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Das jüdische Echo · 1916-01-21 · 3 (21.1.1916) · p. Seite 20

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
3 (21.1.1916)
Date
1916-01-21
Page
Seite 20 (sequence 4)
Language
German
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20 Das Jüdische Echo Nr. 3 käuferin, unter den obwaltenden Ümständen müssen wir uns mit einem kleineren oder minder schönen begnügen. Zwei Damen, welche ebenfalls hinzutraten, äußerten dieselbe Meinung, obwohl ihnen der Baum ebenfalls gefiel. Da kommen zwei Nichtchristinnen und siehe, diesen ist er nicht zu teuer. Sie kaufen ihn. Und solche Fälle nahm ich dann mehrere wahr. Wir werden also augenscheinlich heuer das merkwürdige Schauspiel haben, daß die Christen auf den Schmuck ihres christlichen Festes, mit dem sie die Geburt ihres Heilands feiern, verzichten müssen, weil andere die Christbäume um jeden Preis aufkaufen können. Gibt es da keine Abhilfe? Wir bauen uns doch auch keine Laubhütten und backen keine Mazzes!" („Reichspost".) Feuilleton Das letzte Gebet Von Schalom Asch. Drei Tage haben sie gewartet. Sie meinten alle, daß Gott ein Wunder geschehen lassen werde und die schreckliche Heimsuchung vorübergehen wird. Und so taten sie gar nichts, bis die letzte Minute kam. Als der Kommandant, am zweiten Tage nach der Hinrichtung des Rabbiners, Reb Baruch Dasar und Reb Auser Chasid zu sich rufen ließ und ihnen sagte, daß nach Verlauf von drei Tagen sich kein Jude mehr in der Stadt befinden dürfe, verstanden sie nicht, was er meinte. Sie konnten sich nicht vorstellen, daß es möglich sein könnte, daß alle Juden der Stadt mit Weibern und Kindern, mit Kranken in den Betten, mit alten Leuten, die nicht mehr gehen können — die Stadt verlassen sollen. Wohin sollten sie denn gehen? Und was wird mit ihren Häusern geschehen, mit ihrem Vermögen, mit der Schul, dem Bethhamidrasch, dem Friedhof und der ganzen Stadt? Sie dachten, man wolle sie bloß erschrecken. Und so kamen sie ganz erschrocken, halb tot vor Entsetzen vom Kommandanten zurück. Mit klopfendem Herzen erwartete sie schon die ganze Stadt draußen am Markt. „Jiden, es ist nischt gut!" rief einer aus der Menge, als Reb Dasar und Reb Auser Chasid mit bestürzten Mienen aus der Kommandantur kamen, mit zerdrückten Kaftanen und zitternden Schläfenlocken. „Was ist geschehen?" schrien die aufgeregten Juden, die ihnen entgegenliefen. „Er weist uns aus der Stadt aus" ruft Auser Chasid mit schreckerfüllter Stimme: Dasar kann gar nicht reden vor Entsetzen. „Was heißt das?" fragen die Juden. „Was das heißt? — Mit Weibern und Kindern, mit Kranken und alten Leuten, wird man uns hinausjagen. Hinaus, hinaus aus der Stadt; nach drei Tagen darf kein Jid mehr da sein. Hinaus, hinaus! Das heißt das!" — schreit Auser voll Schmerz. Die Juden schrien laut auf vor Entsetzen, senkten weinend die Köpfe und eilten nach Hause. In wenigen Minuten war das Unglück, das über die Juden hereingebrochen war, in der ganzen Stadt bekannt. Aber im Grunde ihres Herzens glaubten sie doch, daß der Befehl nicht ernst gemeint sei; niemand glaubte, daß es möglich sein könne und hielt es nur für eine Scheinverordnung, die sie erschrecken sollte. Sie hatten wohl gehört, daß tief in Rußland drin solche Ausweisungen vorgenommmen werden; dort, wo Juden nicht wohnen dürfen, dort weist man die Juden aus. die dorthin kommen. Aber da, hier im Städtel. wo Juden seit undenklichen Zeiten wohnen, wo sie einen so alten Friedhof haben, mit Gräbern von so viel berühmten Männern, zu denen eine Menge Juden jedes Jahr zu beten kommt — hier soll man plötzlich alle Juden der ganzen Stadt ausweisen? Und was werden sie mit den Häusern tun, mit den Kaufläden, mit der Schul und dem Beth-hamidrasch, mit den Gräbern der Ahnen, der berühmten Rabbiner? Sie bewegten auch nicht einen Finger, um ihr Hab und Gut zu packen. Was sollten sie packen? Das Bettzeug, das Geschirr? Wenn die teuersten Sachen, die Stadt, die Häuser zurückbleiben! Das können sie doch nicht in den Kisten mitnehmen. So packten sie gar nichts und liefen herum, klagten und beratschlagten, was sie machen sollten. Zum Gouverneur in die Gouvernementsstadt zu fahren wurde ihnen nicht erlaubt. Dazu muß man einen Erlaubnisschein zur Abreise aus der Stadt haben. So verfaßten sie ein Telegramm an den Gouverneur. Man versammelte sich in des gehängten Rabbiners Stube, bei der Witwe, und Leiser, der Gemeindeschreiber, der ein wenig Russisch kann, schreibt das Telegramm. Die andern Juden stehen um ihn herum und diktieren. Einer sagt, man soll in das Telegramm alles hineinschreiben, was die Juden letzt fühlen. Und weshalb sie von diesem Unglück betroffen worden sind. Man soll sich nur gar nicht fürchten und alles hineinschreiben und nicht auf die Kosten des Telegramms schauen. Das Telegramm war lang und rührend. Leiser, der Schreiber, hat sein Bestes getan und alles genau geschildert und ausgemalt, was die Juden in der Zeit seit Ausbruch des Krieges mitgemacht haben. Und wofür jagt mam sie hinaus? Weshalb hat man ihren Rabbiner gehängt? Sie stehen treu zum Kaiser, sie wollen für ihn in den Krieg ziehen und sie bitten den Gouverneur, „der immer wie ein Vater zu ihnen war," er möge sich ihrer annehmen. Man trug das Telegramm auf die Post. Die Juden der ganzen Stadt gingen mit auf die Post, um das Telegramm aufzugeben. Der Beamte am Telegraphenschalter nahm das Telegramm an, las es und lachte. Darnach rief er andere Beamte zu sich, sie lasen es laut vor und dann lachten sie über Leisers schlechtes Russisch und über die Frechheit der Juden, sich über den Kommandanten beim Gouverneur zu beschweren. Das Ende war, als alle Beamten sich genug angelacht hatten, daß man den Juden das Telegramm zurückgab: „Man kann es nicht wegschicken." „Warum nicht?" „Der Kommandant muß es unterschreiben. Alle Telegramme müssen die Unterschrift des Kommandanten haben." Zum Kommandanten gingen sie erst gar nicht. Ein paar gingen zum Geistlichen, er möge sich für die Juden verwenden. Andere wieder wandten sich an einflußreiche Christen ihrer Bekanntschaft. Weder der Geistliche noch die christlichen Bekannten schlugen die Bitte ab; aber sie könnten leider auch nichts tun. Da zog große Trauer in die Gemeinde ein. Man hat Tehillim gesagt, die Juden liefen auf den guten Ort, zu des großen Rabbi Grab. Nur gepackt haben sie nichts, weil sie die Hände nicht erheben konnten, um etwas zu tun. Und so wartete man bis zum

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