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Das jüdische Echo · 1915-12-31 · 52 (31.12.1915) · p. Seite 438

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
52 (31.12.1915)
Date
1915-12-31
Page
Seite 438 (sequence 6)
Language
German
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438 Das Jüdische Echo Nr. 52 mern zweier verschwundener Weltstädte der Vorzeit. Träte das Meer bei Tyrus und Sidon zurück — eine ganze Stadt von Wällen, Höhlen und Gemächern würde sichtbar werden, die jetzt bewohnt ist von tausenderlei krabbelnden, schlüpfenden, scharfbewehrten, sich festsaugenden Seetieren und verkalkt von den Scharen großer Konchylienheere. Der Boden landeinwärts von den verschwundenen Städten ist wabenartig: durchlöchert von unzähligen Grabschächten. Aber diese Waben, einst gefüllt, sind nun leer, die kostbaren „Puppen" seit grauen Zeiten verschwunden. In dem Staub, der den Wanderer im Mugaret es-Setun umwallt, ist viel Organisches; die Erde der Äcker am Wadi-Masraa ist fett von Bestandteilen, die vor Jahrtausenden Leiber geformt haben. Ahnungsvoll sang der Dichter des Morgenlandes: „In ferner Vorzeit blühte rosig das Gesicht In dessen Staub wir heute achtlos treten. " Alles, was einst hier war, ist noch vorhanden, in anderen Formen und Verbindungen. Dieses armselige Volk, dem wir in Felsentälern und im Ackerland begegnen, muß Nachkomme sein jener verschollenen, sagenhaften Männer, die hier einst für König Salomo die Zedern zum Tempelbau verschifften, die das Zinn von fernen nordischen Inseln brachten, die Marseille gründeten, die Afrika umschifften, und die Götterlehre und Schrift an Barbarenküsten brachten . . . der Phönizier. Nach der einsamen Kulturhöhe, die Tyrus und Sidon in der Vorzeit innehatten, kam der Abstieg durch die Jahrtausende bis in unsere Zeit hinab. Sie sanken und schmolzen dahin unter dem scharfen Hauch der späteren Zeiten. Wo sich vor Zeiten die Häuser zu Gassen drängten, wo leuchtender Purpur, schillernde Glaswaren, kostbare Stoffe, alle Gewürze des Orients. Edelhölzer und Edelsteine in Schatzhäusern am Hafen lagerten, ist jetzt Wiesenland, hoher klarer Himmel und schreiende Raubvögel über der öden See, sind jetzt anstelle ragender Seekastelle und Hafenmauern nur wogenumschäumte Felstrümmer. Gespenstisch winselt und raschelt das hohe Schilf im Sumpf Birket el Ghere unter den verfallenden Bogen der alten Wasserleitung. „Raach! Raach . . . ana meskihn" singen heute armselige Tyrier und bieten dem Fremdling Purpurschnecken als Andenken an. Von der öden Stätte bei „Sur" und „Sa'ida" sind der Reichtum, der Schaffensdrang, die üppigen Fruchtbarkeitskulte der Vorzeit verschwunden. Aber wunderlich ist es, daß die Namen dieser Vorzeit erhalten blieben und noch an allen Stätten haften! Diese von Stelen und geheiligten Schriften erwähnten Namen blieben fast unverändert bis heute. Es sind also auch Nachkommen jenes starken großen Volkes, die heute so trüb umherschleichen unter den rieselnden Schatten der Dattelpalmen und Eukalyptusbäumen, im Mondlicht. Literarisches Echo Der jüdische Nationalkalender auf das Jahr 5676. Im Verlag von R. Loewit, Wien, ist vor einiger Zeit der „Jüdische Nationalkalender auf das Jahr 5676" erschienen. Als Herausgeber zeichnen Otto Abeles und Ludwig Batö. Ein Geleitwort, das sie dem Kalender vorausschicken, erläutert die Ziele der Veröffentlichung. Ihre Absicht ist. ein ernstes Volksbuch zu schaffen, ein Werk. das. in jüdischnationalem Geist, im Geiste Herzls zu den Juden spricht. Der jüdische Kalender für 5676. der das Buch einleitet, gewinnt besonderen Wert durch die jedem Monat beigegebene ausführliche Reihe nationaler Gedenktage, die die jüdische Geschichte seit Zerstörung des ersten Tempels berücksichtigt. Es folgt eine Anzahl von Aufsätzen, Erzählungen und Gedichten. Den Anfang macht ein Aufsatz des Herausgebers Batö, der in knapper Zusammenfassung die wichtigsten Ereignisse und Ergebnisse des Kriegsjahres 5676 behandelt. In kurzen gedrängten Zügen wird der Leser über die Lage in den wichtigsten jüdischen Zentren unterrichtet. Mit besonderer Ausführlichkeit verweilt der Verfasser natürlich bei dem Schicksale der palästinensischen Kolonien. Gutes kann er leider nicht viel berichten, überall fast hat der Krieg ja über das jüdische Volk das größte Unglück gebracht. Doch auch gute Seiten hat das Unglück gehabt, die Selbstbesinnung großer Teile des jüdischen Volkes, die Annäherung zwischen Ost- und Westjuden. Es folgt eine Wiedergabe der glänzenden Ansprache Herzls an den Deutschen Kaiser in Jerusalem. Der Kalender enthält eine Anzahl von Darlegungen aktuell-politischen Inhalts, so von Trietsch über Palästina als jüdischem Ansiedlungsland. Trietsch gibt hier die Anregung zur Schaffung von jüdischen „Gaitenstädten". das heißt großzügig angelegten Industriedörfern. Lehrreich ist der Artikel Dr. W. Beckelhammers zur Judenfrage in Polen. Der Verfasser gewährt aus genauer Sachkenntnis einen Überblick über die historische Entwicklung des Problems, erörtert die Stellung der Polen und begründet schließlich überzeugend, daß die Bestrebungen der „Polen mosaischer Konfession" keinen Erfolg haben können, schon weil die Polen selbst sie nicht wollen. Eine politische Zukunftsfrage erörtert Dr. H. Kadisch in dem Aufsatz: „Die Idee des mitteleuropäischen Staatenbundes", in dem die Notwendigkeit einer jüdischen Stellungnahme zugunsten der Zentralmächte dargelegt wird. Die allgemeineren politischen Ausführungen des Verfassers können freilich, weil sie die Dinge doch sehr vom einseitig österreichischen Standpunkt betrachten, beim Leser im Deutschen Reich nur auf geringeres Interesse rechnen. Wertvolle grundsätzliche Auseinandersetzungen enthält der Aufsatz des österreichischen Reichstagsabgeordneten Straucher, der das jüdische Problem hauptsächlich vom Gesichtspunkt der innerösterreichischen Politik erörtert. Andere Artikel von speziell österreichischem Interesse schließen sich an, so über die Beteiligung der österreichisch-ungarischen Juden am Krieg, über die „Schomrim", die jüdischen Wehrkraftjungen Galiziens, eine Betrachtung des Huldigungszuges jüdischer Flüchtlinge in Wien am Tage nach der Befreiung Lembergs. Neben diesen für den NichtÖsterreicher interessanten, ihn aber doch in geringerem Maße berührenden Aufsätzen, finden wir solche allgemein jüdischen Inhalts. Eine Überleitung: von einem Gebiet zum anderen bietet die Betrachtung, die Nathan Birnbaum an die Stellung der Wiener Juden zu den galizischen Flüchtlingen knüpft. In seiner temperamentvollen Art verteidigt Birnbaum die Flüchtlinge gegen die Verachtung, die ein Teil der Wiener Juden ihnen ihrer „nichteuropäischen" Sitten wegen leider entgegenbringt. Mit

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