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Das jüdische Echo · 1915-12-31 · 52 (31.12.1915) · p. Seite 436

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
52 (31.12.1915)
Date
1915-12-31
Page
Seite 436 (sequence 4)
Language
German
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436 Das Jüdische Echo Nr. 52 trägem, die einem wohl die Vorstellung; von Simson dem Gewaltigen erwecken können. Damals wurde am Berge Zion eine Synagoge erbaut.8) Die Folge der Ruhe, die die gehetzten Gemüter der Juden in der Türkei genießen durften, war eine neue Entwicklung jüdischer Wissenschaft im Orient. Sultan Bajesid II. bedrohte jeden mit dem Tode, der Juden verfolgte. Damals waren Konstantinopel mit 30.000 Seelen und Saloniki mit über 50 Prozent der Gesamtbevölkerung die größten Judengemeinden des Orients. In Jerusalem waren die Juden durch die Verfolgungen in der Zeit der Kreuzzüge und der sich daran anschließenden Seldschukenkämpfe so dezimiert worden, daß im Jahre 1488 nur noch siebzig Familien dort wohnten. Im Jahre 1521 war ihre Zahl wieder auf 1500 Familien gestiegen und heute hausen in Jerusalem 70.000 Juden. Das sind 662/a Prozent der 105.000 Einwohner betragenden Gesamtbevölkerung von Jerusalem. Bei der guten Behandlung, die die Juden unter der türkischen Regierung genossen, ist es gar nicht erstaunlich, daß sie politisch unbedingt mit der Regierung gingen gegen die Staaten, in denen ihre Glaubensgenossen gepeinigt wurden. Sie sympathisierten mit dem Vordringen der türkischen Heere gegen Österreich und waren auch bei den Kämpfen gegen Venedig politisch tätig. Natürlich hatte das wieder Repressalien in Europa zur Folge, so unter anderem die Verbrennung des Ghettos in Padua 1684 durch den von der Geistlichkeit aufgestachelten Pöbel. Die Juden schadeten sich im Orient aber auch durch ihre eigenen Streitigkeiten und die immer wieder auftauchenden Messiashochstapler, die oft derartige Aufregungen unter den Juden hervorriefen, daß die Pforte politische Wirren befürchtete und auch wiederholt energisch eingreifen mußte.9) In dem kleinen Städtchen Safet in Nordgäliläa konzentrierte sich jüdische Wissenschaft und mystische Schwärmerei. Hier wirkte Rabbi Mosche Makir als bedeutendster Sammler aller Liturgien, später Rabbi Elijahu des Vidas, der Verfasser einer Art Moraltheologie, Reschith- Chokhma und der große Kodifikator Rabbi Joseph Karo. Hier, wie einst in Spanien, haben die Juden sich eine Ehre daraus gemacht, aus wissenschaftlichen Arbeiten mit „der Lehre" keinen finanziellen Gewinn zu ziehen. Die meisten der großen Rabbiner waren unbesoldet und verdienten ihren Unterhalt als Kaufleute, Gewerbetreibende und Ackerbauer. Der Rabbiner der Juden ist ja kein Priester im Sinne christlicher Auffassung, sondern ein Mann, der mit untadelhaftem Lebenswandel einen ge- 8) Wie sehr man damals zionistische Gedanken der europäischen Juden fürchtete, geht aus der Tatsache hervor, daß der Papst die Errichtung der Synagoge auf dem Zionsberg mit einer Bulle beantwortete und den christlichen Kapitänen die Verfrachtung von Juden nach Palästina verbot. 9) Die messianischen Bewegungen entstanden fast imer als Auswüchse kabbalistischer Träume. Am berühmtesten wurde jener Sabbatai Zewi (geb. 1626) von spanischer Abkunft, der von Smyrna ausgehend die ganze orientalische Judenheit verrückt machte. Aber auch in diesem Fall bewies die türkische Regierung größte Toleranz und taktvolle Geschicklichkeit. wissen Grad von Gelehrsamkeit verbindet. Im übrigen besteht allgemeines Priestertum. Jeder Jude kann kirchliche Handlungen vornehmen. (Schluß folgt.) Welt-Echo Die polnische Universität in Warschau wurde erst vor wenigen Wochen feierlich eröffnet und schon versuchen die dortigen antisemitischen Zeitungen, eine jüdische Frage heraufzubeschwören. Dem „Warschauer Tagblatt" zufolge veröffentlichten die Zeitungen „Dzien", „Goniec" und „Dwa Grosze" am 11. November folgende Notiz: „In den Räumen der Universität und des Polytechnikums finden sich alltäglich zahlreiche Juden ein, hiesige und aus Lodz zugereiste. Sie erkundigen sich in russischer Sprache nach den Aufahmebedingungen an den polnischen Hochschulen. Man denke daran, daß dieses jüdische Element sich im vollen Einvernehmen mit weiten jüdischen Kreisen befindet, die das Polnische nicht übel beherrschen. An der Universität und am Polytechnikum werden die Juden eine eigene, abgeschlossene Korporation bilden. — In jedem Falle ist es eine Aufgabe von ungeheuerer Wichtigkeit, nicht bloß die Universität vor einem derartigen Fermont zu bewahren, sondern auch darauf zu achten, daß die Rechte der Christen an diesen Hochschulen nicht geschmälert werden. Mit anderen Worten: daß sie dort in einer Anzahl vertreten seien, die ihnen von Rechtswegen und entsprechend der Bevölkerungsverhältnisse zukommt. Es zirkuliert bereits ein Gerücht, daß Einschreibungen von Juden in gleicher Zahl wie von Christen stattgefunden haben, trotzdem die letzteren 85 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Von Frauen wurden 8 Aufnahmegesuche eingereicht, 2 von Christinnen, 6 von Jüdinnen". Die Antisemiten verlangen also schon nach der Prozentnorm. Es kann aber an die Ausführungen der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" erinnert werden, in denen ganz deutlich gesagt wurde, daß die Warschauer Hochschulen keine Benachteiligung irgendeines Bevölkerungselements kennen werden. Interessant ist es auch, wie dieselben Zeitungen, die vor einigen Monaten die Juden als Germanophilen denunzierten, jetzt plötzlich den russischen Patriotismus der Juden hervorheben wollen. Augenscheinlich wechselt der Patriotismus der Juden . . . nach Bedarf der Antisemiten. General Djemal Pascha in den jüdischen Kolonien Rischon le-Zion und Petach-Tikwah. Anfang November besuchte der Oberbefehlshaber in Syrien, General Djemal Pascha, die jüdischen Kolonien Rischon le-Zion und Petach-Tikwah. In beiden Kolonien wurde er durch Deputationen begrüßt. In Rischon le-Zion besichtigte Djemal Pascha das Gemeindehaus und den Park und spendete 10 Pfund für die armen Kinder der Kolonie mit der Bitte, seine Spende als Zeichen seiner freundlichen Gesinnung entgegenzunehmen. — In Petach-Tikwah, wo der General ebenfalls mehrere Stunden verweilte, stattete er der Schule, der Volksküche und der Synagoge einen Besuch ab, wo ihm ein feierlicher Empfang bereitet wurde. Djemal Pascha sagte wörtlich: „Er freue sich über die gewaltige Kulturarbeit, die die Juden hier geleistet haben und deren Bedeutung er sehr hoch einschätze." Einige Wochen zuvor hat Djemal Pascha mit seinem Gefolge die jüdische Kunstgewerbeschule „Bezalel" und deren Museum besucht.

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