Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 4 (28.1.1916)
- Date
- 1916-01-28
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9072829-9102942-9117833--00681-9073507- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 4 Das Jüdische Echo 31 Der Raum versagt es uns leider, eingehender auf die Abhandlung einzugehen, nur eines dürfte noch als Kuriosum hervorgehoben werden Der Übersetzer der hebräischen Gebete gesteht daß es ihm schwer ist, die deutsche Sprache zu beherrschen und daß er in Zukunft nur hebräisch schreiben will. Wir lassen seine eignen Worte folgen: „Ich bitt ein jeden guttherzigen Christlichen Leser das er mir mein viel und lang schreiben nicht verübel habe, das ich nicht so gar uol der teutschen sprach berichtt bin, darumb hab ich mir gentzlich fürgenommen nichts teutsch mehr zu schreiben . . . . ich will etlich nützlich und fürnemlich Ding inn der hayligen hebrayschen sprach ausgehen lassen....." Der Leser kann hieraus folgern, welcher Art seine Gebetsübersetzung beschaffen ist. Die fleißige Arbeit von Mieses verdient jedenfalls Beachtung. j. Er. Dr. Arthur Zacharias Schwarz: Sitzungsberichte der Kaiserl. Akademie der Wissenschaften in Wien. Philosophisch- Historische Klasse. 175. Band. 5. Abhandlung. „Die hebräischen Handschriften der k. k. Hof bi-blio thek zu Wien" (Erwerbungen seit 1851). In Kommission bei Alfred Holder in Wien. Preis 3.05. Seit dem Erscheinen der Kataloge von Kr äfft (1847) und Goldenthal (1851) ist eine größere Zahl hebräischer Handschriften in den Besitz der k. k. Hofbibliothek gelangt, über die bis jetzt ein gedruckter Katalog nicht vorlag. Hiedurch ist diese Gruppe von Handschriften ziemlich unbekannt geblieben. Nach Ansicht des Verfassers kann diese Sammlung von minderwertigen Bestandteilen nicht ganz freigesprochen werden, schließt aber auch eine ganze Reihe wichtiger Stücke ein. Dr. Schwarz hat sich nun während einer Reihe von Jahren bemüht, seine aufgenommenen Notizen zu sammeln und hat hieraus einen wissenschaftlichen Katalog ausgearbeitet. Die Schrift dürfte für Gelehrte und ganz besonders für solche, welche sich für hebräische Wissenschaften interessieren, recht wervoll sein; an der Hand derselben ist ein eingehendes Studium wesentlich erleichtert. Dies umsomehr als ein geordnetes Inhaltsverzeichnis sowie Register angefügt sind. Eine interessante Tafel aus einem Mahzor-Pergament für Rosch-Haschanah liegt ebenfalls bei. 0. Dr. M. Ascher: Guillivers neue Reise. Concordia, Deutsche Verlagsanstalt Berlin. Kart. Mk. 1.50. Unter diesem leichten Titel gibt der Verfasser neue und alte, ganz alte, oft tiefgründige Gedanken oder wenigstens den Weg zu ihnen. In dem erdachten Musterstaat Risolia (das Reich der Lachenden) im Gegensatz zu Pleuresia (das Reich der Weinenden) zeigt uns der Verfasser eine kulturideale Volksgemeinschaft, deren vollkommener Staatsorganismus zu den rückständigen Zuständen unserer Länder in allen Farben geschildert und als Beispiel gepriesen wird. Überall, wo die Risolianer wirken, haben sie wahre Wunderwerke geschaffen. Kein Gebiet staatspolitischer oder staatsorganischer Einrichtungen und Maßnahmen bleibt unberührt. Uberall sind wir dem Risolianer gegenüber die armen, bedauernswerten, kulturübertünchten Menschen. In fließender Sprache und anmutiger Schilderung versteht der Verfasser unsere Aufmerksamkeit zu wecken und viele Gedanken anzuregen. Die reizvolle Erfindung der Begebenheiten macht das Buch interessant. Aber überzeugen und fortreißen, erheben kann die Erzählung nicht. Dazu gehört doch mehr als kunterbuntes Aufzählen der vielen scheinbar idealen Kulturschöpfungen eines Wunderstaats „Risolia". Dem aufmerksamen Leser entgehen auch die Widersprüche nicht, die dem Verfasser bei seinen „idealen Forderungen" unterlaufen sind. Trotzdem ein empfehlenswertes anregendes Werkchen, dessen Inhalt jeden Leser interessieren wird. J. S. Zeitungs-Echo Herr Rabb. Dr. Goldmann - Oppeln schreibt im November-Dezember-Heft der K.-C.-Blätter: „Es gab in früheren Jahrzehnten russische Machthaber, die ein ehrliches Interesse an der Hebung der polnischen Juden hatten. Sie sind an der Sprachenfrage allesamt gescheitert, da sie dem jidisch redenden Juden die russische Sprache aufzwingen wollten. Dasselbe Schicksal werden die vom Westen ausgehenden Versuche erleiden, wenn sie die lebendige Volkssprache durch Deutsch oder Polnisch ersetzen wollen. Jidisch muß die Sprache des Juden bleiben: das sagen einem Gefühl und Verstand. Es geht zunächst überhaupt nicht an, einer Menschengruppe plötzlich die Muttersprache rauben zu wollen. Das Jidische wegen seiner Häßlichkeit zu verdammen, ist auch kein Standpunkt, der sich verteidigen läßt. Zudem stimmt das Urteil nicht, wie jeder Kenner des großen und schönen iidischen Schrifttums bestätigen wird, und dann trägt ja überhaupt eine jede Sprache den Maßstab für Schönheit und Häßlichkeit nur in sich selber. Freilich darf man die jidische Sprache nicht mit dem geistlosen Gemauschel unserer Witzblätter oder mit dem Jargon, der Mischsprache, verwechseln, vermittels derer sich in Deutschland reisende Ostiuden verständlich zu machen versuchen. Logische Erwägungen führen aber zu demselben Ereignis. Die polnischen Juden haben eine Kultur, welche deutschen Ursprungs ist und im Westen wurzelt, und so werden sie sicherlich, wie teilweise schon heute einen wichtigen Stützpunkt deutschen Wesens und deutscher Interessen im Osten bedeuten. Als völlig deutsch sind sie aber ebensowenig anzusprechen, wie etwa die Holländer, die in gleicher Lage sind. Wollte man versuchen, die Ostjuden restlos der deutschen Sprache zuzuführen (abgesehen natürlich von solchen Gebietsteilen, die dem Deutschen Reiche einverleibt werden sollten), so würde man den Schwerpunkt ihrer Interessen künstlich nach Deutschland verlegen. Man würde ihnen ihr eigenes Wesen nehmen, ihnen Halt und Sicherheit gänzlich rauben, um sie dafür mit einer dünnen, nutzlosen, deutschen Tünche zu überziehen. Man würde mit einem Worte die Auswanderung großziehen, die man doch in ihrem eigenen Interesse vermieden sehen will! Daß überdies im Falle der Einführung der Amtssprache des Deutschen Reiches das Verhältnis zur polnischen Bevölkerung ein recht gespanntes werden müßte, sei nebenher erwähnt. Von welcher Seite man also auch das Problem anpacken möge, zu einem anderen Ergebnis kann man kaum kommen als zu dem natürlichsten, daß die Muttersprache der Ostjuden nicht angerührt werden darf".