Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 51 (24.12.1915)
- Date
- 1915-12-24
- Page
- Seite 431 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50 Das Jtidlsche Echo 431 reut und Buße tut, daß oben alles vergeben und aus den Registern gestrichen wird. Die Tore des Paradieses stehen für alle Bewohner von Lahadam weit offen. Wenn einer kommt und sagt' „Ich bin aus Lahadam", so wird er gar nicht weiter gefragt. Selbstverständlich ist dieser Zustand für die Hölle wenig angenehm und Satan selbst nimmt die Sache in die Hand. Er wird schon mit dem Vorbeter fertig werden. Was tut er? Er läßt sich von der Erde einen kalikutischen Hahn mit rotem Kamm bringen. Er stellt ihn auf seinen Tisch, setzt sich selbst ihm gegenüber, kraut ihn und starrt so lange und so unverwandt auf seinen roten Kamm, bis dieser weiß wie Kalk wird. Wie der Satan fühlt, daß der Allmächtige oben in höchsten Zorn geraten ist. ruft er aus: „Soll er seine süße Stimme verlieren bis zu seiner Sterbestunde!" Wen er bei dieser Verschwörung meinte, versteht ihr selber. Und bevor noch der Kamm des kalikutischen Hahnes wieder rot geworden war, hat der Vorbeter von Lahadam seine süße Stimme bereits verloren. Seine Kehle ist wie geschlagen, er kann kaum noch sprechen. Wer an der Sache schuld ist. wußte man schon; d. h. nur einige Wunderrabbis wußten es. Wer hat aber den Mut, dem Vorbeter die Sache zu erklären? Es ist ihm doch so wie so nicht zu helfen. Wenn der Vorbeter als Mensch noch irgendwie bedeutend gewesen wäre, könnte man vielleicht durch Fürbitte im Himmel etwas erreichen. Doch abgesehen von seiner süßen Stimme war der Mann, wie gesagt, durchaus unbedeutend, eine Null . . . Nun reist er von einem Zaddik zum andern, doch keiner will ihm etwas sagen. Schließlich kommt er zum Apter Zaddik und gibt ihm keine Ruhe: er wird das Haus nicht eher verlassen, bis er die reine Wahrheit erfahren. Es ist ein Jammer mit dem Menschen! Der Apter Zaddik versucht ihn zu trösten: „Wisse, daß deine Heiserkeit bis zu deiner Sterbestunde anhalten wird. Das Sterbegebet Widuj wirst du aber wieder mit so klarer Stimme sprechen können, daß man es in allen sieben Himmeln hören wird!" „Und bis dahin?" „Bis dahin ist die Sache hoffnungslos!' „Wie ist das aber geschehen? Und warum ist mir das geschehen?" Und er plagt den Zaddik so lange, bis dieser ihm die ganze Wahrheit sagt. „Wenn so", schreit der Vorbeter mit seiner heiseren Stimme auf, „so werde ich mich schon rächen!" Und mit diesen Worten rennt er hinaus „Wie willst du dich rächen und an wem?' ruft ihm der Zaddik nach, doch er ist schon längst fort. Das geschah an einem Dienstag; andere sagen — an einem Mittwoch. Und als am Donnerstag abends die Fischer von Apta zu Sabbat fische fingen und ihr Netz herauszogen, war das Netz •auffallend schwer. Im Netze lag der Vorbeter von Lahadam. ertrunken! Er hatte sich von der Brücke ins Wasser gestürzt. In der Sterbestunde hatte er seine süße Stimme, wie es ihm der Apter Zaddik ganz richtig vorausgesagt hatte, wiederbekommen. Denn der Satan hat -ja ausdrücklich bestimmt: ..Bis zi> semer Sterbestunde". Doch während er ins W)asser sprang und sich ertränkte, sprach er nicht das Wiiduj-Qebet, sondern hob sich seine Stimme für später auf. Das war auch seine Rache, wie ihr es gleich sehen werdet. Die Seele des Vorbeters wird sofort, wie es bei einem Selbstmörder selbstverständlich ist, von den Teufeln gepackt und zur Hölle geschleppt. Am Höllentore frägt man ihn üblich nach den Personalien, doch er antwortet kein Wort. Man versucht ihn mit einer glühenden Gabel zum Sprechen zu bringen, aber er schweigt. „Nehmt ihn so!" Man weiß doch ganz gut, wer er ist. und man hat ihn auch erwartet. Also nimmt man ihn „so" und führt ihn zu einem Kessel, der gerade für ihn heiß gemacht wird: sobald das Pech zu sieden anfängt, wird man ihn hineinwerfen. Doch der Vorbeter setzt sich plötzlich den Daumen auf die Gurgel und beginnt den Kaddisch aus der Neilo . . •. Er singt, und seine Stimme klingt immer stärker und noch süßer und himmlischer als ie . . In den Kesseln, aus denen bisher nur ein Winseln und Jammern drang, wird es plötzlich still. Dann fallen einzelne Stimmen ins Gebet ein. verbrühte Köpfe heben die Deckel von den Kesseln ab, und versengte Lippen singen mit . . . Die Teufel, die bei den Kesseln stehen, sind vor Schreck wie gelähmt. Sie stehen — der eine mit einer Tracht Holz, der andere mit einem Schürhaken, der dritte mit einem Dreizack in der Hand, mit verzerrten Gesichtern, ausgestreckten Zungen, offenen Mäulern und runden Augen regungslos da; andere sind vor Schreck umgefallen. Und der Vorbeter fährt in der Neilo fort. Und während er singt, beginnt das Feuer unter den Kesseln allmählich auszugehen, und die Toten kommen einer nach dem andern aus den Kesseln heraus. Er singt, und die ganze Gemeinde betet mit, und die Brandwunden verheilen und überziehen sich mit neuer Haut, die verbrannten Glieder wachsen nach, und alle Leiber sind wie geläutert. Und wie er kommt in der hohen Schmojn-Essro zur Stelle: „mechaje mejssim" — „gesegnet seist du Herr, der du die Toten lebendig machst", so werden alle Toten wirklich lebendig und nehmen ihre frühere Gestalt an. Und sie rufen wie ein Mensch: „Amen!" Und bei der Stelle: „Jehej schmej rabo" — „Sein großer Name werde gepriesen in alle Ewigkeit" — klingt es so laut, daß alle Himmel sich auftun, und das Bußgebet der Sünder bis in den siebenten Himmel, bis vor den Thron der göttlichen Majestät hinaufsteigt. Und das geschah gerade in einer Stunde, als der Herr Gnade übte; alle Sünder bekamen plötzlich Flügel, und flogen hinauf und fanden die Tore des Paradieses weft offen stehen . . . In der Hölle zurückgeblieben sind nur die vor Schreck erstarrten Teufel und der Vorbeter selbst: wie bei Lebzeiten .hatte er auch jetzt alle Herzen erweicht und zur Buße gebracht, doch selbst nicht ordentlich Buße getan. Zudem war er ja auch ein Selbstmörder! Mit der Zeit hat sich die Hölle. wieder gefüllt. Ich hörte sogar, daß man dort jetzt einen Erweiterungsbau errichtet. Mitteilung der Redaktion. Alle für die Redaktion bestimmten Briefe und Sendungen sinjd von nun an nur mehr München. Herzog Maxstr aße 4 zu adressieren.