Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 3 (21.1.1916)
- Date
- 1916-01-21
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9102942-9117832--00668-9073494- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 3 Das Jüdische Echo 19 Jüdische und nichtjüdische Äuffassung der polnischen Schulfrage Schon häufig wurde bei der Behandlung jüdischer Fragen die Beobachtung gemacht, daß jüdische Beurteiler die Forderungen der Gerechtigkeit vernachlässigen, „um gewiß keinen Anstoß bei Außenstehenden zu erwecken", während Nichtjuden unbefangen für die Berechtigung jüdischer Anschauungen eintreten. Diese Erscheinung zeigt sich wieder einmal in einer Angelegenheit, die seit längerer Zeit die Öffentlichkeit beschäftigt: die Frage der Unterrichtssprache in den jüdischen Schulen Polens. In mehreren Artikeln hat Herr Prof. Dr. Martin Philippson in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" (1915, Nr. 41, 46, 51) gefordert, daß das Jidische fallen müsse als Lehr- und damit als Umgangssprache. Um des guten Einvernehmens mit der umgebenden Bevölkerung willen solle das Polnische nunmehr die alleinige Sprache der dortigen Juden werden. Trotzdem diesen Forderungen in der gleichen Zeitschrift auch von liberaler Seite entgegengetreten wurde mit dem Hinweis auf die geschichtliche Bedeutung des „Jargons" und auf seinen politischen Wert für die Stärkung des deutschen Einflusses, ließ sich der „Polonisator" von seinen konsequent zu Ende gedachten Assimilationsbestrebungen nicht abbringen. Daß er dabei die Moral einer großen Masse von Stammesgenossen mit der unwürdigsten Waffe, einer generellen Verleumdung leugnete, sei hier nur nebenher zur Sprache gebracht. Den Verteidiger der Ostjuden in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums". Herrn Hochschuldozenten Dr. Julius Hirsch, apostrophiert er: „Ja, hat Hirsch bei seinem sechsmonatigen „unfreiwilligen" Aufenthalt in Polen nichts davon erfahren, daß eine starke Anzahl der dortigen Juden den Qoi als ihren natürlichen Feind betrachtet, den in jeder Weise auszubeuten nicht allein ihr Recht, sondern ihre Pflicht ist? Haben ihm Offiziere und Mannschaften unseres Heeres nichts von der scheußlichen Prostitution erzählt, zu der viele Juden ihre eigenen weiblichen Angehörigen benutzen, wenn sie dadurch ein gutes Geschäft machen können?" Die Erklärung für solchen, angeblich allgemein herrschenden Tiefstand hat er gleich bei der Hand: „Aber weshalb stehen denn die Juden Galiziens ökonomisch wie moralisch auf einem so niedrigen Standpunkt? Gerade weil sie es hartnäckig abgelehnt haben, sich irgend mit dem herrschenden Polentum zu verschmelzen, weil sie sich sorgfältig von den Christen absondern und ihre „jiddische" Sprache anstatt der polnischen festgehalten haben". Hat Philippson mit diesen Äußerungen auch bedacht, daß er sich und seinen Gesinnungsgenossen den berechtigten Vorwurf mangelnder Berücksichtigung des deutschen Interesses zuzieht? Vielleicht wird 'dieser „Erfolg" seiner Gedankengänge dem Herrn Redakteur der „grünen Allgemeinen" doch nicht lieb sein. Im vollsten Gegensatz zu diesen Meinungsäußerungen eines „deutschen Juden" steht eine Erörterung des auch unseren Lesern bekannten Schulrats Dr. Eberhard- Greiz in der „Pädagogischen Warte" vom 1. Januar ds. Js. Er informiert seine Leser zunächst über das Wesen des jüdischen Cheders und über die in den letzten Jahren aufgetretenen Reformbestrebungen. Voller Anerkennung über die von David Jellin und Isaak Epstein eingeführte „natürliche Methode", das sog. „Ibrith be-Ibrith" sieht er die Lösung der jüdischen Schulfrage in Polen in der trotz aller russischen Hemungen eingeleiteten „Synthese" der jüdischen und der modernen Kultur. „Diese Entwicklung erfolgte nach „immanenten" Gesetzen; sie brachten es mit sich, daß die Seele der Schule, der jüdische Geist und die national-religiöse Prägung von den Reformen bei aller Wandlung und Besserung der sonstigen Verhältnisse nicht berührt wurden und auch weiterhin unberührt bleiben würden. Denn das Hebräische war und blieb der Herzschlag der jüdischen Schule, und eine jüdische Erziehung ohne die nationale Sprache — sei es nun allein das Hebräische oder hebräisch und jiddisch — ist der Natur der Sache nach ein Unding. In dem Hebräischen liegen die starken Wurzeln der jüdischen Kraft und des völkischen Bewußtseins, hier rauscht der Quell der nationalen Eigenart, der jüdischen Moral und Wissenschaft. Das Wesen des alten, echten jüdischen Geistes kann nur gespürt und erhalten werden durch eine Pflege des hebräischen Schrifttums, neben dem die übrigen Bildungs- und Kultliraufgaben in dem Rahmen der allgemein volkserziehlichen Veranstaltung einherzugehen hätten." In diesem Sinne begrüßt Eberhard den Beschluß der Warschauer Zionisten zur Sprachenfrage und tritt durchaus für die Berücksichtigung der „natürlichen Wünsche . . . der nationalen Strömungen des dortigen Judentums. . . . den Anspruch auf nationale Gleichberechtigung mit den übrigen Nationen" ein im Sinne des vom Chef der Reichskanzlei , Unterstaatssekretärs Dr. Wahnschaffe, geäußerten Grundsatzes der deutschen Verwaltung: „alle Teile der Bevölkerung in Russisch-Polen gleichmäßig und gerecht zu behandeln und den Juden nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit und Humanität denselben Schutz zuteil werden zu lassen wie den anderen Nationalitäten". Daher kommt E. auch zu dem Schlüsse: „Wir hoffen aber, daß der Ausbau des ostjüdischen Schulwesens durch den deutschen Geist an jene hoffnungsvolle Entwicklung anknüpft, die die jiddische Unterrichtssprache in absehbarer Zeit durch die nationale Volkssprache, das Hebräische, abzulösen strebte. Denn ein jedes Volk von alter Kultur schafft sich schließlich nach seinem Geisteserbe, nach seinen Lebensbedürfnissen und nach seinem Zukunftswillen seine eigene Schule für das Volk". Diese kurze Gegenüberstellung zweier Vertreter grundsätzlich verschiedener Betrachtungsweisen, eines nach außen schielenden, gegen seine eigenen Stammesgenossen aus Ängstlichkeit ungerechten „Volkserziehers" „innerhalb" und eines objektiven, die Dinge gerecht abwägenden Schulmannes „außerhalb" zeigt uns deutlich, welcher Weg zu dem das allgemeine und gleichzeitig das jüdische Interesse befriedigenden Ziele führt, (m.) Theo Harburger. Zeitungs-Echo „Die teuren Christbäume. Eine Wiener Hausfrau schreibt uns: Es besteht die Gefahr, daß bei dem Mangel an Christbäumen viele christliche Familien diesmal keinen Christbaum haben werden, da ihnen die Bäume weglizitiert werden. Dieser Tage fragte ich auf einem Christbaumverkaufsplatz nach dem Preis eines mir zusagenden Baumes. Er war mir zu teuer und ich sagte der Ver-