standen auf den Schwellen der Häuser, schauten all dem Jammer zu und lachten. Und in den Herzen der Juden war finstere Nacht, trotz des schönen, sonnigen Nachmittags. Die Sonne schien wie jeden Tag, geradeso herrlich wie sonst, mit einem fröhlichen, feiertäglichen Freitagnachmittagsglanz, wenn die Juden zum Wasser gehen, um sich zu Ehren des heiligen Sabbath zu baden. Sie wußte nicht, daß Krieg auf der Welt ist, und man die Juden aus einer Stadt vertreibt. Nur das goldene Dach des Rathauses glühte rot in der Sonne, wie vergossenes Blut und erschreckte den Himmel und die Sonne. Aber rings um die Stadt breiteten sich grünende Felder und blühende Wiesen mit Bäumen und jedes Blatt und iedes Bäumchen glänzte und strahlte frisch und rein in der Herrlichkeit des Sonnenlichts. Und alles schien die Juden zu verspotten, das Grün und die Häuser, und ihnen zuzurufen: „Wir stehen, wir bleiben, und ihr müßt weg" . . . Bloß die Weichsel zog sich weit, weit weg, wie ein silbernes Band inmitten des Grünen, und die Kinder dachten sich, wohin sie gehen werden, wird die Weichsel mit ihnen gehen .... Und da geschah es ... . Als man die Juden schon auf den Markt getrieben hatte, und alles schon am Markt versammelt war. da erinnerten sich ein paar alte Männer an die heiligen Schrif-

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