Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 2 (14.1.1916)
- Date
- 1916-01-14
- Page
- Seite 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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10 Das Jüdische Echo Ich habe schon vor mehr als dreißig Jahren, während eines längeren Aufenthaltes im Gouvernement Witebsk, diese Frage studiert, die heute von so eminent praktischer Bedeutung ist. Das Gouvernement Witebsk ebenso wie Mohilew und Minsk gehörte einst zu Großpolen. Daher ist auch heute noch der besitzende Landadel mit einigen russischen und deutschen Ausnahmen polnisch; die bäuerliche Bevölkerung sind Weißrussen, vielfach zur Sekte der Raskolniken gehörig; der Handel und das Gasthofgewerbe sind ganz, das Handwerk zum großen Teil jüdisch. Ich habe dort unter den jungen, den Holzhandel betreibenden Juden wahre Prachtexemplare gesehen, hochgewachsene, schlanke, muskulöse und energische Menschen, die in ihrem nicht immer ganz ungefährlichen Gewerbe vor keiner Gefahr zurückschreckten, Makkabäergestalten. Ich habe von jener Zeit her und auf Grund persönlicher Erlebnisse großes Interesse für den polnischen Juden empfunden, wie ich ihn dort in den Niederungen und Wäldern an der Düna gewissermaßen im Urzustände kennen gelernt habe. Diese Leute, deren Vorfahren im Mittelalter aus Deutschland ausgewandert sind, teils von den polnischen Königen gerufen, um einen im Lande fehlenden Mittelstand zu bilden, teils vertrieben durch Judenverfolgungen, bilden eine in sich abgeschlossene, wohlorganisierte Sprach- und Kulturgemeinschaft, von der später mehr zu reden sein wird. In den okkupierten Gebieten sollen etwa 2V2 Millionen, im übrigen europäischen Rußland weitere 4 Millionen Juden vorhanden sein. Der oben erwähnte Ursprung dieser jüdischen Bevölkerung erklärt ihre eigenartige Sprache, den Jargon, der nichts weiter als ein deutscher Dialekt, gemischt mit hebräischen und slawischen Brocken ist, und von jedem Deutschen leicht verstanden wird. Der Jargon ist das Bindeglied für die Gemeinschaft, die meisten unserer Klassiker sind in ihn übersetzt; so bildet die Sprache wieder den Zusammenhang zwischen Deutschland und den Juden des Ostens, die — gewissermaßen in der Diaspora lebend — im fremden Lande und der slawischen Bevölkerung gegenüber den germanischen Gedanken vertreten. Trotz aller Bemühungen, sie zu russifizieren oder zu polonisieren, haben die Ostiuden mit verschwindenden Ausnahmen, im Gegensatz zu ihren Stammesgenossen im Westen Europas, Eigenart und Sprache rein erhalten und bilden aus diesem Grunde ein hervorragendes, nicht zu unterschätzendes Bollwerk gegen das Russentum und die Gefahr des Ostens. Es liegt somit auf der Hand, daß wir ein erhebliches Interesse daran haben, die Judenheit des Ostens als solche zu erhalten und ihr erträgliche Lebensbedingungen zu schaffen; auch können wir uns nur so vor einer andernfalls unausbleiblichen Masseneinwanderung polnischer Juden schützen, die doch gewiß recht unerwünscht sein würde. Mit der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung wird sich sehr rasch ein Aufschwung des jüdischen Volkes zu höherer Bildung: vollziehen. Und da reicht der nicht entwicklungsfähige Jargon nicht aus, der wohl für die Volksschule genügt, aber sicherlich schon in den Mittelschulen durch eine zivilisierte Sprache ersetzt werden muß. Es bleibt also nur die Wahl zwischen Deutsch und Polnisch — und unser Interesse verlangt da gebieterisch die Überleitung der jüdischen Volksschule aus dem Jargon in das Deutsche. Nicht plötzlich und auf einmal kann sich diese Wandlung vollziehen, denn die Menge des Volkes hängt mit großer Liebe wie an religiösen Überlieferungen auch am Jargon; aber allmählich und naturgemäß wird sich mit höherer Bildung auch das Bedürfnis nach der neuen Ausdrucksform entwickeln. Hierfür vorzusorgen, wird eine der vornehmsten Aufgaben des neuen Staates sein. Als einfachstes Mittel zur Erreichung des Zieles erscheint die Einrichtung von Matrikeln — und zwar für alle nationalen Minderheiten — nach Analogie der Konsulatsmatrikel, wie sie schon der österreichische Reichsratsabgeordnete Renner vorgeschlagen hat, um die Nationalitätenkämpfe in dem gemeinschaftlichen Landtage zu verhüten. Jedem geschlossenen Volksbestandteil soll hiernach vollkommen Autonomie in allen Sprach- und Kulturangelegenheiten gegeben werden, zu welchem Zwecke die Eintragung in die Matrikel erfolgt. Da die Mitglieder einer Matrikel eine Sprachgemeinschaft bilden, regeln sie örtlich das Volksschulwesen; mehrere örtliche Gemeinschaften werden zu einem „Kreise" zusammengefaßt, dem die Sorge für die Mittelschulen obliegt. Alle Kreise der Matrikel endlich bilden einen „Obersten Rat", dem das Hochschulwesen und Verwandtes obliegen. Wie heute schon in den Religionsgemeinschaften, wird diesen Kulturgemeinschaften eigenes Steuerumlagerecht verliehen und die Befugnis, die eigenen Angelegenheiten autonom zu regeln. In dieser Form wird der Schutz und die Erhaltung der nationalen Minderheiten in dem neuen Staat möglich sein, und gleichzeitig dem deutschen Gedanken eben durch die jüdischen Kulturpioniere Sympathien bis weit nach Asien hinein erworben werden. Und gerade nach dem Osten lenken sich in dieser Zeit der Umwertung alles bisher Bestehenden unsere Blicke mehr denn je. Die große Wichtigkeit der Frage ist auch in den beteiligten Kreisen selbst nur zu gut bekannt. Ist doch aus Lodz dem Generalgouverneur in Warschau eine von vielen Tausenden unterschriebene Bittschrift zugegangen, in der unter Hinweis auf die bekannte Rede des Reichskanzlers eine Art Schulministerium gefordert und betont wird, daß die Lehrsprache in der jüdischen Volksschule nur der Jargon sein kann. Bei dem eigenartigen Charakter und der ungemein großen Schwierigkeit einer richtigen Beurteilung der besprochenen Verhältnisse müßte in die betreffende Regierungsbehörde jedenfalls auch ein jüdisches Dezernat eingereiht werden." Wenn wir uns mit diesen Ausführungen auch nicht durchweg einverstanden erklären können, so vor allem der eigene Schutz vor einer unerwünschten Einwanderung uns nicht so im Vordergrund steht, so finden wir doch in den Vorschlägen des Herrn Gouverneurs viele wertvolle Anregungen. Er sieht die Lösung der polnischen Judenfrage in einer Besserung des Loses der Juden an Ort und Stelle und nicht in einer Transplantation. Und das erscheint auch uns als das beste. Einmal werden dadurch die großen Kosten einer Auswanderung, die sowohl dem Einzelnen wie den Hilfsorganisationen entstehen würden erspart und könnten für wichtigere Dinge verwendet werden, und dann ist es auch den Ostjuden am liebsten, in ihrer Heimat bleiben zu können, an der sie hängen trotz aller Unbill, die sie bisher dort erdulden mußten. Sie sind ja so bescheiden geworden durch den harten Druck, der auf ihnen lastete, daß sie die geringste Erleichterung wie eine große Befreiung begrüßen würden. Und überglücklich werden sie sein, wenn