Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 50 (17.12.1915)
- Date
- 1915-12-17
- Page
- Seite 422 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nr. 50 roten Kuh, die als einziges Bild des Lebens vor dem Fenster graste. Doch glomm der Funke seiner Sehnsucht unter dem aschgrauen Einerlei seiner Untätigkeit und wartete auf das Lüftchen, das die Glut entfacht. Und er wartete nicht vergebens. Er hörte ihre Schritte, ihre Bewegungen, ihr Sein durch die Wände. Er fühlte hinter der Wand ein warmes Leben pulsieren. Wie ein Hund lag er die ganze Nacht an die Mauer geschmiegt und lauschte nach ihrem leichten Atem. Er hörte die leiseste Bewegung, wenn sie die Hand rührte, wenn sie das Haar flocht, und fühlte, wie ihr Haar über den weißen Nacken floß. Er hörte, wie sie die Kleider anlegte, ein Wind hauchte über ihren entblößten Leib . . . tief, tief, barg er den Kopf in die Polster. Er sah sie nur im wachen Traume, sie schien ihm überaus klein und zartgegliedert. Ihre Haltung muß edel sein und ihre Fußspitzen küssen sich unter einem faltigen schwarzen Sammetkleid. Wie ein Kätzchen schmiegt sie sich in das Bett und spielt mit ihren langen, seidenen, dunklen, kühlen Haaren. Sie lächelt, als wollte sie etwas Süßes sagen, und dann wird sie traurig, und ihre schwarzen Augen unter den feingezogenen Brauen schimmern feucht. Und eine Stille ist in ihr, eine sanfte Stille wie in einem leisen Lied. Ihr Gesicht verrät nichts, aber tief in sich verschließt sie ein dunkles, ein süßes Geheimnis. Hinter eisernen Türen ist das Geheimnis verriegelt. Keiner wird es ie erfahren. Er sah sie in Chopins Nachtlied. Einst schlug sie den Takt zur Nocturne mit den Füßchen inmitten der Nacht. Er sah einen jungen grünleuchtenden Fichtenwald im Frühherbst. Die Zweige streckten sich sehnend dem Himmel entgegen, reichen sich die Hände, verweben ihr Geäst und durch ihre Finger rieseln lange Schatten. Traurig sinkt die blutrote Sonne hinter die Berge und wirft Blicke glühender Sehnsucht in den Wald. Hier und dort zwischen den Stämmen irren verlorene Strahlen. Mitten im Wald steht ein verlassenes Schloß und blickt bekümmert in das nebelnde Wasser, in dem der Sonnenball hilflos ertrinkt. Zum Schlosse führt ein weißbekiester laubverwehter Weg. Bleich und verschlossen, ein tiefes Geheimnis in der Brust, wandelt sie allein unter den Stämmen auf dem verwahrlosten Weg zu dem verlassenen Schloß am weltvergessenen Wald im verlorenen Licht. Schneeweiß leuchten die Barfüßlein unter dem schwarzen, wallenden Gewand. Ihr bleiches Gesicht schattet der dunkle Flügel eines tötlich getroffenen Vogels. So geht sie wie eine Verbannte aus fremder Welt in ein fremdes Land . . . Oft pochte er an ihre Wand und gestand ihr sein Liebessehnen. „Wer bist du, sprich, ich fühle es, du bist jung und schön und ich liebe dich! Ich bin stark, ich will nachts 1'ie Wand durcnbreehen 'jnd zu dir kommen. Ich will fliehen mit dir, flieg aus, mein Vöglein!" Sie hörte wohl sein Klopfen, aber sie verstand die Sprache nicht. Doch ahnte sie ein bebendes Herz hinter der Mauer, hörte ein Rufen, fühlte ein Menschenweh ... sie lag bei der Wand und lauschte dem Fingerspiel. » . Es war ihr wie ein Gesang, ein liebes Lied, dessen Worte die Wände verschlangen. Sie hörte ein pochendes Herz. Dann klopfte auch sie mit zitternden Fingern, als schlügen heiße Wogen gegen die Mauer. Und er hörte es. „Komm, wart auf mich, ich fühle dich. Ich breche die Wand, ich komm zu dir." So hielten zwei Seelen Zwiegespräch durch die Kerkermauer. Sie fühlte sich die Seine. Sie wußte nicht, wer er ist, ob jung oder alt, ob ein Weib draußen seiner harrte, ob Kinder nach ihm weinen. Sie wußte nur, daß hinter der Mauer eine Seele sich nach ihr sehne. Kam die Nacht, so schmiegte sie sich an die Mauer und pochte mit bebender Hand. Auf der anderen Seite der Mauer, am nämlichen Fleck kauerte er, lauschte auf ihr Klopfen und pochte sehnsüchtig auf den Stein. Stundenlang. Lieder klangen durch die Mauer, ernste Gespräche und zärtliches Gestammel. Sie verstand kein Wort aus dieser stummen Sprache, vernahm keinen Ton dieses klanglosen Liedes, aber sie fühlte sein pochendes Herz aus dem eintönigen Klopfen. Sie lehnte den Kopf an die Wand, als wollte sie ihn in seinem Schoß bergen; und leise, leise hüpften die Takte eines geträumten Liedes unter ihren leichten Fußspitzen. Da wurde ihr so leicht ums Herz und sie hüpfte mit tändelndem Schritte durchs enge Gelaß und das düstere Haus erstrahlte vom Abglanz einer reinen Seele. Jeder Gefangene zählte ihre Schritte, und in jedem widerhallte das Lied, das ihr über die Seele strich. * * * Da geschah etwas, was das große, schwarze Haus erbeben machte. Durch eine Fensterluke sah ein Gefangener ein Gerüst auf einen Erdhügel im Kerkerhof aufgestellt. Und in tiefer Nacht lief ein dumpfes Klopfen über die Wände, als fielen einzelne verirrte Regentropfen in die Rinne. Einer meldete es dem anderen und um Mitternacht zitterte durch den ganzen Turm die Botschaft: Ein Galgen. Erst polterte ein Nachbar den anderen an, dann gab man das Signal nach oben weiter. Dann gab man Trostsprüche weiter, und zuletzt nahm einer vom anderen Abschied. Durch die schwarze Nacht im düsteren Turm hämmerte das dumpfe Klopfen, als hätte der Tod mit Knochenhänden an das Tor gepocht. Dann erstarb jeder Laut und das Haus versank in beklemmende Stille. Jeder Gefangene zog sich scheu in einen Winkel zurück, überdachte sein Leben und machte sich zum Sterben bereit. In dieser Nacht war auch sein Klopfgruß verändert. Seine Hand zitterte. Er mußte etwas sagen und sie fühlte, daß er sich etwas vom Herzen sprechen mußte. Er flehte, er tröstete, er warnte und wurde still — so still, wie ein stockender Herzschlag. Sie fühlte, wie er die Lippen an die Mauer preßte, mit der Stirne an die Wand schlug, die Wand mit Küssen bedeckte, mit ausgespannten