Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 51 (24.12.1915)
- Date
- 1915-12-24
- Page
- Seite 427 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50 Das Jüdische Echo 427 sehen. Wir ge%en dabei von der prinzipiellen Meinung aus, daß jeder, der im Interesse eines jüdischen Palästinas arbeitet, uns hochwillkommen ist. Diese restlose Zustimmung erfährt aber eine einzige Einschränkung, daß derartige Palästinabestrebungen durch ihre allzu zeitlichen von persönlichem Ehrgeiz Einzelner getragenen und nur auf ihre äußerliche Wirkung hin berechneten Pläne einer kontinuierlichen, zielbewußten unter dem Gesichtswinkel der Ewigkeit konzipierten Palästinaliebe keinen Schaden zufügen. Was nun die neuesten Nossigschen Gründungen anlangt, so müssen wir bereits auf einige mehr oder weniger schwerwiegende in der Richtung eines unverantwortlichen Vorgehens sich bewegende Umstände aufmerksam machen. Erstens ist die von Nossig bereits als ..von der türkischen Regierung anerkannt" bezeichnete „Osmanisch- Israelitische Union" nach unseren Informationen noch nicht von der türkischen Regierung genehmigt. Zweitens kann daher von einer „Übertragung gewisser politischer Befugnisse" an die neue Organisation von Seiten der türkischen Regierung, wie Nossig vor kurzem in der jüdischen Presse behauptete, keine Rede sein. Drittens fehlten auf der Berliner .Konferenz, nach dem Bericht zu schließen, die mit großem Applomb angekündigten „Vertreter der Regierungen", deren Erscheinung in der Einladung als wahrscheinlich hingestellt wurde. Viertens erreicht uns soeben die Nachricht, daß der Sekretär der „O s - manisch-Israelitischen Union", Zia Bey Matalon, also wahrscheinlich der Hauptträger des „Unions"-Gedankens in Konstantinopel, in diesen Tagen zum Islam übergetreten ist. Das beweist doch zum mindesten.: daß Herr Dr. Nossig in der Wahl seiner Vertrauensmänner nicht eben allzu vorsichtig vorgeht. Aber wir hätten es sicher unterlassen auf all diese „Schönheitsfehler" der neuen Unternehmungen hinzuweisen, wenn nicht unsere Aufmerksamkeit gerade auf diese Dinge durch die früheren Gründungen Dr. Nossigs ungemein geschärft wäre. Wir können im Interesse der an sich guten Sache nicht achtlos an den schweren Fehlern vorübergehen, die Nossig als Geschäftsführer der „Allgemeinen Jüdischen Kolon i s a t i o n s - O r g a n i s a t i o n" (A. J. K. O.) begangen hat. Die A. J. K. O. ist eine Nossigsche Gründung und bedeutet heute trotz vieljährigen Bestehens nicht viel mehr. als daß in ihrem Namen eine große Aufgabe ausgesprochen ist. Um einen Begriff über Art und Wesen dieser Organisation zu erhalten, geben wir im Folgenden ein Urteil wieder, das Achad-Haam, der scharfsinnige jüdische Philosoph und Politiker 1912 in der hebräischen Tageszeitung Hazephira unter dem Titel „Wie lange noch?" veröffentlichte. Dieses Urteil lautete unter anderem folgendermaßen: „Vor einigen Jahren faßten einige Leute (oder besser gesagt: ein Mann) den Entschluß, eine neue Organisation zur Rettung des Judentums zu gründen und ihr den hochtrabenden Namen „Allgemeine Jüdische Kolonisations-Organisation" zu geben, der wohl etwas lang und schwer auszusprechen ist, aber in der Abreviatur A. J. K. O. (welche an den gekürzten Namen einer andern bekannten jüdischen Organisation*) erinnert) gar nicht übel klingt . . . Seither spielt sich vor unsern Augen ein Drama ab. von dem ich nicht weiß, ob die Bezeichnung Komödie oder Tragi- •) J. C. A. komödie besser dafür paßt. Es wird eine Organisation mit großem Geräusch ins Leben gerufen, — und gleich darauf entschwindet sie den Blicken, ohne daß irgendjemand wüßte, womit sie sich beschäftigt, welche Mittel ihr zur Verfügung stehen' und ob diese Mittel dem Zweck, den der hochtönende Name andeutet, irgendwie angepaßt sind. Bloß von Zeit zu Zeit, nach langen Intervallen tiefen Schlafes erwacht die sonderbare Organisation plötzlich und beginnt sogleich, alle ihr erreichbaren Glocken mit großem Getöse zu schwingen. Dann werden uns in marktschreierischer Weise Wunderdinge erzählt: wie gewaltig die Kraft der A. J. K. O. sei, wie groß ihr Werk, wie verdienstvoll ihre Führer ... All dem Lärm und Getöse folgt jedoch alsbald wieder tiefe Stille, sanfter Schlummer; man sieht weder von der Organisation, noch von ihren Leitern und Mitarbeitern auch nur das geringste. Die jüdische Öffentlichkeit aber betrachtet dieses Schauspiel in voller Seelenruhe, als würde es sie gar nichts angehen. Unsere Presse ist diesem sonderbaren Geschöpf behilflich, zurzeit seines periodischen Erwachens die Glocke zu schwingen, und stört im übrigen seine Ruhe zurzeit des Schlummers nicht — als wäre nichts Ungewöhnliches an dieser ganzen grotesken Erscheinung . . . Wir könnten dieses Verhalten der jüdischen Öffentlichkeit noch verstehen, wenn man es auf Grund des bei uns so beliebten Spruches: „Wenn's nicht nützt, so kann es doch nicht schaden" rechtfertigen könnte. Allein auch diese Ausflucht ist hier ganz und gar nicht angebracht . . . Diese Organisation hat nämlich, wie gesagt, auch Augenblicke des Erwachens, in denen sie allerdings auch nichts tut, aber doch den Anschein einer gewissen Tätigkeit erwecken möchte. Zu diesem Zwecke bedient sie sich eigentümlicher Mittel, die ich nicht näher kennzeichnen will. In aller Erinnerung sind noch die „frohen Nachrichten", die sie vor zwei Jahren laut verkündete, — von ihren Bemühungen in Konstantinopel und den glänzenden Versprechungen, die sie seitens der türkischen Regierung erlangt habe, die sich jedoch einstweilen nicht zur Veröffentlichung eigneten. Man entsinnt sich wohl auch noch der Debatte auf dem letzten Zionistenkongreß über die Art und Weise der Verhandlungen der A. J. K. O. in Konstantinopel. Zwar war die Beschuldigung, die A. J. K. O. hätte die zionistische Organisation bei der türkischen Regierung denunziert, ohne Zweifel ein wenig übertrieben. Sie hat sicherlich nicht direkt andere Organisationen angeschwärzt, sondern betreffs ihrer eigenen Bestrebungen betont. daß diese keinen politischen Charakter trügen. Allein aus dieser negativen Versicherung konnte die Regierung allerdings positive Schlüsse ziehen hinsichtlich einer anderen Organisation, die in gleicher Richtung tätig war. Außerdem hatte die türkische Regierung keinerlei Veranlassung, der neuen Organisation aufs Wort zu glauben, daß sie keine politischen Ziele verfolge. Das Ergebnis war demnach, daß das Vorhandensein gefährlicher politischer Tendenzen bei den anderen als erwiesen angenommen, das Nichtvorhandensein gleicher Aspirationen bei der A. J. K. O. aber bezweifelt wurde . . . Inzwischen trat die A. J. K. O. wieder in die Periode des tiefen Schlafes ein, und man hörte lange nichts mehr von den großartigen Versprechungen, die sie in Konstantinopel erlangt haben wollte und von denen man absolut nicht wußte, wann sie endlich zur Veröffentlichung reif sein würden. Bis die Bombe vor einigen Wochen plötzlich an einem Orte platzte, wo man