Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 1 (7.1.1916)
- Date
- 1916-01-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9072829-9102942-9117830--00649-9073475- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
2 Das Jüdische Echo Nr. 1 1916 Wochenkalßnder (5676) lJTin Samstag Jan. 8 Schev. tD3tP 3 Gottesdienste: Morgens Hauptsyn. 8V2 Herzog Rud.-Str. 73/4 Sabbath-Rusgang 5.22 Sonntag Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag 9 10 11 12 13 14 4 5 6 7 8 9 Sabbath-Eingang: Haupt - Synagoge 4.4S Herzog Rud.-Str. 4.40 Inhalt! M- D- E.: Jüdischer Überpatriotis- —— mus. — Fr. K. Endres: Die Juden der Türkei. — Welt-Echo. — J. Niemirower: Rebb Mosche Aphikomon und der Prophet Eliahu. — Literarisches Echo. — Gemeinden- und Vereins- Echo. Jüdischer Überpatriotismus Es ist eine bekannte und psychologisch leicht erklärbare Erscheinung, daß Menschen, die durch die Gunst der Umstände in neue bessere Verhältnisse gekommen sind, sich in ihrer noch etwas ungewohnten Stellung: recht seltsam, um nicht zu sagen: komisch gebärden. Der Diener, der plötzlich zum Herrn wird, wirkt durch die Übertreibung seine neuen Herrenrechte lächerlich. Der Parvenü, der. ohne innerlich mitgewachsen zu sein, sich unvermittelt in der guten Gesellschaft fühlt und dort mit Bildung und Konservatismus paradiert, ist ein dankbares und oft behandeltes Kömödiantenthema. Nun hat der Krieg mit seiner unbedingt berechtigten und natürlichen Steigerung des patriotischen Gefühls eine neue Variante dieses beliebten Komödiantenthemas geschaffen: den Juden als Überpatrioten. Um nicht mißverstanden zu werden, wollen wir von vorneherein feststellen, daß es sich dabei nicht etwa um einen jüdischen Typ handelt, sondern daß die uns bekannt gewordenen Fälle patriotischer Überschwenglichkeit durchaus exzeptioneller Natur sind und mehr den Stempel harmloser Don-Quixotterie als den politischer Ernsthaftigkeit tragen. Schon vor etlichen Monaten hat Geheimrat Professor Dr. Ludwig Geiger in seiner „Allgemeinen Zeitung des Judentums" die eigentümliche Meinung vertreten, daß die deutsche Judenheit auch nach dem Krieg nichts mehr für ihre östlichen Glaubensgenossen tun dürften, da die philanthropische Unterstützung russischer Juden durch deutsche Staatsbürger für alle kommenden Zeiten ein unpatriotisches Unternehmen sei. Diesen für die Dauer des Krieges verständlichen, für die Zeit nach dem Kries aber reichlich engherzigen Standpunkt hat die gesamte jüdische Presse vollkommen abgelehnt. Mit Recht wurde darauf hingewiesen, daß die unnormalen politischen Konstellationen, die der Krieg hervorruft, keine ewigen, unverrückbaren Wahrheiten darstellen und daß es sehr wohl denkbar sei. daß ein nächster Krieg die europäischen Staaten ganz anders gruppiert vorfinde. Politische Feindschaften entspringen zumeist akut gewordenen Machtfragen und verschwinden, sobald der Rivalitätskampf zu einem entscheidenden Austrag gekommen ist. Nun hat neuerdings in der gleichen „Allgemeinen Zeitung für das Judentum" ein gewisser Dr. Willy Cohn unter dem Titel „Zukunftsfragen des deutschen Judentums" *) eine Ansicht geäußert, die wiederum in jüdischen Kreisen peinliches Aufsehen erregt. „Der Durchschnittsjude des Ostens steht nicht auf dem Kulturstandpunkt des westlichen Juden. Kommt nun der Ostjude rasch zu Geld, so sucht er die Metropolen des Reiches und des Westens auf, ohne innerlich sich schon zu einem Vollkulturmenschen entwickelt zu haben, denn diese Entwicklung kann sich nur durch Generationen langsam vollziehen. Durch sein Geld nun nimmt er in jenen Orten eine bedeutsame Stellung ein, setzt aber die Gesamtentwicklung herab. Es ist dasselbe Problem, das Georg Hermann in „Jettchen Gebert" zur Darstellung gebracht hat. In die alt-jüdische Patrizierfamilie kommt der Jüngling aus dem Osten, der nur Geldmensch ist, und indem er das arme, aber hochstehende Jettchen heiratet, zieht er ihre Familie zu sich herab. Hier heißt es einen Riegel vorschieben zum Segen des deutschen Judentums, denn sonst ist alle Arbeit umsonst, die darauf hinauszielt, das deutsche Judentum innerlich mehr zu heben. Die ungeheueren Menschenreservoire des Ostens gießen, falls sie nicht daran gehindert werden, Jahr für Jahr ihre Massen nach dem Westen aus. Wir wollen unsere jüdischen Glaubensgenossen des Ostens, die vielleicht durch diesen Krieg zu Deutschland in engere Beziehungen treten, in jeder Weise zu heben suchen, ihre Entwicklung, wo es immer geht, unterstützen und fördern, aber wir wollen und müssen auch zwischen ihnen und uns eine Scheidewand errichten, wollen wir nicht das deutsche Judentum zu einem undeutschen machen, und auf dem „deutsch" liegt der Schwerpunkt und soll er liegen. Schwere Probleme birgt die Judenfrage des Ostens in sich; wenn wir ihre Lösuner versuchen, so müssen wir immer in erster Linie unser deutsches Judentum in den Vordergrund treten lassen, wollen wir keinen Selbstmord an unserer Art begehen. Die Grenzen unseres deutschen Vaterlandes, für das unzählige deutsche Juden in diesem heiligsten aller Kriege geopfert haben und viele noch opfern werden, diese Grenzen sind für uns auch innerliche. Über sie wollen wir nicht hinausschielen nach den Juden anderer Länder. Mag der jüdische Franzose Franzose sein, der jüdische Engländer Engländer wie wir eben Deutsche sind. Mit jenen verbindet uns kein Band mehr und darf uns nie mehr eins verbinden. Was jetzt unter dem Zwang der Verhältnisse eingetreten ist..es muß auch bleiben, wenn die Landesgrenzen sich einmal für den Weltverkehr wieder öffnen werden." Das ist ungefähr der Rekord dessen, was bisher an Kurzsichtigkeit und Beschränktheit in der Ostjudenfrage von jüdischer Seite geleistet wurde. Eine Widerlegung der Cohnsehen Anschauung würde zu einer gemeinplätzigen Auseinandersetzung über das Wesen von Krieg und Politik führen; das „Hamburger Israelitische Familienblatt" hat mit Recht darauf hingewiesen, daß eine solche Anschauung zugleich unjüdisch und undeutsch sei. M. Steinhardt spricht das mit den kurzen Worten aus: „Hier macht sich ein *) Nr. 48. 26. November 1915.