Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 51 (24.12.1915)
- Date
- 1915-12-24
- Page
- Seite 426 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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426 Das Jüdische Echo kommission 1915" vereinigte Landeskomitee des „Zentralhilfskomitees" in Österreich gewirkt. Das österreichische Landeskomitee hat bereits größere Summen aufgebracht, wovon mehr als 80 000 Kronen nach Palästina abgeschickt worden sind. •Infolge der in Konstantinopel geschaffenen Tatsachen steht nun eine Neuorganisation der jüdischhumanitären Tätigkeit für den Orient bevor. „Dr. Alfred Nossig, der das Hauptreferat erstattete, schilderte zunächst die katastrophale Lage, in die die Judenheit des Ostens durch die Ereignisse des Weltkrieges gebracht worden sei. Man schätzt die durch den Krieg entwurzelten Existenzen auf etwa eine Million. Eine Massenauswanderung von ungeheueren Dimensionen steht bevor. Der Weltkrieg eröffnet die Aussicht, mit der Zeit ein Abflußgebiet in der Türkei zu finden. Der Einfluß der der jüdischen Einwanderung hinderlichen (? D. R.) Ententemächte ist erloschen, das Bündnis mit Deutschland begünstigt und erleichtert eine Zunahme der jüdischen Bevölkerung in der Türkei. Die Erklärung, welche Dr. Nossig von Mitgliedern des Herrscherhauses, von türkischen Ministern und von den Führern des jungtürkischen Komitees erhalten hatte, berechtigen zu der Erwartung, daß bei einer vorsichtigen, zweckentsprechenden Behandlung der einschlägigen Fragen die jüdische Einwanderung nach der Türkei zur Befriedigung beider Seiten geregelt werden könne. Die Durchführung des Werkes ist nach dem in Konstantinopel erfolgten Meinungsaustausch nur im Rahmen der historischen Freundschaft möglich, welche Juden und Osmanen verbindet und gegenseitiges Vertrauen schafft. Die neue politische Konstellation eröffnet für diese Freundschaft vielfältige Betätigungsmöglichkeiten in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht. „Als Schwestergesellschaft der analogen Vereinigung in Konstantinopel ist am 6. Dezember in Berlin die „Deutsch - Israelitisch Osmanische Union" gegründet worden. Die „Union" ist keine Kolonisationsgesellschaft; sie verfolgt den ideellen Zweck der Pflege innigerer Beziehungen zwischen Juden und Osmanen. Wohl aber wird sie den praktischen Bestrebungen durch Schutz. Vermittelung und finanzielle Förderung dienlich sein können. Als neuartige (? D. R.) den Zeitverhältnissen entsprechende Institution kann sie keiner der bestehenden Organisationen eiingefügt werden (? D. R.). Dagegen ist ein Kooperationsverhältnis zwischen der „Union" und diesen Organisationen höchst erwünscht, ja unerläßlich. So vor allem mit dem „Hilfsverein", dessen Schulwerk für die Erziehungsbedürfnisse der jüdischen Einwanderer in der Türkei sorgen dürfte. Ferner mit den Kolonisations-üesellschaften. wie die J. C. A., die A. J. K. 0. und auch den rein wirtschaftlichen Instituten der zionistischen Organisation. Die tatkräftigste Förderung erwartet die „Union" von den B.B.-Logen. Die Zusammensetzung des Vorstandes berechtigt zu der Erwartung, daß die „Union" auch mit den anderen großen jüdischen Organisationen Deutschlands in enger Fühlung bleiben wird. Das „Zentral-Hilfskomitee" hat sich 'der Union angeschlossen. „Geheimer Justizrat Timendorfer brachte nachstehende Resolution ein: Die am 12. Dezember 1915 im „Brüderverein" zu Berlin Versammelten begrüßen auf das Lebhafteste den durch die „Deutsch-Israelitisch Osmanische Union" vertretenen Gedanken der Pflege freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Juden Deutschlands und der Türkei. Demgemäß gedenken sie die gemeinsamen Interessen in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht zu wahren und zu fördern, um auf dieser Grundlage in den Stand gesetzt zu sein, auch das Los ihrer osteuropäischen Glaubensgenossen bessern zu können. Sie erklären sich bereit, diesen Gedanken zu unterstützen und für ihn zu werben, und fordern alle Glaubensgenossen in Deutschland zum einmütigen Zusammenschluß im Rahmen der Deutsch-Israelitisch Osmanischen Union auf". „Die Resolution wurde von der Versammlung einstimmig angenommen. Unmittelbar darauf folgte eine Besprechung der auswärtigen Teilnehmer an der Konferenz, um sich hinsichtlich der Grundzüge der Werbe- und Organisationstätigkeit zugunsten der neuen Bewegung und der „Union"" zu verständigen. Die Aussprache ergab die übereinstimmende Anschauung, daß in ganz Deutschland baldigst Ortsgruppen der „Union" ins Leben gerufen werden müssen. Die Werbetätigkeit soll nicht nur durch Drucksachen, sondern auch durch Versammlungen, Vorträge und Wanderredner ohne Verzug eröffnet und in intensiver Weise geführt werden. Die Anstrengungen sind darauf zu richten, die finanzielle Fundierung der Union in einem ihren großen Zielen entsprechenden Maßstabe noch vor Beendigung des Weltkrieges zu sichern. Nach seinem Ausgang soll zu der Gründung eines kommerziellen Institutes geschritten werden, das den jüdischen Einwanderern Erwerbsmöglichkeiten in Landwirtschaft, Industrie, Gewerbe und Handwerk schaffen soll." — Soweit der Bericht, der den jüdischen Redaktionen offiziell zugestellt wurde. Wir hielten es für unsere Pflicht, ihn fast ohne Kürzung der jüdischen Öffentlichkeit vorzulegen. Wir halten es aber ebenso für unsere Pflicht, zu den von der Konferenz in Aussicht genommenen Bestrebungen Stellung zu nehmen und insbesondere über den Initiator des als neu gepriesenen alten Gedankens einer jüdisch-türkischen Verständigung einige Aufklärungen zu geben; nicht etwa um Dr. Nossigs Bemühungen zu erschweren oder gar hintanzuhalten, sondern im Gegenteil: um durch den Hinweis auf frühere Unzulänglichkeiten Nossigscher Gründungen ähnlichen Charakters seine heutigen Mitarbeiter und Vertrauensleute vor Enttäuschungen, die sehr nahe liegen, zu bewahren. So sehr uns nämlich an dem Zustandekommen einer Organisation mit den Tendenzen der neugegründeten „Osmanisch-Israelit. Union" und ihrer Schwesterorganisation in Deutschland gelegen ist, so freudig wir es begrüßen, daß endlich in der deutschen Judenheit die Erkenntnis an Boden gewinnt, daß eine ostjüdische Einwanderung nach der Türkei für das jüdische Volk und die Türkei selbst bedeutungsvoll werden kann, so müssen wir gerade dieses großen Interesses wegen rechtzeitig dafür sorgen, daß nicht durch unverantwortliche Übertreibungen und schwulstige Ausdrucksweisen eine ian sich erfreuliche Stimmung der Gemüter bald s o durch Enttäuschungen erkaltet, daß das Unterbleiben jeglicher Aktion nützlicher gewesen wäre. Und leider müssen wir schon heute feststellen, daß es manche Anzeichen dafür gibt, daß auch die neuesten Nossigschen Organisationen nicht viel mehr als ein anspruchsvoller Namen bleiben werden. Wir konstatieren also in aller Deutlichkeit, daß uns die neuen Gründungen Dr. Nossigs, wenn sie nur einigermaßen das halten, was die Ankündigungen versprechen, sehr am Herzen liegen und daß wohl alle Palästinafreunde mit Spannung der Tätigkeit der neuen Organisationen entgegen-