Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 51 (24.12.1915)
- Date
- 1915-12-24
- Page
- Seite 429 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 50 Das Jüdische Echo 429 nistischen Organisation in Konstantinopel und allen politischen Hauptzentren; 3. Gründung einer jüdischen Zeitungskorrespondenz und Ausbau des repräsentativen Organs des Zionismus" Die Tätigkeit eines Mannes, der m so kurzen Zeitabschnitten solchen gründlichen Wandlungen in der Auffassung der menschlichen Wirksamkeit unterworfen ist, müssen wir mit jener Vorsicht begleiten, die bei Menschen geboten erscheint, deren Gesinnung nachweisbar so extremen Schwankungen ausgesetzt ist. m. Die Juden der Türkei Vorbemerkung der Redaktion: Vor kurzem erschien im Verlag Oskar Beck, München, ein Buch, das unser höchstes Interesse beanspruchen darf. Es ist verfaßt von dem k. b. Hauptmann im Generalstabe und k. ottomanischen Major a. D. Franz Karl Enders und hat den Titel: „Die Türkei, Bilder und Skizzen von Land und Volk" (M. 5.—) Durch die freundliche Güte des Verlags ist es uns ermöglicht, das für unsere Leser besonderes interessante Kapitel: „Die Juden" vollständig zum Abdruck zu bringen. Eine ausführliche Besprechung des Buches selbst bringen wir in einer der nächsten Nummern. Die Juden spielen in der Türkei eine verhältnismäßig große Rolle. Nicht insofern als sie aufdringlich wirken, sondern indem sie in der Handelswelt schaffendes Kapital besitzen, als Handwerksleute, von den Muhammedanern kaum unterschieden, ihren Lebensunterhalt gewinnen und bei der Befreiung aus dem Joche Abdul Hamids ganz auf Seite der jungtürkischen Partei standen. Juden und zum Muhammedanismus übergetretene Juden spanischer Herkunft (dönme) haben als Beamte und Politiker dem neuen Regime tatkräftig geholfen und sind auch heute noch treue Mitarbeiter an der Staatsmaschine.1) Die liberale Grundstimmung moderntürkischen Denkens legt ihrer Tätigkeit keine Schranken auf. Von jeher war die Türkei eine Zuflucht der Juden und von jeher hat sie dem christlichen Europa Unterricht in Würde und Toleranz inbezug auf die Judenfrage gegeben. Trotzdem kann man nicht von einer verjudeten Türkei sprechen. Die Juden des Orients haben fast nie politische Intrigen veranstaltet, ja selbst im Zionismus ist der Ruf „Los vom Padischah!". der der sonstigen Tendenz dieser Bewegung ziemlich nahe gelegen hätte, nie erklungen. Ihre politische Vernunft, die sich weise darauf beschränkte, erträgliche Verhältnisse für die Einzelgemeinden zu schaffen, und politisch-territoriale Vereinigung mit politischnationaler Freiheit im großen und ganzen als eine nicht erfüllbare Phantasie von der Hand wies, hat ihnen die Sympathie der Muhammedaner erworben. Dazu kommt, daß Muhammed, ganz in jüdischer Umgebung groß geworden, seine religiösen Ideen, namentlich den reinen Monotheismus, aus dem Judentum nahm und schon aus praktischen Gründen die Gegensätze der islamitischen zur jüdischen Religion auf ein Mindestmaß verringerte. Folgende Koranstellen zeigen die freundliche Anlehnung des Islam an das Judentum. Sure 45. 15: „Und wahrlich, wir gaben den Kindern Israels die Schrift und die Weisheit und das Prophetentum und versorgten sie mil allem Guten und bevorzugten sie vor aller Welt'". Sure 2. 116: „O ihr Kinder Israels, gedenket meiner Gnade, mit der ich euch begnadete, und daß ich euch vorzog vor aller Welt." Das Glaubensbekenntnis des Islam könnte ein Jude schießlich auch aussprechen, ohne religiös abtrünnig zu werden, wenn er den Zusatz „Muhammadun rasulalla" (Muhammed ist der Gesandte Gottes) ganz allgemein auffaßt, daß nämlich jeder geistes- oder gefühlsbegnadete Mensch gottbegnadet und damit gottgesandt ist. (Daß wir diese wie manche andere Auffassung des Verfassers nicht teilen, braucht wohl kaum vermerkt zu werden. D. R.) So hat auch Maimonides, der größte jüdische Theologe des Mittelalters (geb. 1135 in Cordava, gest. 1205 in Cairo), bei den damals üblichen Zwangsbekehrungen durch die spanischen und afrikanischen Araber seinen Glaubensgenossen geraten, das islamitische Glaubensbekenntnis äußerlich anzunehmen und im Herzen und im Hause dem jüdischen Kult zu leben. Mehr wollten die Araber gar nicht und es hatte keinen Zweck, der auszusprechenden Formel zuliebe Tausende von Märtyrern zu schaffen. Wir sind mit Erwähnung dieser Tatsache der geschichtlichen Entwicklung vorausgeeilt. Wir können hier naturgemäß keine Geschichte der Juden einschalten, müssen aber doch einige große Zusammenhänge nennen. Denn ganz besonders bei diesem konservativsten aller Völker, bei dieser stärksten aller Rassen ist das Verständnis der Vergangenheit notwendig für das Verständnis der Gegenwart. Die charakteristische Eigentümlichkeit jüdischen Volkslebens, die Zerstreuung über den Erdkreis, begann mit dem Exil in Babylon. Sie ist seitdem das Schicksal des Volkes geblieben. Schon damals gelangten die Juden bis Indien und China,2) nach Kleinasien, d'em Archipel und westwärts vereinzelt nach Italien3) und vielleicht schon nach Spanien. Die Hauptauswanderung dieser alten Zeiten richtete sich aber nach Ägypten, wo die Juden die Träger einer Kultur wurden, die der gesunkenen griechischen gewissermaßen wieder in den Sattel hall. Die Juden hatten die Rolle der Phöniker übernommen und schon zurzeit, wo die Römer der politischen Selbständigkeit der Juden ein Ende bereitet hatten, waren sie als Kaufleute über die ganze damalige „Welt" verbreitet. Sie wurden also nicht etwa, wie manchmal zu hören ist, von Anfang an von den Nationen, die ihre Wirte waren, zum Kaufmannsstand gezwungen. Das ist erst im Mittelalter der Fall gewesen, und hat sich in Resten bis auf den heutigen Tag erhalten. Schon damals waren sie von einem Gefühl des Weltbürgertums in politischer Hinsicht und von einem Gefühl ausschließlicher Zusammengehörigkeit in religiöser und familiärer (dies im weitesten Sinn des Wortes) Hinsicht erfüllt. Das erstere bewahrte sie vor zwecklosen Kämpfen um politische Selbständigkeit, erzeugte aber auch bei den Nationen, in denen sie lebten, ein gewisses Mißtrauen in ihre politische Zuverlässigkeit, das letztere gab ihnen eine Zähigkeit, die ganz unbeschreibliche Verfolgungen und Dezimierungen 1 überwand. *) Djavid Bey, der frühere türkische Finanzminister, war ein dönme. 2) Jesaia 49. 12. 3) Jesaia 66. 19.