Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 1 (7.1.1916)
- Date
- 1916-01-07
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Das Jüdische Echo 5 birien beorderte. In Moskau wurde der Zug aufgehalten uricL nach Kiew zurücktransportiert, worauf ein neuerlicher Befehl, die Absendung der Menschenladung nach Sibirien verfügte. Die letzten Nachrichten über die unglücklichen 700 galizischen Juden kamen aus Nischni Nowgorod, wo man den Zug unterwegs sah. Ein Teil der aus Galizien mitgeschleppten Bevölkerung wird gleich Verbrechern in die Kerker gesteckt. So intervenierte der amerikanische Konsul in Moskau Anfang November und verlangte von dem Staatsanwalt in Tula die Befreiung der in dem dortigen Kerker verhafteten Galizier. Es stellte sich aber heraus, daß noch immer ein russisches „General-Gouvernement Galizien" besteht und der Staatsanwalt lehnte die Intervention mit der Begründung ab, daß er die Enthaftung solange nicht verfügen könne, als ihm der Generalgouverneur Galiziens die Ursachen der Einkerkerung nicht mitteilt. Der amerikanische Konsul hat seine Vorstellungen nunmehr an den russischen „Generalgouverneur von Galizien" gerichtet. Dieses Amt bekleidet noch immer der bekannte Judenfeind Bobriinsky, ein galizischer Pole. (J.A.K.) Feuilleton Rebb Mosche Äphikomon und der Prophet Eliahu Eine chassidische Legende von J. N i e m i r o w e r. Aus dem Sammelbuch „Das Volk des Ghetto", Verlag Georg Müller, München. Im Städtchen Z. ist niemand mehr beliebt als Rebb Mosche Äphikomon. Er gilt als sehr reich, als Millionär; — er hat vielleicht zehntausend Gulden. Dieser Rothschild ist sehr wohltätig, hat bis jetzt elf arme Mädchen zur Heirat ausgestattet. Er ist bei jeder Gelegenheit freigebig — beim Kauf der Schmure-Mazoth und des Esrog; es loben ihn der Synagogenschammes, der Friedhofwächter und der Badediener. Er ist in seiner Gemeinde einflußreich; denn er hat sein eigenes Bethaus und verteilt Synagogenwürden nach Belieben. In seinem Hause werden alle vornehmen Durchreisenden beherbergt; besonders wenn sie „Enkel"'- gefeierter Rabbis sind. In der Umgebung besitzt Rebb Mosche einen großen Ruf, und wer mit ihm verwandt ist, kann auch eine häßliche Tochter leicht und gut verehelichen. Sein Ruhm ist so groß, daß sogar versichert wird, er hätte den Propheten Eliahu gesehen, und niemand wagt es zu bezweifeln. Rebb Mosche behauptet Eliahu gesehen zu haben — und bekanntlich täuscht sich nicht ein Mann, der Eliahu gesehen hat. Bei jedem Briß will er Sandikx) sein, in der Erwartung, den Propheten wiederzusehen, den er schon kennt. An den Pessachnächten ist der für Eliahu vorbereitete Becher in seinem Hause besonders groß. Es verlautet, daß man oft an Rebb Mosche herangegangen sei, mit der Bitte, er möge sich beim Propheten Eliahu verwenden, daß der ausgebliebene Regen in Strömen komme. Wer trotz all dieser Beweise noch zweifelt, möge aufmerksam auf die Erzählung des Rebb Mosche am Seder-Abend hören. An den Pessachabenden ist es im Hause des Rebb Mosche sehr feierlich; er und seine Frau thronen wie König und Königin; das Haus ist x) Sandik — Beisitzer. schön geschmückt und hell beleuchtet. Die Gäste sind lustig, singen chassidische Lieder und erzählen interessante Geschichten. Laut und feierlich wird die Hagada verlesen und die Speisen werden in Wein ertränkt. Die Feier erhält ihren Höhepunkt in dem Momente, in dem Rebb Mosche in eigener Person in Begeisterung die Tür öffnet und „seinen" Propheten Eliahu mit bewegter Stimme bittet, ihn „wieder" zu besuchen. Alle Anwesenden erheben sich und lesen in froher Stimmung die Hagada zu Ende. Diesem feierlichen Akte war eine dramatische Szene vorangegangen. Als Rebb Mosche den versteckten Äphikomon unter dem Kissen vergebens gesucht, fragt er: „Wer ist der Ganew?" Sein reizendes Töchterlein Sima gesteht den Diebstahl ein. Lustig fragt Rebb Mosche: „Was willst du, Simale, für den Äphikomon?" „Was sie will?" meint die Mutter, „eine Brillantbrosche!" Sima aber schaut zu dem in ihrer Nähe sitzenden jungen Chassid — als wenn sie diesen als Preis für den Äphikomon bei ihrem Vater erbitten möchte. Sie sucht nach Worten, scheint sie aber nicht zu finden, schaut wieder zum jungen Chassid und wird feurrot! Sie reicht dem Vater den Äphikomon und sagt: „Damit du wissen kannst, was ich will, mußt du auch ein Prophet Eliahu sein." „Sage mir, mein süßes Kind,;was du doch willst!" „Ich kann nicht," antwortete sie, den Blick nach unten gesenkt. „Erzähle du zuerst deine Geschichte vom Propheten Eliahu. und dann werde ich sprechen." Rebb Mosche legt den Äphikomon aus der Hand, schaut auf ihn ernst und spricht wie folgt: „Juden, Brüder! Gott hat mir Reichtum geschenkt. Es waren Reichere als ich — zum Beispiel Korach, es slind Reichere vorhanden — zum Beispiel Rothschild, Montefiore; ich habe aber auch genug. Gott hat mir Gesundheit geschenkt. Schimschon hagibor2) war stärker; ich bin aber auch zufrieden. Eine Frau hat man mir vom Himmel geschenkt, die Esthers Chen3) hat. Kinder hat mir der .Oberster' geschenkt, die Diamanten, Brillanten, Perlen sind. Engel bringen mir alles, was mein Herz begehrt: ein schönes Haus auf dieser Welt und die Hoffnung auf die andere Welt. Ich fahre nicht nach Lemberg oder Wien, um große Paläste zu sehen, sondern nach Beiz und Siditczov, um große Menschen zu bewundern. Solange der alte Rebbe gelebt" — „das Andenken des Gerechten wird zum Segen" rufen einige Tischgenossen — „war ich an jedem Pessaeh bei ihm." 2) Schimschon hagibor — Held Simson. 3) Chen — Lieblichkeit. Cognac Macholl München den besten französischen Marken ebenbürtig — überall erhältlich. Eigene Verkaufsstelle: Karlsplatz 25 (Hotel Königshof)