Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 2 (14.1.1916)
- Date
- 1916-01-14
- Page
- Seite 12 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9102942-9117831--00660-9073486- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
12 Das Jüdische Echo nen bilden, wir haben an so und so vielen Orten wichtige kommerzielle Arbeit und keine Vertretung oder eine ganz ungenügende. Es ist ja hier nicht der Ort, sich über diese Dinge weiter zu verbreiten, aber der Hinweis darauf ist nötig, daß wir, so übertrieben liebenswürdig wir dem Ausland gegenüber waren, so sehr wir auch im Privatleben alles vom Ausland Kommende überschätzten, andererseits leicht bei Beurteilung positiver Leistungen in einen Zustand der Selbstberäucherung gerieten, der uns schädlich war. Es ist anzunehmen, daß diese Selbstberäucherung nach dem Kriege einen Grad annehmen wird, vor dem jetzt schon mit Ernst zu warnen ist. Wir wollen in Zukunft die lächerliche Anbetung des Ausländischen vermeiden. Wir wollen aber andererseits unsere Leistungen im Auslande nicht überschätzen und Sorge tragen, daß eine bessere Orientierung über das Ausland von den dazu berufenen Organen erfolgt und ein energischer Schutz deutschen, Interessen und Personen im Auslande endlich erreicht wird. Auf die Verhältnisse der Juden im Weltkrieg und ihre augenblickliche Gestaltung kann dieses Buch seiner ganzen Absicht nach nicht eingehen. Ich möchte aber hier nicht verfehlen, auf einen vorzüglichen Aufsatz von Viktor Weißmann in der illustrierten Zeitschrift „Ost und West", 1915, hinzuweisen, der die Wirkung: des Krieges auf die wirtschaftlichen Verhältnisse Palästinas klar erläutert und damit diese selbst dem Verständnis näher bringt. Von dauernder Wirkung wird ein Umstand bleiben, den dieser Artikel auch streift: die Ottomanisierung einer Reihe von fremdländischen Juden während des Krieges. In Palästina lebt eine große Zahl in der Türkei nicht naturalisierter Juden. Solange die Kapitulationen bestanden, die den Angehörigen fremder Nationen große Vorrechte gaben, wäre es ja töricht gewesen, wenn einwandernde Juden aus dem sicheren Schoß ihrer Konsulargerichtsbarkeit sich herausbegeben hätten. Als nun die Vorbereitungen zum ägyptischen Feldzug betrieben wurden, mußte die türkische Regierung, zumal in Palästina, strenge Vorsichtsmaßregeln gegen Angehörige feindlicher Staaten ergreifen, mithin auch gegen die nicht naturalisierten Juden. Es war als Antwort darauf eine starke Abwanderung der Juden zu befürchten. Da ergriff die türkische Regierung, die die Juden in Palästina nicht ungern sieht, eine geschickte Maßregel, indem sie während des Krieges den fremdländischen Juden die Naturalisierung anbot, ohne diese an die gesetzmäßige Frist von fünfjährigem Aufenthalt zu binden. Allein an die 20 000 russische Juden machten von diesem Angebot Gebrauch. Ungeschicklichkeiten eines mittleren Beamten, der einen anderen Wesr als seine Regierung gehen wollte, verschuldeten dann allerdings die Abwanderung von 7000 ausländischen Juden nach Alexandrien. Der Beamte wurde aber von der Regierung, sobald sie Nachricht von seinem Treiben erhielt, entfernt. Die Regierung hat in ihrem Verhalten den Juden gegenüber große Geschicklichkeit bewiesen. Sie erhält sich damit Sympathien, die bei dem Wachsen der jüdischen Kultur in Palästina für den Zusammenhalt des Reiches von großer Bedeutung sind und unmittelbar nutzbare Früchte tragen werden. Die Frage, wie die wachsende Kultur des palästinensischen Judentums und das damit Hand in Hand gehende W,achsen des Wohlstandes breiterer Massen für das osmanische Reich zu verwerten sind, ist nicht schwierig. Das ergibt sich ganz von selbst. Lediglich die Auswahl der Beamten für Palästina muß mit großer Sorgfalt vor sich gehen, damit die guten Absichten der Zentralregierung bis an den Ort, wo sie in Wirkung umgesetzt werden sollen, durchdringen können. Doch hiermit kommen wir auf ein Gebiet der Verwaltungspolitik, das wir in diesem Buche nicht behandeln wollen. Wie die türkische Regierung am besten mit den Juden auskommt, interessiert unsere deutschen Leser nicht unmittelbar, aber daß ein sehr gutes Auskommen mit ihnen für die türkische Regierung möglich ist, ja daß insbesondere die Juden Palästinas sehr wohl zu guten osmanischen Staatsbürgern erzogen werden können bei aller Wahrung ihrer Sonderrechte, das ist immerhin auch für den deutschen Leser nicht ganz ohne Interesse. Welt-Echo Warschau. Wie wir dem Verordnungsblatt des Generalgouvernements vom Dezember vorigen Jahres entnehmen, ist im Bereiche dieses Verwaltungsbezirkes folgende Verfügung erlassen worden: „Es ist darüber Klage geführt worden, daß die jüdische Bevölkerung an einigen Orten gezwungen wird, an den Samstagen und an den jüdischen Feiertagen ihre Geschäfte auch für Privatpersonen zu öffnen. Der jüdischen Bevölkerung dürfen ihre religiösen Gefühle nicht beengt werden, soweit es die Kriegsnotwendigkeiten zulassen. Generalgouverneur von Beseler." (m.) Feuilleton Der wirkliche Shylok Aus: Sulzbach, Bilder aus der jüdischen Vergangenheit. Frankfurt a. M., 1914. J. Kauffmann. Es war die Zeitung nach Rom gekommen, daß der englische Admiral Franciscus Drago (Franz Drake) die Stadt San Dominico in der Insel Hispaniola erobert (1586)- und überaus stattliche Beute daselbst gemacht hätte. Dem Herrn Paolo Maria Secchi, einem reichen und ansehnlichen Kaufmanne in Rom, war dieses mit absonderlichen Briefen zugeschrieben worden. Gleichwie er nun wegen seiner Handlung an diesem Orte einigen Anteil hierbei hatte, und ein gewisser Jude namens Simson Ceneda gleichfalls mit interessiert war, also ließ er denselben auch zu sich fordern und erzählte ihm, was er für eine Post erhalten. Dem Juden war nicht wenig daran gelegen, daß diese Zeitung für falsch möchte angenommen werden, und also fing er an, das Gegenteil zu behaupten, ja weil er entweder seinen eigenen Affekten zu viel Gewalt über sich einräumte, oder in der Tat diesem Gerüchte keinen Glauben beimaß, oder endlich nur bei dem, was er einmal gesagt, halsstarrig bleiben wollte, so entfuhren ihm zuletzt die Worte: „Ich will ein Pfund Fleisch von meinem Leibe verwetten, daß dieses nicht wahr ist!" Welcher Art von Wetten, die Wahrheit zu bekennen, nur diejenigen sich zu bedienen pflegen, die in ihren Meinungen recht hartnäckig sind, wenn sie zum Exempel sagen: „Ich verwette meinen Kopf, ich verwette meine Hand usw." Secchi, welcher ein wenig stolz und eigensinnig war, antwortete stracks auf diesen Vortrag: „Und