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Das jüdische Echo · 1916-01-21 · 3 (21.1.1916) · p. Seite 21

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
3 (21.1.1916)
Date
1916-01-21
Page
Seite 21 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 3 Das Jüdische Echo 21 letzten Moment, vielleicht wird Gott ein Wunder geschehen lassen. Derweilen Ringen die Juden umher wie Wahnsinnige, apathisch geworden vor Schmerz und Traner, man wagte nicht daran zu denken, was morgen sein wird. Die Weiber weinten unaufhörlich. Die christlichen Weiber weinten mit, nur die Schustergesellen lachten und freuten sich über die Trauernden. Und der Doktor und der Ingenieur gingen unter den Polen herum und beriefen sie zu einer Versammlung. Und auf einmal kamen zu den Juden Polen, die sonst das ganze Jahr über Packträger, Trunkenbolde und Diebe waren, und den Juden zuredeten, ihnen ihre Läden, ihre Häuser zu verkaufen. Der Doktor und der polnische Ingenieur werden schon für sie bezahlen. Aber die Juden wollten davon nichts hören. Sie warteten alle auf ein Wunder. (Schluß folgt.) literarisches Echo Franz Karl Endres: Die Türkei. Bilder und Skizzen von Land und Volk. Mit einem Bild des Verfassers. C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck, München 1916. geb. M. 5.—. Der Verfasser des Buches war fast drei Jahre als Generalstabsoffizier in der Türkei und mußte, an den Folgen einer schweren Malaria erkrankt, seinen Posten als Generalstabschef der ersten Armee aufgeben, um in den Bergen seiner bayerischen Heimat Genesung zu suchen. Hier ist dieses schöne Buch entstanden, von dem der Autor bescheiden sagt, daß er das Interesse seiner Leser nicht erschöpfend befriedigen sondern nur erwecken will. „Es ist die Frucht oder besser eine der Früchte dreijähriger Arbeit. Das ist sein einziger Stolz. Die Menschen, die im fremden Lande gearbeitet haben, sind vielleicht die geeignetsten Vermittler der Orientierung über solch fremdes Land. Denn in der Arbeit erst lernt man die Menschen eines Landes kennen". In dem selten flüssig und liebenswürdig geschriebenen Werk entrollt sich unserem Auge die ganze Eigenart und Vielseitigkeit jenes Länder- und Völkerkomplexes, den wir heute mit dem Worte Türkei zusammenfassen. Jeder besonders charakteristischen Erscheinung dieses Wunderlandes ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Beginnend mit einer anschaulichen Schilderung der türkischen Hauptstadt und ihrem Leben und Treiben, über eine Charakteristik des treuherzigen Türken hinweg, bis hin zu der Darstellung der Besonderheiten des Mohammedanismus und der schamhaften, sich erst allmählich emanzipierenden türkischen Frau, die den Typ der Orientalin überhaupt darstellt — alles das in leichtgeschürzter Form, die das Buch zu einer sehn angenehmen und doch zugleich lehrreichen Lektüre machen. Auch der historische Abriß ist fesselnd und mit gewaltig anschwellender innerer Steigerung des Inhalts dargestellt. Unter den eingehend geschilderten Völkern der Türkei befinden sich auch die Juden, denen ein besonderes Kapitel gewidmet ist (vergl. Nr. 51 und 52 des alten und Nr. 1 u. 2 des neuen Jahrg. des „Jüd. Echo"). Manchen Ansichten des Verfassers über die jüdische Religion und ihre Bedeutung für die Juden kann nicht vollkommen beigepflichtet werden, aber was er über die Bedeutung der jüdischen Kolonisationsbestrebungen in Palästina sagt, ist nicht nur zutreffend, sondern aus dem Munde eines auf politischem Gebiete so autoritativen Mannes geradezu bedeutungsvoll. Es ist nur schade, daß Endres bei der Schilderung des jüdischen Schul w e r k e s in Palästina eine so unvollkommene und zum Teil schon recht veraltete Broschüre benützt hat. Trotzdem spricht er von einer „wachsenden Kultur des palästinensischen Judentums", die für den Zusammenhalt des Reiches von großer Bedeutung werden und unmittelbar nutzbare Früchte tragen kann. — Es ist selbstverständlich, daß in einem so umfassenden Werke auch die ökonomischen Verhältnisse der Türkei eingehend dargestellt werden. Ein interessantes Kapitel über türkische Kunst und Literatur bildet den Schlußstein. — Für uns Palästinafreunde besonders wichtig an diesem Werk ist außer der Anerkennung der jüdischen Kulturarbeit in Erez- Israel besonders die Anschauung des Verfassers über die zukünftige Gestaltung der Beziehungen zwischen den einzelnen nichtosmanischen Völkern der Türkei zu ihrer osmanischen Zentralregierung. Der Ottomanisierungsgedanke, den ein besonderes Kapitel behandelt, muß richtig verstanden werden. Über 50 Prozent der Bevölkerung des türkischen Reiches gehören fremden Nationen an. Es handelt sich daher, nach Endres, um eine das ganze Reich durchdringende Erweckung des Interesses am osmanischen Staat. Zum Dank für entgegenkommendes Verhalten der einzelnen Nationalitäten muß ihnen möglichst viel von ihrer Eigenart belassen werden. Der Kampf kann nicht gegen völkische Traditionen geführt werden. Dadurch würden nur starke Widerstände groß gezogen werden. Durch Verständnis und Schonung der völkischen Eigenarten, muß in den verschiedenen Nationalitäten vielmehr das Bewußtsein erweckt werden, daß diese völkische Eigenart durch den Anschluß an den machtvollen osmanischen Staat am besten gedeihen wird und am besten gesichert ist. Nur auf diese Weise kann die Türkei, dieser komplizierteste Staatsorganismus Europas, zu einer ideellen Einheitlichkeit seiner Funktionen gelangen".*) Diese Meinung Endres' über die Ottomanisierung der nichttürkischen Völker wird bestärkt durch den früheren türkischen Minister des Auswärtigen, Gabriel Efendi Noradungh i a n , einen Armenier, der zu dieser Frage sich folgendermaßen äußerte: „Unter Ottomanisierung verstehe ich die Proklamierung und erweiterte Anwendung des Prinzips, daß zwischen den verschiedenen Rassen des Reiches ein gemeinsames natürliches Band besteht, ein Band der vollständigen Gleichheit und Einheit in allen Fragen des ottomanischen Interesses. In diesen Fragen müssen Türken, Araber, Griechen und Armenier **) als ottomanische Patrioten handeln, was aber unter keinen Umständen etwa bedeuten soll, daß Griechen, Araber oder Armenier zu Türken gemacht werden sollen. Auf Grund ihres dvnastischen und militärischen Wertes ist die türkische Rasse gleichzeitig Basis und Gipfel des Reiches. Alle anderen Rassen haben jedoch ihren Sitz im Reiche und das absolute Recht ihrer freien Entwicklung gemäß ihren nationalen Traditionen". — Es wäre sehr wünschenswert, wenn dieses ausgezeichnete Buch gerade in Kreisen, die sich für jüdische Kulturarbeit im Orient interessieren. Verbreitung fände. M. *) Vom Verfasser des Buches gesperrt. **) Es ist wohl ein bloßer Zufall, daß in dieser Aufzählung die Juden nicht genannt sind.

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