Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 1 (7.1.1916)
- Date
- 1916-01-07
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Das Jüdische Echo und die Aschkenasim (eingewanderte europäische Juden) vertragen sich nicht. Obwohl sie nebeneinander leben, verschwägern sie sich nur höchst selten. Der jüdische Gottesdienst ist sehr würdig, ruhig und ernst und machte mir einen durchaus sympathischen Eindruck, ganz ähnlich dem muhammedanischen Gottesdienst. Der Typus der Juden bedarf keiner weiteren Erläuterung. Interessant zu beobachten ist es, wie viele blonde, blauäugige und dabei ganz blasse Juden in Jerusalem sich finden, ein Typus, der in seiner verzerrten Germanenähnlichkeit den germanischen Schönheitsbegriff am meisten verletzt.11) Dagegen trifft man alte Männer von geradezu idealer Schönheit der Gesichtszüge. Die Frauen sind in der Jugend sehr schön, altern aber, wie alle Orientalinnen, sehr früh und bekommen dann sehr häßliche scharfe Züge. Die schönsten Frauen des ganzen türkischen Orients traf ich in Galiläa.12) Das sind Augen, Gesichtszüge, Haare, Arme, Gelenke, Hände, die jede Künstlernatur in Begeisterung versetzen müssen. Die Gewohnheit der Frauen, das Wasser in einer Amphora auf dem Kopfe zu tragen, und die Notwendigkeit, dabei beide Arme hoch über den Kopf zu halten, gibt der ganzen Figur etwas Gestrafftes, läßt die Linien auch unter verhüllender Kleidung ahnen und macht den Schritt der Magd zu dem Wandeln einer Göttin. Ich habe oft bedauert, nicht malen zu können, aber nie so sehr im Anblick palästinensicher Frauen. Und diese Farben! Dies Rot und dies Blau der Röcke und Hemden! Wie das auf dem Rostbraun des Feldes steht, wie das glänzt und sich in der Masse zu einem Bild voll Freude und Buntheit vereinigt. In der Photographie erlischt da alles Leben, denn Palästina ist das Land der Farbe, der Beleuchtung, der Stimmung bei all seiner Kahlheit und seinen steinbesäten Hügelwellen. Das Leben in der jüdischen Familie offenbart sich dem Fremden nicht allsogleich. Übereinstimmende Urteile der Kenner, die sich mit eigenen Erfahrungen decken, weisen darauf hin, daß im allgemeinen das jüdische Familienleben mustergültig ist. Es baut sich auf der gesunden Grundlage der Pietät auf. Die Achtung vor den Eltern geht über in die Achtung vor den Ahnen. Im Lande der Väter, womöglich neben den Eltern zu ruhen, ist der Wunsch des sterbenden Juden.13) u) Wenn wir festhalten, daß Jesus ein Jude war, so gebe ich vor allen Jesusdarstellungen der Radierung von Karl Bauer-München als der dem Typus des dreiunddeißigjährigen Juden am ähnlichsten den Vorzug. Schön ist dieser Jesus nicht, aber er allein ist von all den Hunderten, die ich sah, vollendet echt, auch in dem verhaltenen Fanatismus seines grundgütigen, etwas kränklichen Gesichtes unübertrefflich wahr. a 12) Es waren dies aber meistens christliche Syrierinnen, dazwischen Jüdinnen mit nicht allzu ausgesprochenem jüdischen Typus. 13) In merkwürdigem Gegensatz zu dieser Verehrung der Ahnen steht die vollkommene Vernachlässigung der Friedhöfe. Manche Juden reisen „nur um zu sterben" in das Land der Väter, manche bestimmen, daß ihre Leiche dorthin gebracht werde. Ich frug einen eingewanderten Juden, ob er es in Deutschland nicht viel besser gehabt habe als in Jerusalem, worauf er erwiderte: „Ja, das schon; aber hier ist es schöner zu sterben und ich bin schon alt." Dem scharfen Denken und erbarmungslosen Grübeln des Semiten entsprechend, konstruiert sich der Jude eine Konkurrenz der Pietät etwa in der Frage, was zu tun sei, wenn die Eltern etwas verlangen, was gegen die „Lehre", das ist gegen die Wahrheit, verstößt. Aristoteles, der Lieblingsschriftsteller der Juden, gibt ihnen dann die Antwort: „Ist uns zwischen der Rücksicht auf die Wahrheit und auf einen Menschen die Wahl gelassen, so gebietet es die Pietät, die Wahrheit höher zu ehren." 14) In den Judengemeinden von Palästina sind natürlich alle alten Bräuche noch in Geltung. Am Sabbath bewegt sich die Judenschaft auf der Straße, jegliche Arbeit ruht. Die Männer tragen die Sabbathmütze (Streiml) mit breitem Pelzrand und farbigem (violettem) Deckel. Im Hause trägt der Mann ein Käppchen. Der Kaftan und die Pajes15) (Schläfenlocken) sind allgemein. Die Frauen müssen sich vor der Hochzeit die Haare zum mindesten am Scheitel scheren und durch eine Perücke die Reste ihres Haares vor dem Blick des Mannes verbergen.16) Sie gehen unverschleiert auf der Straße und schienen mir ihre schönen Augen nicht minder geschickt zu verwenden als ihre Schwestern in Europa. Die Bildung der palästinensischen Juden wie ihre ganze Kultur lag in den letzten Jahrhunderten sehr im argen. Erst in den letzten Jahren sind große Fortschritte ' zu verzeichnen, die vielleicht wenig bekannt und darum schon von allgemeinem Interesse sein dürften. Ich ergänze mündliche Mitteilungen, die ich sammelte, durch Nachrichten, die ich in einem bei Max Steinebach (München 1909) erschienenen kleinen Hefte von Josef Gerstmann „Kultur und Bildungsfortschritte unter den Juden Palästinas" gefunden habe. Die Kultur der Juden ist in Palästina in einen Zustand der Erstarrung geraten, aus dem sie erst gegen Ende des neunzehnten und am Anfange unseres Jahrhunderts erwacht ist. Was heute in Palästina in kultureller Hinsicht geleistet wird, ist ganz erstaunlich und unserer aufrichtigen Bewunderung wert. Es muß hinzugefügt werden, daß das meiste gegen den erbitterten Widerstand der bildungsfeindlichen orthodoxen Kreise eigenen Lagers erreicht wurde, Kreise, die teils im Alten verstaubt und verknöchert, moderne Kultur nicht fassen konnten, teils in dieser sogar ein Ansturm gegen den Glauben und die geheiligten Sitten der Ahnen erblicken zu müssen glaubten. Es ist ja auf der übrigen Welt nicht anders, wenn neue Ideen sich durchringen wollen (Schluß folgt.) Welt-Echo Galizische Geiseln in Rußland. Aus den russischen Zeitungen erfahren wir von Zeit zu Zeit über die sinnlos grausame Behandlung der bei dem Rückzug der russischen Armee aus Galizien Mitgeschleppten. Zumeist waren es bekanntlich angesehene jüdische Bürger, So ging in den letzten Wochen durch die Zeitungen ein Bericht über 700 galizische Juden, die man, wie üblich, in versiegelten Waggons zunächst aus Kiew nach Si- ") Zitiert nach Obermeyer. 15) Sie verdanken einer übertriebenen Befolgung alttestamentarischer Vorschriften ihre Existenz. lfa) Vergl. die große Scheu der Türkinnen, ihre Haare sehen zu lassen.