Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 4 (28.1.1916)
- Date
- 1916-01-28
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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26 Das Jüdische Echo steii Entwicklung, so gering vorerst ihre praktischen Erfolge vielleicht sein werden, unsere wohlwollende Aufmerksamkeit zu schenken. Dabei bleibt es allerdings eine offene Frage, ob der deutsche Liberalismus an sich nicht auch für ein jüdisch-positives d. h. die jüdische Eigenart respektierendes und förderndes Programm zu gewinnen wäre. Es liegt doch die Vermutung nahe, daß der deutsche Liberalismus für ein richtiges Verständnis der Judenfrage durch die die liberale Presse stark beeinflussende jüdische Assimilation „verdorben"' worden ist. Es muß erst bewiesen werden, daß diese Sünde der liberalen deutschen Juden nicht wieder gutzumachen ist, daß der deutsche Liberalismus ein für allemal das ihm von den (liberalen) Juden selbst vindizierte destruktive Programm hinsichtlich der Judenfrage nicht mehr aufzugeben willens ist. Dann erst wird die neue politisch-konservative Richtung unter den Juden, die heute erst im Entstehen begriffen ist, Aussicht haben, eine auch nach außen hin ansehnliche Bedeutung zu erhalten. M. Marx. Die Kriegshilfsausstellung in Wien Der grauenvolle Schrecken vor der Sturmflut der Kosakenhorden trieb unübersehbare Massen auf nicht bedrohten Wegen nach dem Westen zu. Der Strom der Flüchtlinge schwoll unheimlich an, überflutete die Städte und Länder, wand sich allen Schienensträngen entlang, die weit weg von Mord, Brand, Schändung und Pünderung führten. — Beinahe eine Million Menschen entwurzelte der panische Schrecken, der den Kriegsoperationen voranging. Und diese Völkerwanderung, die Deutsche, Polen, Ruthenen, Rumänen, Italiener, Kroaten, Slovenen. vorwiegend aber Juden umfaßte, wuchs zu einem schweren ethnischen und sozialen Problem an. Private und öffentliche Fürsorge mühte sich um die Lösung, vor der sich Schwierigkeiten auf Schwierigkeiten türmten. Es galt den Strom zu verteilen, damit er nicht in einzelnen Orten zusammengestaut, sich und der heimischen Bevölkerung schwere Verlegenheiten bereite — es galt hygienische Maßnahmen zu ergreifen, die Ernährungs-, Bekleidungsfragen zu lösen dort, wo schon ein Obdach gefunden, oder auch als Barackenlager neuimprovisiert werden mußte. Der Arbeitslosigkeit der aus ihren Berufen herausgeschleuderten, abseits von allen Erwerbsmöglichkeiten zusammengebrachten mußte entgegengesteuert werden, —■ man mußte der geistigen und seelischen Depression Tausender, die in eine gefährliche Massenpsychose hätte ausarten können, entgegenwirken durch Beschäftigung verschiedener Art, natürlich auch durch kulturelle Fürsorge. Man mußte sich auch vor Augen halten, daß diese Million Seelen beim späteren Wiederaufbau ihrer Heimat mittätig sein müssen vielleicht in ganz anderen, neuen Erwerbszweigen, es galt also kulturell und wirtschaftlich alle dafür vorzubereiten, direkt zu schulen. Wie diese Aufgaben gelöst wurden, darüber erfahren wir viel Lehrreiches in der Ausstellung „die Kriegshilfe", die das k. k. Ministerium des Innern, nach einem Jahre ihrer Tätigkeit, gewissermaßen als Spiegelbild dessen, was geleistet wurde, veranstaltet hat. Es würde uns zu weit führen, hier auf die Besprechung aller Lösungen der Probleme, die die 'Flüchtlingsfürsorge gestellt hat, einzugehen. Darum wollen wir nur einzelne Fragen beantworten, die uns am meisten am Herzen liegen. Was erfahren wir in der Ausstellung von den jüdischen Flüchtlingen? Wie wurden diese für die Rückkehr ins zerstörte Heim vorbereitet? Wie nützte man diesen eigenartigen, hoffentlich nie wiederkehrenden Zustand, daß beinahe ein Drittel der ganzen jüdischen Bevölkerung Galiziens und Bukowinas vom Osten nach dem Westen verschlagen wurde? Man muß wohl hier nicht erklären, warum die Juden die weitaus höchste Zahl der Flüchtlinge aufweisen. Über ein Drittel des ganzen Stromes. Und es wäre mehr, viel mehr, wenn nicht vieles so unerwartet und plötzlich gekommen wäre, und dann hätte auch vielleicht das jüdische Volk doch nicht so arg gelitten von den Horden nicht nur der Kosaken. Ein paar Zahlen werden das Bild erhellen und die Antwort auf die Fragen erleichtern. Der jüdische Flüchtlingsstrom begann schon Ende August 1914 sich nach dem Westen zu ergießen, natürlich den Großstädten zu in der natürlichen Voraussicht, dort sich einen Erwerb zu suchen. Als er, mit dem Gang der Operationen in Galizien und Bukowina immer mehr und mehr anzuschwellen begann und die offizielle Fürsorge eingriff, erreichte er schon im November 1914 82,377 Seelen. Das war der niedrigste Stand. Bis Juni 1915 sollte er bis zu 266,137 Seelen heranwachsen. Dann folgte aber bald die teilweise Möglichkeit der Rückkehr und langsam ebbte der Strom ab. Im Oktober 1915 (der Zeit der Vorbereitungen zur Ausstellung) sank er schon auf 157.630 Seelen. Davon waren in Wien 77.090, in Böhmen 57,159, in Mähren 18.429. in Niederösterreich ohne Wien (Barackenlager Bruck a. d. Leitha) 4.404. Der Rest verteilte sich auf Ober- Österreich, Steiermark, Krain. In den vier jüdischen Barakenlagern Gaya, Nikolsburg, Pohrlitz und Bruck a. d. Leitha. woher man nach der ersten Möglichkeit einer Rückkehr in die Heimat, sofort zurückbefördert wurde, waren noch am 1. Oktober 1915 10.436 Seelen. Das sind hohe Ziffern. Und ein großer Teil des jüdischen Volkes war hier in der Fremde. Es ist weder an der Zeit, noch hier der Platz, jetzt über die Möglichkeiten zu sprechen, die sich darboten und die unterlassen wurden. Wir wollen nur feststellen, was getan wurde. Vorausgeschickt muß werden, daß es im Gegensatz zu anderen nationalen Fürsorgekomitees, von;der zionistischen und jüdisch-nationalen Seite keinen Tätigkeitsbericht in der Ausstellung gab, so daß man nicht ganz im klaren ist, was in den einzelnen großen Ansammlungsorten der jüdischen Flüchtlinge, in Wien und Prag z. B. in kultureller und sozialer Hinsicht geleistet wurde. In den Barackenlagern, wo die „Ingerenz außenstehender Faktoren" (offizieller Bericht) ausgeschlossen war, oblag die kulturelle Fürsorge den Kultusgemeinden, den Rabbinern und der Baron Hirsch- Schulstiftung. Diese letztere richtete 23 Schulen mit 4270 Kindern (2403 Knaben und 1867 Mädchen) ein, und stellte genaue Berichte über ihre Tätigkeit zur Verfügung. Es waren Volks- und Bürgerschulen organisiert nach dem Lehrplane der galizischen Schulbehörden. In ihren Berichten äußern sich die Leiter durchwegs sehr günstig über die Intelligenz der Kinder, über ihre Fähigkeit, die Wahrnehmungen in Worte zu kleiden, allerdings in jidische Worte (wie es in den Berichten heißt: im Jargon). Im Polnischen seien