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Das jüdische Echo · 1915-12-31 · 52 (31.12.1915) · p. Seite 434

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
52 (31.12.1915)
Date
1915-12-31
Page
Seite 434 (sequence 2)
Language
German
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434 Das Jüdische Echo Nr. 52 Da schickten sie am dritten Tage eine Deputation an den Kommandanten, er möge diese Summe als Kontribution annehmen, denn mehr aufzubringen sei unmöglich. Denn von deu 4682 jüdischen Familien der Stadt hätten nur 328 etwas geben können; sie alle seien arm und die Reichen längst geflüchtet. Da berief der russische Kommandant seine Vertrauensmänner, darunter österreichisch-polnische Staatsbeamte, um sie zu befragen. Draußen vor dem Rathause standen die Juden und warteten auf die Entscheidung derer, in deren Hand ihr Leben stand. Endlich kam die Botschaft des Obersten. Sie lautete: „Hätte ich eine Million Kronen von Euch verlangt, so hättet Ihr diese Summe geben müssen, danket meiner Gnade, daß ich nur 100000 Kronen verlange, eine Summe, die jeder von euch leicht aufbringen kann. Morgen frühestens muß dieser Betrag abgeliefert sein! Der Bote des Obersten, der diese Mitteilung überbrachte,war ein Rechtsanwalt, Mitglied des Gemeinderats der Stadt, einer der polnischen Ratgeber des russischen Kommandanten. So hat er und haben viele andere Polen den Juden Treue gehalten dafür, daß die angesehensten Juden Galiziens seit Jahrzehnten der polnischen Sache Gefolgschaft geleistet, oft zum Schaden ihrer eigenen. Die jüdische Deputation überbrachte die Mitteilung des Obersten der versammelten Judenschaft. Ein jeder gab seinen letzten Heller und doch fehlten noch 31658 Kronen an der vom Kommandanten verlangten Summe. Da beantragte der Vorsteher eines Beth-Hamidrasch, man möge die Thorakronen in allen Bethäusern sammeln und der Kontribution beilegen, die werden sicher einen Wert von 31658 Kr. haben. Nach einer Stunde waren 30 große, 24 kleine Thorakronen uud 30 silberne „Hände" da. Ein Mitglied der Deputation beauftragten die Versammelten bei Ueberreichung der Kontribution den Kommandanten zu ersuchen, er möge die jüdische Bevölkerung vor Ueberfällen schützen, denn nicht nur bei Nacht, sondern auch bei Tag werden jüdische Häuser überfallen, ausgeraubt und die ärgsten Schandtaten verübt. Am nächsten. Tage warteten die zehn freien Geiseln im Rathause, um dem Kommandanten die Kontribution zu übeneichen, die Verhafteten zu befreien und um Schutz für die jüdische Bevölkerung zu bitten, denn bei Nacht waren wieder einigeVergewaltigungen vorgekommen. EinMelamed, der seine Tochter schützen wollte, wurde ermordet und zwei Frauen schwer verwundet. Um halb zehn Uhr ließ der Kommandant die zehn Geiseln eintreten, und sie übergaben ihm die Kontribution. Kaum hatte der Kommandant die Thorakronen erblickt, so rief er laut: „Gemeines Gesindel, Hundesöhne, ewige Feinde des russischen Zaren, weg mit Eueren Thorakronen. Ich verstehe zu gut, was Ihr beabsichtigt, Ihr wollet die Rache Eueres Gottes, auf das russische Heer ziehen, um Euch so an uns für Euere Kontribution zu rächen. Dafür werdet Ihr mir büßen, Ihr Hundesöhne. Spätestens bis 6 Uhr müßt Ihr die 100.000 Kronen bringen, 50.000 Kronen bar, den Rest dürft Ihr in Wertgegenständen geben. Staats- oder Wertpapiere nehme ich nicht an, denn der jüdische Staat, d. h. Oesterreich, ist zertrümmert, daher repräsentieren diese Papiere keinen Wert. Weil Ihr aber Eueren Gott gegen uns hetzen wolltet, verurteile ich jeden von Euch zu zwanzig Nagaikas. Nachher könnt Ihr gehen, um den Rest der Kontribution zu sammeln. Um 6 Uhr abends muß ich das Geld haben, sonst werdet Ihr alle gehängt." Nach einer halben Stunde brachte man die zehn verhafteten Geiseln, und alle zwanzig führte man zusammen auf den Ringplatz. Dort stand eine Bank bereit, und vier Kosaken walteten ihres Amtes. Als einer der Geiseln, ein 82 jähriger Greis, während der Schläge bewußtlos wurde, ließ ihn der Kommandant, der die Nagaikas zählte, wegführen, und als alle bereits geprügelt waren, erhielt der Greis den Rest Prügel. Alle anwesenden Juden wurden zusammen getrieben und mußten dieser Prügelstrafe zuschauen. Als das Schauspiel zu Ende war, stürzten sich die Kosaken auf die Juden, schlugen sie blutig, weil sie sich angesammelt hätten, obwohl Ansammlungen verboten seien; und sie waren doch auf Befehl des Kommandanten versammelt worden! So wurden sie geschlagen und gejagt und die Russen — und nicht sie allein — hatten eine viehische Freude. Gegen 1 Uhr war das Schauspiel zu Ende; sogar die ärmsten Juden gaben ihren letzten Heller und man brachte mit Wertgegenständen 96320 Kronen für den Kommandanten zusammen. Die Prügelstrafe wurde seit jenem Tage eine stehende; mindestens wurden am Tage zwei Juden geprügelt. Nur eine kleine Ueberaschung brachte der andere Tag, die Bank verschwand; man prügelte die Leute, die nackt ausgezogen wurden, auf der Straße, während einer Winterkälte von oft 20 Grad. Ben Jehoschua. Die Juden der Türkei Aus dem Buche „Die Türkei, Bilder und Skizzen von Land und Volk" von Franz Karl End res, k. ottomanischer Major a. D. (Fortsetzung). Aus den Forschungen, Auslegungen und Arbeiten aller Art entstand ihr berühmtes, viel geschmähtes und, wie das die Regel ist, von seinen größten Feinden kaum gekanntes Werk, der Talmud.4) Er besteht aus der Mischna. einer Art bürgerlichem, religiösem und kultischem Gesetzbuch, und der Gemara, die Erläuterungen der Mischna enthält. Der große Fehler des Talmud liegt in der politischen Ungeschicklichkeit, Angriffe auf Christus, also auf den Vertreter derjenigen Religion vorzubringen, in deren Machtbereich die Masse des Judentums leben mußte. Wie viel klüger waren die Verfasser des Koran, die Jesus bereitwillig als einen Propheten Gottes bezeichneten! Das Judentum hat immer unter seiner religiösen Starrköpfigkeit furchtbar gelitten.5) Mit der Blütezeit der arabischen Kultur in Spanien fällt auch die der jüdischen zusammen. Diese Tatsache gibt dem Ausspruche eines weisen Rabbi, Jehuda Chasid (gest. 1216) recht, der sagt: 4) Man unterscheidet je nach den Redaktionen den jerusalemischen, palästinensischen und babylonischen Talmud. Letzterer, der jüngste, ist um 550 nach Christi Geburt vollendet worden. 5) Nach dem Urteil bedeutender jüdischer Forscher auch heute noch. Die im modernen Leben nicht mehr aufrechtzuerhaltenden Speise- und Sabbathgebote werden von den Orthodoxen nicht abgeschafft. Ihre durch die Verhältnisse bedingte ständige Übertretung hat natürlich eine Verflachung religiöser Gewissenhaftigkeit zur Folge. Ursache der Entstehung des dem jüdischen Empfin- Der Eigensinn der Orthodoxen ist mit die Hauptden widersprechenden Reformiudentums.

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