Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 2 (14.1.1916)
- Date
- 1916-01-14
- Page
- Seite 11 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Das Jüdische Echo 11 sie tatsächlich zur völligen Gleichberechtigung noch die besondere Unterstützung der Deutschen Regierung fänden, die in der Erkenntnis des Wertes eines starken polnischen Judentums für das Deutschtum die Interessen der polnischen Juden zu fördern suchen würde, (m.) A. Lauer. Die Juden der Türkei Aus dem Buche „Die Türkei, Bilder und Skizzen von Land und Volk" von Franz Karl Endres, k. ottomanischer Major a. D. München, 1916. C. H. Beck'sche Verlagsbuchhdlg Mk. 5.— geb. (Schluß.) Noch in den siebziger und achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts herrschte in Jerusalem Intoleranz und Feindschaft gegen Bildung und Kultur. Die ersten Schulen wurden angefeindet, ähnlich wie in Europa der Impfzwang. Anfänglich waren die Erfolge der Schulen, weil Einheitlichkeit des Lehrprogramms, der Sprache und der Ziele fehlten, recht gering. In neuester Zeit aber ist man zu einer Regelung der Schulfrage und zur allgemeinen Einführung der hebräischen Sprache als Lehrsprache gelangt und sehr günstige Erfolge sind zu verzeichnen. Es gibt eine Reihe von Kindergärten nach dem System Fröbel. Ich habe selbst einen solchen gesehen und feststellen können, wie sehr die Kinder hier in bezug auf Reinlichkeit, gesundes Aussehen und Fröhlichkeit sich von den im Schmutze der Straße jeder Ansteckung ausgesetzten anderen Kindern unterschieden. Hier mag eingeschaltet werden, daß auch die modernen Türken Freunde der Kindergärten sind und sich namentlich für kinderreiche und geldarme Familien mit Recht sehr viel von diesen Einrichtungen versprechen. Unvergeßlich ist mir, wie wir bei einer Besichtigungsreise in einem kleinen Bergstädtchen Westanatoliens von solch kleiner Tiirkengesellschaft mit deutschen und türkischen Fahnen, in strenger Paradeaufstellung empfangen wuden. Die Kleinen, armen Familien angehörig, waren sauber gekleidet, gut gewaschen und machten einen „in Fröhlichkeit erzogenen" Eindruck. Mit den jüdischen Kindergärten verbindet sich jüdisch - nationale Absicht. Mein Gewährsmann schreibt, daß durch Pflege der hebräischen dialektlosen Sprache „in dem Munde der Kleinsten unsere nationale Sprache, die seit der Vertreibung aus Palästina noch nicht abgestorben war, wieder aufblühen soll". Man denkt an eine Wirkung der ein gutes Hebräisch sprechenden Kinder auf ihre sprachlich verwilderten Eltern, ein Rückschluß, der als Folge einer guten Volksschule mutatis mutandis immer und überall zutreffen wird. Die eigentlichen Volksschulen teilen sich in Palästina in Dorf- und Stadtschulen. Die ersteren wollen den Kindern die dem Ackerbau nötige Bildung geben, sie lehren daher auch die Elemente des Garten- und Feldbaus. Die letzteren gestalten ihr Programm nach der Anforderung, Handel- und Gewerbetreibende zu erziehen. Beide richten ein besonderes Augenmerk auf Gymnastik, was gerade bei den Juden sehr wichtig ist, die seit 2000 Jahren „die Zucht der Körperkraft völlig vernachlässigt haben". Bedauerlicherweise sind eine Reihe von Volksschulen, nämlich die von der Pariser alliance israelite gegründeten — ihre Zahl beträgt im ganzen Orient über 100 —, ganz französisch orientiert. Französische Sprache ist Haupt- und Lehrsprache. Ganz logisch erstrecken die Franzosen ihren syrischen Einfluß auch auf die Juden. Erst in den letzten Jahren emanzipierten sich diese letzteren insofern, als sie auch in den französischen Schulen Hebräisch zur Lehrsprache gemacht haben. Der „Verein zur Erziehung jüdischer Waisen" in Frankfurt a. M. hat die alte, schon 1857 begründete Lämelschule in Jerusalem übernommen und durch Kindergarten, Mädchenschule und Lehrerseminar erweitert. Der „Hilfsverein deutscher Juden" gründete eine Handelsrealschule. Eine Reihe von Mädchenschulen hat die wichtige Aufgabe „einer Reorganisation der bisher so finsteren Frauenwelt Palästinas und des Orients". Man hofft vor allem, durch die Schule dem Heiraten der Mädchen im Kindesalter vorbeugen zu können. Den Volksschulen reihen sich Mittelschulen — Lehrerseminare, Gymnasien und professionelle Anstalten — an. Zu letzteren gehört z. B. eine Ackerbau-, eine Gewerbe- und eine Kunstgewerbeschule. Auch eine Hochschule ist geplant. Ihre Errichtung ist meines Wissens nur durch den Ausbruch des Weltkrieges hinausgeschoben worden. Für die Bildung der Erwachsenen sorgen Volksbildungskurse, eine Nationalbibliothek, mehrere kleine Bibliotheken, in denen Lesehallen, Vorträge und bildende Veranstaltungen jeder Art den Geschmack des Publikums an Bildungsstoffen heben sollen. Organisationen und Vereine erstehen in ganz Palästina. Im jüdischen Klub von Jaffa finden wöchentlich Konzerte und literarische Abende statt. Turnvereine, Musikvereine und literarische Vereine kommen dazu. Im dramatischen Verein in Jerusalem werden moderne jüdische Dramen und europäische W'erke in hebräischer Übersetzung aufgeführt. Hand in Hand mit all diesem Bildungshunger, der sich überall im palästinensischen Judentum bemerkbar macht, geht ein Aufschwung in der Journalistik vor sich. Entsprechend dem Wohltätigkeitssinn, der bei allen Orientalen besonders hoch entwickelt ist, stehen die jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen in Jerusalem auf besonders hoher Stufe. Vier schöne Hospitale, ein Blinden-Institut, ein Waisenhaus, ein Irrenhaus, eine Altersversorgungsanstalt sind hier zu nennen. Tüchtige Ärzte stehen den Hospitälern vor. Die Juden sind im Orient als Ärzte seit Jahrhunderten berühmt,17) die meisten Leibärzte der Sultane waren Juden. Wenn wir nun bedenken, daß die jüdische Gemeinde Jerusalem und die Landgemeinden Palästinas nur verschwindend wenig reiche Menschen zählen, daß vielmehr das meiste der Millionen, die zu alledem nötig waren, aus europäischen Judenkreisen an die Sammelstellen in Jerusalem geflossen ist, so mag das einem, der über das Deutschtum im Ausland orientiert ist. den hellen Neid erregen. Was tun wir für die Deutschen im Orient? Sagen wir ruhig: gar nichts. Wir haben ein paar Schulen, unvergleichlich viel weniger als Franzosen und Amerikaner und viel zu wenig Konsulate. Wir wollen da nicht die Augen schließen, sondern im Gegenteil recht weit öffnen und und das, was andere leisten, genau betrachten, England hat in Adrianopel einen Konsul, dessen Familienangehörige seine einzigen Schutzbefohlej7) Vgl. Jesus Sirach 38. 2.