Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 4 (28.1.1916)
- Date
- 1916-01-28
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 Das Jüdische Echo 27 die Kinder sehr rückständig:. Im privaten Verkehr, außerhalb der Schulstunden, sprechen sie nur jidisch. Das Deutsche erlernen sie schnell und sprechen es nach kürzester Zeit geläufig Diese Berichte werden leider in der Ausstellung nicht genügend beachtet. Ähnliche liefen von andern Schulen nicht vor. Über geistige Anregungen für Erwachsene erfahren wir leider nichts Über Drucke, Bücher, Zeitungen, Vorträge usw.', worüber man aus polnischen, ruthenischen, italienischen Lagern statistische Daten erfährt, sind solche aus den jüdischen Lagern nicht ersichtlich. Sollte man wirklich in kurltureller Hinsicht zuviei unterlassen haben? Von Bedeutung sind für die Verbreitung guten Geschmackes und hausindustrieller Betätigung in den gegenwärtigen Kriegsgebieten die Filetnetz-, Spitzen-, Näh- und Klöppelkurse z. B. in Nikolsburg. Die ausgestellten Erzeugnisse, auch der Stickereikurse, sprechen von Geschicklichkeit, Ausbildungsfähigkeit der Schülerinnen und entbehren auch nicht eines gewissen künstlerischen Wertes. Leider waren die Vorlagen weit entfernt von einer besonderen jüdischen Note ähnlicher Art, wie man z. B. in den andersvölkischen Lagern nur mit dem entsprechenden überlieferten Formenschatz gearbeitet hat. Man vermißt Beziehungen zu den Motiven, die in Stickereien für rituelle Zwecke vorkommen. Die Arbeiten der Schulen der Frau Anita Müller in Wien, die ca. 850 Mädchen beschäftigte, tragen durchwegs jüdische Namen und sind erfreuliche Sehenswürdigkeiten, aber gab es wirklich keine anderen Motive zu verwerten neben Puppen in Bauerntracht der Krakauer Umgebung und Spitzenarbeiten ä la Richelieu? Photographien zeigen schöne, starke, junge und alte Juden in Werkstätten aller Art. Die Einwohner des Nikolsburger Barackenlagers bauten sich selber einen einfachen und schönen, von breiten Flächen getragenen Tempel. Warum fällt das als Einziges auf? Gab es keine Möglichkeit in dieser Richtung etwas zu leisten, ähnlich wie man es in Gmünd, im ruthenischen Lager tat? Nicht unerwähnt will ich zum Schluß lassen, daß in Wien die zionistische Organisation eine große Fürsorgetätigkeit entfaltete. Ihr schönstes Werk war wohl das Arjmenambulatorium. Es fehlen leider die Daten im Rechenschaftsbericht der Ausstellung. Man geht unbefriedigt von der Ausstellung weg. Ein Volk im Unglück hierhergetrieben, konnte viel mehr aus dieser unfreiwilligen Muße des Exils gewinnen in kultureller und sozialpoltischer Hinsicht, als es geschah. Womit kehrt der Flüchtling in die Heimat, in die zerstörte zurück? Und wird der Wiederaufbau ihn vorbereitet finden. Nagler. Noch einiges zum Ostjuden» problem In unser Nr. 2 dieses Jahrgangs brachten wir Äußerungen des Gouverneurs v. Puttkamer, die im „Tag" vom 23. Dez. 1915 unter dem Titel „Eine Kulturfrage im Osten" veröffentlicht waren. Neuerdings — am 14. Januar 1916 — ist ebenfalls im „Tag" eine Ergänzung zu jenem Artikel erschienen, an der wir hier doch nicht ganz vorübergehen wollen, wenn sie auch nicht mehr viel Neues bringt. Es ist im Wesentlichen Beweismaterial für die Tatsache, daß größte Eile nottut, Wandlung in die Verhältnisse der polnischen Juden zu bringen. Puttkamer sagt, daß es den Juden in Polen wirtschaftlich unter der russischen Herrschaft eigentlich besser ergangen sei als jetzt; vor allem die Hygiene und Verpflegung sei in einzelnen Gegenden auf einen solchen Tiefstand angelangt, daß beispielsweise die Kindersterblichkeit ungeheuer zugenommmen habe, „— Kinder unter fünf Jahren sieht man kaum noch. Frauen und Kinder müssen oft 25 Kilometer weit zu Fuß gehen, um in der jüdischen Volksküche der nächsten Stadt eine warme Suppe zu erhalten. Zwar fehlt es nicht an einem Hilfskomitee in Warschau, dem zur Linderung der schlimmsten Not bis jetzt etwa 11 Millionen Rubel (der sogenannte Tatjana-Fonds) zur Verfügung standen, die auch unter der Aufsicht des Erzbischofs von Warschau zur Verteilung gelangt sind. Obwohl aber etwa 2V2 Millionen dieses Betrages von jüdischer Seite aufgebracht wurden, befindet sich doch kein Jude im Komitee, und nur 150 000 Rubel sind den Juden für Hilfszwecke übergeben worden, was allgemeine Erbitterung und Bestürzung erregt hat und auch kaum zu rechtfertigen ist in Anbetracht des Urastandes, daß 15 vom Hundert der Gesamtbevölkerung Polens Juden sind." Allerdings hat die deutsche Regierung von Anfang an nach Behebung aller Mißstände gestrebt. Einem jüdischen Reichstagsabgeordneten — Dr. Haas — wurde das Referat über jüdische Kultus- und Schulangelegenheiten beim Generalgouvernement Warschau anvertraut. „Es scheint aber dies noch nicht zu genügen; einmal übersteigt die mit der Aufgabe verbundene Arbeit entschieden die Kräfte eines Einzelnen; sodann aber kommen außer Kultus- und Schulsachen noch eine ganze Menge anderweiter unendlich wichtiger Dinge in Frage, wie Vereins- und allgemeine Wohlfahrtsangelegenheiten, Beschaffung und Verteilung billiger Lebensmittel, Volkshygiene. Verteilung und Besiedelung von Land, Anlage von Gärten zum Anbau von Gemüse u. dgl." Puttkamer kommt daher zu dem Schluß, daß eine größere Anzahl mit den Verhältnissen vertrauter Beamten angestellt werden muß, um hier eine Besserung des Loses der Juden herbeizuführen. Der Verkehr mit diesen Beamten soll durch jüdische reichsdeutsche Vertrauensmänner erleichtert werden, um so einerseits den polnischen Juden in ihrer Scheu vor Behörden entgegenzukommen, andererseits die Beamten vor dem Überlaufenwerden mit kleinlichen Dingen zu bewahren. al. Zahlen beweisen Durch Zahlen läßt sich nicht nur das Steigen und Fallen von materiellen Werten erkennen, durch Zahlen können wir auch Gesinnungen und Gefühle abwägen. Diese Beobachtung drängt sich bei einer Betrachtung der neuesten Zusammenstellung des Zentralbüros des Jüdischen Nationalfonds über das Sammelergebnis im Jahre 1915 auf. Die Gesamtsumme hat mit Mk. 509.478.— eine verhältnismäßig nur geringe Minderung gegenüber dem letzten Friedensjahre erlitten und steht durchaus auf der Höhe des Durchschnitts bis zum Jahre 1910. Nordamerika konnte dank seiner. Lage, die die Beteiligung am Weltkriege verhinderte, ungestört das Augenmerk auf die Palästinaarbeit gerichtet lassen, ja trotz der mannigfachen Hilfsaktionen für die europäischen Notstände ein gesteigertes Ergebnis aufbringen.