Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 1 (7.1.1916)
- Date
- 1916-01-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Das Jüdische Echo 3 künstlich geschraubter Patriotismus, eine Art „Uber"-Deutschtum geltend unter Verkennung des Wesens unserer Religion und des Wesens wahren Deutschtums zugleich." Uns aber liegt heute weniger daran, die alberne „Ostjudenpolitik" des Herrn Cohn zu widerlegen, als dem psychologischen Motiv dieser ganzen Denkart auf den Grund zu kommen. Exklusivität ist häufig ein äußeres, nebensächlich in Erscheinung tretendes Zeichen aristokratischer Sicherheit des Urteils. Es gibt aber auch eine Ausschließlichkeit, die, im Gegenteil, gerade die innere Unsicherheit des Urteilenden verrät: der Parvenü fürchtet, aus der Rolle des in sich Gefestigten zu fallen und diese seine Vorsicht nimmt manchmal unbegrenzte Dimensionen an. Ludwig Geiger selbst war es, der vor kurzem in seiner Broschüre: „Die deutschen Juden und der Krieg" darauf hinwies, daß die Juden in Deutschland erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit (1813) die Erlaubnis erhielten, das Land, in welchem sie geboren waren und lebten, als ihr Vaterland anzusehen. Diese von Geiger so klar konstatierte Jugend des deutschiüdischen Heimatrechts gibt uns den besten Schlüssel zum Verständnis dieses eigenartigen Überpatriotismus. Nun ist selbstverständlich eine Intensität des jungen Heimatgefühls, wenn es sich in einer positiven, dem Vaterlande wirklich nützlichen Weise äußert, vom deutschen und vom jüdischen Standpunt sehr begrüßenswert. Jedes Land bedarf opferfreudiger Patrioten und wir Juden speziell können durch eine aufrichtige, wohlverstandene Heimatliebe nur innerlich gewinnen. Denn eine unserer bedeutsamsten Aufgaben der Zukunft wird sein, unser staatsbürgerliches Gefühl nach Maßgabe seiner natürlichen Entwicklungsfähigkeit zu vertiefen. Nicht ein vom Nützlichkeitsstandpunkt diktierter Zwangspatriotismus, sondern das reine und freie Erleben der anderen Volksart wird die Juden einerseits dem Staate, in welchem sie wohnen, nützlich machen und andererseits sie zur Besinnung auf ihre eigene Art bringen. Ein wahrhafter, ehrlicher Staatspatriotismus führt auch zur Bejahung des jüdischen Volkstums. Eine Vaterlandsliebe aber, die sich in den oben zitierten Tiraden ergeht, die die jüdische Solidarität aus der Überreiztheit einer ungewöhnlichen Stunde heraus für alle Zukunft verneint, ist ein höchst negatives Produkt geistiger Verwirrung. Die aus ihr sprechende weltanschauliche Unorientiertheit, der Mangel an Taktgefühl, die Zwangsvorstellung ewiger Feindschaft zwischen den Nationen, das alles spricht für unsere Annahme, daß wir es hier mit dem psychologisch interessanten Grenzfall eines noch nicht recht eingebetteten patriotischen Grundgefühls zu tun haben. Denn wie schwach muß eine Vaterlandsliebe sein, wenn sie sich jeden Augenblick aus dem Sattel gehoben fühlt und „Maßnahmen" zu ihrer Verfestigung ergreift und wie unsicher die staatsbürgerliche Treueempfindung, wenn sie fürchtet, das jüdische Solidaritätsgefühl könne ihr gefährlich werden! (m.) M. b. E. Adressen vonbedürftigeniüdischen j Soldaten sind in der Redaktion des „Jüdischen Echos" stets zu erfragen. E=ss====g<w_-^s - 1 *" - 111 Die Juden der Türkei Aus dem Buche „Die Türkei, Bilder und Skizzen von Land und Volk" von Franz'Karl Endres, k. ottomanischer Major a. D. München, 1916. C. H. Beck'sche Verlagsbuchhdlg. Mk. 5.— geb. (Fortsetzung.) Einmal kam es zu größeren Judenverfolgungen in der Türkei. Das war im Jahre 1840 in Syrien. Zur Rechtfertigung der Türken sei erwähnt, daß sich Syrien damals unter der arabischen Herrschaft Mehemed Alis von Ägypten befand. Der angeblich durch Juden betätigte Mord an einem Mönch veranlaßte die Behörden zu einer Art Inquisition. Der arabische Pöbel zerstörte die Synagoge in Damaskus. Ähnliche Vorkommnisse in Rhodus hatten ähnliche Folgen. Es war meines Wissens das einzige Mal, daß Europa sich der orientalischen Juden anzunehmen Veranlassung hatte. Mehemed Pascha verstand sich zur Niederschlagung des eingeleiteten Prozesses. Im selben Jahre 1840 fiel Syrien wieder an die Pforte und sofort erschien auch ein Irade des Sultans, das jede Verfolgung und Belästigung der Juden strenge verbot. Wir müssen in der Türkei unterscheiden zwischen den Juden, die wie in Europa in der Diaspora, und denen, die in Palästina leben. Der türkische Diasporajude neigt in den oberen und mittleren Schichten zum Reformjudentum oder zu einer Art religiöser Indifferenz. Namentlich gilt dies vom jüdischen Levantiner. Man findet trotzdem mehr gläubige Juden in der. Türkei als beispielsweise in Deutschland. In Palästina selbst sind die gläubigen Juden die vorherrschende Klasse. Hier wirkt auch der Zionismus in einer verständlichen Form. Seine grundlegende Behauptung, das Judentum sei an sich keine Religion, sondern ein nationales Geistesleben, schadet hier niemandem, denn der palästinensischer Jude weiß ganz gut. daß ein politischer Judenstaat in absehbarer Zeit ein Ding der Unmöglichkeit ist, daß aber unter türkischer Regierung es wohl möglich ist, nationaljüdische Kultur zu pflegjen, Wohlfahrtseinrichtungen iür die armen Juden ins Leben zu rufen, das historische Denken wieder zu beleben und damit auch die palästinensische Tradition zu pflegen. Von den Existenzbedingungen der Juden in Palästina machen sich Fremde ganz falsche Vorstellungen. Die ackerbautreibenden Juden, die Getreide und Wein bauen, arbeiten bei hohen Steuern und wechselndem Ertrag wirklich im Schweiße ihres Angesichts10) und von den jüdischen Bewohnern Jerusalems leben vielleicht drei Viertel in beispielloser Armut. Die deutschen Juden in Palästina haben noch verhältnismäßig erträgliche Lebensbedingungen, aber bei allen andern frägt man sich: Von was leben diese Menschen? Die Viertel von Jerusalem, in denen die armen Juden wohnen, werden jedem, der sie sah, in schrecklichster Erinnerune bleiben. Dieser Schmutz, dieses Elend, dieser Hunger! Die ganze Zähigkeit, Bedürfnislosigkeit und Ergebung des Orientalen sind nötig, um solches Leben zu ertragen. Dabei leben sie nicht einmal in Frieden untereinander. Die Sephardim (orientalische Juden) 10) Eine stete Gefahr bilden die Heuschreckenschwärme, die alles zerstören und denen man bisher wehrlos gegenübersteht.