Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 52 (31.12.1915)
- Date
- 1915-12-31
- Page
- Seite 435 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 52 Das Jüdische Echo 435 „In den meisten Orten richtet sich das Verhalten der Juden nach dem Verhalten der sie umgebenden NichtJuden . Wir könnten dazusetzen „namentlich nach dem Verhalten gegen die Juden" und unsere Leser auf die Geschichte der englischen und amerikanischen Juden hinweisen0) Aus dem Talmud hat sich nun eine Auffassung der Juden ergeben, die ganz besonders wichtig für das Verständnis jüdischer Religion ist De^- Talmud sagt: „Kein Unwissender kann fromm sein". Mit diesem Grundsatz steht die iüdische Religion einzig in der Welt da, ohne daß damit gesagt sein soll, daß in diesem Satz ein Vorzug der jüdischen Religion liegt. Dieser Satz ist vielmehr Ausgangspunkt einer Verknöcherung religiösen Lebens und birgt einen großen Irrtum in sich. Viel richtiger ist der gegenteilige Satz: credo quia absurdum. Das Judentum wird des Glaubens entkleidet, es ist gar keine Religion mehr, es ist Wissenschaft. Dem Juden ist die Frömmigkeit ohne Erkenntnis nicht denkbar. Kenntnis, der Moralgesetze, Kenntnisse der Zeremonialgesetze, historische Kenntnis ist nötig, um fromm zu sein. „Die Pflicht", sagt der Talmud, „sich mit der Lehre zu beschäftigen, wiegt alle anderen Pflichten auf. Darin liegt die Absage an jede Mystik, aber auch ein furchtbarer erkenntnistheoretischer Irrtum, der aus dem eine Wissenschaft, also ein Feld der vernunftgemäßen Erkenntnis macht, was jeder Erkenntnis Hohn spricht. Religion ist doch nur dann berechtigt und haltbar gegen die Angriffe der Vernunft, wenn sie von vorneherein als außerhalb der Erkenntnis stehend anerkannt und festgelegt wird. Von diesem Grundsatz entfernt sich mehr als irgendeine Theologie der Welt die strenge Talmudtheologie, die wir besser Talmudologie nennen können. Aber die Natur des Menschen verträgt auf die Dauer keine Ablenkung von den ihr angeborenen geheimnisvollen Giesetzen. Wie eine Uhrfeder; beugt sie sich dem Drucke, der in irgendeiner Form auf sie ausgeübt wird, aber sie benützt jede Gelegenheit, in die ihrem Gleichgewicht, oder ihrer gegebenen Form entsprechende Lage zurückzukehren. Jedes „Totmachen" des Mystischen in einer Masse von Menschen erzeugt kurz oder lang als lebhafte Reaktion ein neues, heftig pulsierendes mystisches Leben. So ist es auch dem Tahnudjudentum gegangen. Dazu kam. daß äußere Not, Leiden, Märtyrerqualen, Hunger und Elend, wie sie die Juden des Mittelalters erdulden mußten, das Erwachen mystischer Reaktionen beförderten. Der mystische Hang der menschlichen Natur schuf bei den orientalischen Juden die Geheimlehre der Kabbala. Der Talmud wollte die stete Beschäftigung mit der Lehre. Wie sollte der arme, arbeitsgeplagte, ungebildete Mann des Volkes sich wissenschaftlich mit dem Talmud beschäftigen? Da gab ihm die Kabbala in ihrem Hauptwerk, dem Sohar (Glanz), ein Buch m die Hand, dessen Sprache er gar nicht verstand. Das allem wirkt schon zauberhaft auf arme, unwissende Menschen. Wir haben ein Beispiel in der katholischen Liturgie! ~^Der jetzige Botschafter der Ve^"^6"^" ten in Kontantinopel ist Jude - Die volle Gleichberechtigung der Juden in England ist rmt dem Eintritt Lionel Nathan Rothschilds in das Unterhaus 1858 erreicht worden. Der unwissende Jude brauchte die unverstandenen Sätze nur mehr herunterzuleiern und bewies damit jedem, der es wissen wollte, in erster Linie seinem Gott, daß er sich mit ..der Lehre" beschäftige. Im dreizehnten Jahrhundert ist der Sohar in Spanien aufgetaucht in Form eines Pentateuchkommentars. Er wurde zuerst, um ihm den verehrungswürdigen Staub des Alters zu geben, dem Rabbi Simeon ben Jochai, der im zweiten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung gelebt hat, zugeschrieben. Sein wirklicher Verfasser ist der Rabbi Mosche de Leon, der um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts im christlichen Nordspanien lebte und wirkte. Der Sohar nahm seinen Siegeszug durch die jüdische Welt und schuf die Grundlagen für einen ganz beträchtlichen Mystizismus im Judentum. Er täuschte selbst den Papst Paul IV.. der in ihm die christlichen Mysterien enthalten wähnte, und was mehr bedeutet, er täuschte den deutschen Humanisten Reuchlin, der in seinem Buch de arte cabbalistica christliche Dogmen durch die Lehren der Kabbala zu stützen versuchte. Die besten Witze sind doch die der menschlichen Geschichte. Der Sohar ist heute im Orient in der Hand jedes Juden, obwohl ihn auch heute fast niemand versteht. Wir müssen noch einmal auf die spanischen Juden zurückkommen, weil sie für die Türkei von großer Bedeutung wurden. In allen Wissenschaften und Künsten der Araber hatten die Juden ihre Vertreter. Es würde uns zu weit führen, hier auch nur die Namen zu nennen. Je mehr aber in der Folgezeit die politische Macht der Araber zurückging und je mehr christliche Macht und damit christliche Religion sich auf der Halbinsel nach Süden vorschob, desto trauriger wurde das Los der Juden, die unter Verfolgungen litten, wie sie entsetzlicher wohl nirgendwo stattfanden. Allerdings begingen hier viele Juden den Fehler, sich taufen zu lassen, und als Marranos das Christentum nur rein äußerlich zu üben, im geheimen aber Juden zu bleiben. Diese Marranos konnten ohne weiteres von der Inauisition gefaßt und verbrannt werden. Die Zustände wurden so entsetzlich, daß alle Juden, die dem Scheiterhaufen entkommen waren, Spanien verließen. Sie wandten sich zum großen Teil an die einzige tolerante Regierung in Europa, an den Sultan in Konstantinopel, der sie freundlich aufnahm und ihnen die Ansiedelung in seinem Reich gestattete. Schon bei der Eroberung Konstantinopels durch die Türken 1453 erwies sich die große Duldsamkeit der Osmanen, die den Juden freie Religionsausübung und freien Aufenthalt gewährten, ganz im Gegensatz zu den Kreuzrittern, die, nachdem sie Jerusalem erobert hatten, dort ein wüstes Morden veranstalteten. Muhammed der Eroberer ernannte seinen jüdischen Arzt Hakim7) Jacob zum Finanzminister und vereinigte alle Juden des Reiches unter einem heute noch bestehenden Großrabbinat. Dem Großrabbiner wurde der Rang ü b e r dem griechischen Patriarchen gegeben. Damals ging von Isak Zarfati ein Aufruf an die Judenschaft Deutschlands und Ungarns, der die Auswanderung nach der Türkei predigte. Desgleichen gewann Palästina neuen Zuzug von Juden. Hier trieben sie Ackerbau und Viehzucht und hier sieht man auch heute noch herkulische Gestalten unter den jüdischen Bauern und Last- 7) Neutürkisch Hekim Der Arzt,