Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 1 (7.1.1916)
- Date
- 1916-01-07
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Das Jüdische Echo „Welches Glück!" ruft ein alter Chassid. „An einem Seder-Abend sprach der heilige Rebbe vom Propheten Eliahu; er sagte: ,Es ist nicht genug, wenn man einen Becher Wein füllt und von Eliahu spricht; jeder Jude muß immer den Propheten vor Augen haben, gleich ihm Gutes tun und den Armen helfen. Eliahu zeigt sich in verschiedenen Gestalten. Der eine sieht ihn als Rebbe, der jüdische Seelen rettet, der andere als friedenstiftenden Rabbiner. In jedem Juden findet sich ein Funken von Eliahu hanowi, im Gabbe wie im Schammes, auch im Soldaten, der trefe ißt,' endete der heilige Rebbe seine Lehre. Diese vom heiligen Rebbe begeistert gesprochenen Worte versetzten mich in die himmlische Welt; die Sehnsucht, Eliahu hanowi zu sprechen, bemächtigte sich meiner. In diesem Augenblicke fiel die Aphikomon-Mazze des Rebbe aus dem Kissen, und da ich die Ehre hatte, in des Rebbe Nähe zu sitzen, hob ich sie auf. Ich soll die Mazze des Rebe in der Hand halten! — ich. ein kleiner Mensch, ein Zwerg, eine Fliege im Vergleich zum Rebbe! Soll ich sie ihm zurückgeben oder soll ich ihn von seinen hohen Gedanken nicht stören? Mit einem Male schrie der Rebbe: ,Wer hat den Aphikomon? Der Ganew ins Gehinom!' Zitternd sagte ich: ,Mein heiliger Rebbe! ich bin nicht ein Ganew.' Mit freundlichem Tone antwortete er: ,Ach du, Moschele! Gib den Aphikomon zurück und was dein Herz begehrt, sollst du haben.' " „Welches Glück!" ruft einer der Tischgenossen. „Was sollte ich verlangen," fährt Rebb Mosche fort, „in dem Augenblicke, in dem sich mir der Himmel öffnet!" — „Hundert Millionen," meint einer der Tischgenossen. — „Im Gan Eden neben dem Rebbe zu sitzen," meint der Zweite. — „Einen großen Schiduch durchzuführen," sagt der Dritte. — „In Erez Israel zu sterben," behauptet der Vierte. — „Die Macht über Geister und Gespenster," meint der Fünfte. — Ein sechster sagt: „Ein großer Rebbe zu werden." — Die Frauen aber rufen: „Den Propheten Eliahu zu sehen." „Auch ich", setzt Rebb Mosche fort, „habe Eliahu hanowi verlangt, der Rebbe aber sagte: ,Willst du Eliahu hanowi sehen, merke dir die Thora, die ich heute verkündet.'" Alle Anwesenden Rauschten auf die Erzählung des Rebb Mosche, die sie schon oft gehört. Rebb Mosche spricht weiter: „Auf dem Heimwege beschloß ich, niemand vom Versprechen des heiligen Rebe zu berichten, auch meiner Frau nicht; meine gute Etel wäre böse gewesen, da ich nicht auch für sie beim Rebbe erwirkt, Eliahu zu sehen." Sima unterbricht: „Es war auch ein Unrecht!" Etel ruft dazwischen: „Ich habe ihn doch gesehen!" „Schweigt! schweigt!" sagt Rebb Mosche. „Viele Jahre sind verflossen, bevor das Versprechen des Rebbe in Erfüllung gegangen, In einer Nacht ist er gekommen." „Wer? Wer? fragen die Gäste. Rebb Mosche, der sich ehrfürchtig von seinem Platz erhebt, antwortet: „Eliahu hanowi! Er kam, wie der Rebbe versprochen, als Soldat gekleidet." „Er war ein Soldat des Königs der Könige," bemerkt einer der Gäste. Rebb Mosche erzählt weiter in Aufregung: „Von einer Geschäftsreise heimgekehrt, sprach ich mit meiner guten Etel. Da öffnete sich plötzlich die Türe; auf der Schwelle stand ein jüdischer Soldat, der schreiend fragte: /Wohnt hier ein Jude?' ,Du siehst doch die Mesusa an der Türe,' antwortete ich. ,Ach was!' meinte er; ,in vielen Häusern mit großen Mesusoth wohnen sehr kleine Juden, und in der Kaserne, in der keine Mesusa steht, dient man auch Gott.' ,Was willst du?' fragte ich ihn. ,Essen und Nachtlager, weil ich aus weiter Ferne komme.'" „Aus weiter Ferne! Überall, wo Juden sind, ist auch er," meint einer der Anwesenden. „Meine Etel sagte ihm, daß sie für ihn bloß Brot und Butter habe, da sie nur ein wenig Suppe und Fleisch für mich zurückgelassen. Er aber erwiderte: ,Ich arbeite mehr als Ihr Mann und mir kommt das bessere Essen.' Meine gute Etel wollte ihn anschreien, hatte jedoch mit ihm Mitleid." „Welches Glück!" rufen die Gäste. „ ,Wasch dir die Hände, damit du essen kannst,' sagte ihm Etel, er aber antwortete: .Ich werde sie mir waschen, aber ich bin nicht Rebbe, nicht Row, nicht Gabbe und nicht Stadtversorger; meine Hände haben fremdes Geld nicht berührt!' ,Wer und woher bist du?' fragte ich ihn. Er antwortet barsch: ,Zuerst gib Essen und dann stell' Fragen!' Nachdem ihm Etel das Essen gereicht, ging: ich mit ihr in ein anderes Zimmer, um unser durch die Ankunft des heiligen, wunderbaren Soldaten unterbrochenes Gespräch über meine Geschäftsreise fortzusetzen. Als wir wiederkamen, war der merkwüridige Soldat eingeschlafen. Wir wollten ihn nicht stören und kehrten in das andere Zimmer zurück. Als wir nach einer Stunde wiederkamen, war der göttliche Soldat verschwunden!" „Er bestieg wieder den Himmel!" — „Hatte er das Essen verzehrt?" — „Sicherlich haben Sie die Tür geschlossen, und er konnte dennoch das Zimmer verlassen!" rufen bunt durcheinander die Gäste. Rebb Mosche spricht: „In diesem heiligen Zimmer, auf diesem heiligen Tisch hat Eliahu hanowi die heiligen Speisen meiner guten Etel gegessen. Mein Siddur, aus welchem ich bete und das immer auf dem Tische liegt, hat der himmlische Gast in der Hand gehabt. Zwei Blättchen hat er verbogen'." „Welche? Welche?" fragen neugierig die Gäste. Rebb Mosche hebt das Siddur in die Höhe und sagt: „Schaut, Kinder!" Alle Anwesenden schauen ehrfurchtsvoll, küssen leidenschaftlich das Gebetbuch und rufen: „Noch jetzt sieht man es, das erste verbogene Blatt enthält das Lied vom Sabbatausgang ,Eliahu hanowi, Eliahu hanowi'." „Deswegen singt Rebb Mosche mit solchem Feuer Eliahu hanowi. Deswegen gibt man uns hier an jedem Sabbatausgang einen siedenden, neugekochten .Barscht'." „Das zweite verbogene Blättchen ist aus der Hagada, vom Aphikomon! gerade so wie der Rebbe versprochen." „Juden! Brüder! Kinder!" fährt Rebb Mosche fort; „nachdem der heilige Soldat verschwunden war und ich diese beiden verbogenen Blätter im Siddur gesehen, begann ich zu lachen und zu weinen, zu tanzen und zu zittern, ich schrie: ,Eitelleben! wir haben den Propheten Eliahu ge-