Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 51 (24.12.1915)
- Date
- 1915-12-24
- Page
- Seite 430 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9102856-9116461--00631-9073458- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
430 Das Jüdische Echo Nr. 50 Diese Zähigkeit der jüdischen Rasse äußert sich auch deutlich in der Kraft der Typuserhaltung bei Rassenmischung. Während in Rom in der Zeit von Christi Geburt am linken Tiberufer und auf der Tiberinsel sich zahlreiche Juden angesiedelt hatten, breiteten sich ihre Volksgenossen in Armenien, Kleinasien, Gallien und Spanien aus. Schon damals begannen die ersten Verfolgungen, aber auch zahlreiche Übertritte vom Heidentum zum Judentum kamen vor. Sogar ein König (Izates von Adiabene im Lande der Assyrer) trat zu ihm über. Die Tatsache, daß die Juden sich überall als Fremde fühlten, politische Heimatgedanken nicht hatten, dagegen eine überwältigende religiöse Tradition, richtete all ihr Interesse und ihre gemütlichen wie geistigen Kräfte auf eben diese Tradition. (Fortsetzung folgt.) Feuilleton Neilo in der Hölle Von J. L. Pere z. Die letzte vom verstorbenen Dichter veröffentlichte Arbeit. Deutsch von Alexander Eliasberg. An einem ganz gewöhnlichen Tage — es war weder Wochenmarkt noch Jahrmarkt — hörten die Marktleute plötzlich in der Ferne Pferdegetrabe und sahen den Straßenkot aufspritzen. Bald zeigte sich auch eine Kutsche mit einem Pferde. Wer mag da gefahren kommen? Doch wie die Kutsche auf dem Marktplatze anlangte, wandten sich alle voller Abscheu, Angst und Zorn weg: in der Kutsche saß der Angeber aus der Nachbarstadt, der wohl geradeaus in die Hölle fuhr. Wen wird er diesmal bei der Behörde anzeigen? . . Plötzlich wird es still, die Leute schauen unwillkürlich hin: die Kutsche steht, das Pferd hat den Kopf gesenkt und säuft aus einer Pfütze, und der Angeber ist von seinem Sitz heruntergefallen und liegt unbeweglich da. Es ist ja immerhin eine Menschenseele! Die Leute laufen hinzu — der Mann ist tot. Der herbeigeeilte Heilgehilfe erklärt: „Erledigt!" Die Angestellten der Beerdigungsbrüderschaft nehmen sich der Leiche an . . . Pferd und Kutsche werden verkauft und aus dem Erlös werden die Bestattungskosten bestritten. Kaum ist er beerdigt, als Teufel seine Seele packen, zur Hölle schleppen und sie dort den Torbeamten übergeben. Am Höllentore wird er für eine Weile aufgehalten und der Beamte, der die Bücher über Ein- und Ausgänge führt, nimmt gähnend seine Perso- Cognac Macholl München den besten französieohen Marken ebenbürtig — überall erhältlich. Eigene Verkaufsstelle: Karlsplatz 95 (Hotel Königshof) nahen auf und trägt sie mit träger Hand in sein Buch ein. „ Der Angeber, dessen ganzer Einfluß in der Hölle nichts mehr wert ist, gibt Auskunft: da und da geboren, da und da geheiratet, so und so lange sich vom Schwiegervater aushalten lassen, dann von Weib und Kindern entlaufen, in die und die Stadt gezogen und den Beruf eines Angebers ergriffen, von dem er lebte, bis sein Maß voll wurde. Gestorben ist er aber auf der Durchreise auf dem Marktplatze der Stadt Lahadam. Da wurde plötzlich der Höllenbeamte, der die Bücher führt, interessiert und fragt mitten im Gähnen: „Wie heißt die Stadt? La—ha-" „Lahadam!" wiederholt der Angeber. Der Matrikelführer wird plötzlich rot, und seine Augen drücken höchstes Erstaunen aus. „Habt ihr mal von einer solchen Stadt gehört?" wendet er sich an seine Gehilfen. Die Gehilfen zucken die Achsel, schütteln den Kopf und stecken die Zungen heraus: „Nein, noch niemals gehört!" „Gibt's überhaupt eine solche Stadt?" Jede Gemeinde hat in der Hölle ihr eigenes Buch, und alle Bücher stehen alphabetisch geordnet. Jeder Buchstabe hat seinen eigenen Schrank. Man nimmt alle Bücher mit L durch: Lublin, Lemberg, Leipzig, alles da. nur kein Lahadam! „Und doch gibt es eine solche Stadt!" sagt der Angeber, „ein Städtchen in Polen!" „Ist sie vielleicht ganz neu gegründet?" „Nein, sie steht schon seit etwa zwanzig Jahren da. Der Gutsherr hat sie aufgebaut und zwei Jahrmärkte eingesetzt. Es gibt dort eine Schule, ein Bethaus, ein Bad . . zwei geheime Branntweinschenken . . ." „Ist hier schon mal jemand aus Lahadam dagewesen?" wendet sich der Buchhalter wieder an seine Gehilfen. „Nein, noch niemand!" antworten sie ihm. „Was ist denn los? Sterben denn die Leute dort gar nicht?" frägt man den Angeber. „Warum sollen sie nicht sterben?" antwortet er nach Judenart mit einer Gegenfrage. „Die Leute wohnen dort in kleinen, dumpfen Stübchen, das Bad ist so gebaut, daß man darin gar nicht atmen kann, das ganze Städtchen steht auf einem Sumpf!" Der Angeber verfällt allmählich in seinen gewohnten Angeberton: „Auch einen Friedhof gibt es dort. Die Beerdigungsbrüderschaft schindet furchtbar hohe Gebühren, und erst neulich bei der Epidemie . . ." Man schickt den Angeber in die entsprechende Abteilung der Hölle, und wegen des Städchens Lahadam frägt man bei höherer Stelle an. Da muß doch etwas nicht in Ordnung sein: das Städtchen besteht schon seit zwanzig Jahren, sogar eine Epidemie hat es dort gegeben, und doch — kein einziger Toter von dort! Die höhere Stelle schickt Boten auf die Erde hinauf, um der Sache nachzugehen: es stimmt! Das Städtchen ist wie die anderen Städtchen, mit wenig gottgefälligen Werken und viel Sünden: der Teufel der Versuchung arbeitet dort sogar recht energisch. Also wo ist der Haken? Nun, sie haben eben in ihrer Gemeinde einen so ungewöhnlichen Vorbeter. Das heißt, der Vorbeter ist als Mensch durchaus gewöhnlich und unbedeutend, er hat aber eine so süße, so himmlische, so herzerweichende Stimme, daß selbst die verstocktesten eisernen Herzen weich wie Wachs werden. Kaum stellt er sich vor den Vorbeterpult, als die Gemeinde mit solcher Inbrunst ihre Sünden be-