Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 50 (17.12.1915)
- Date
- 1915-12-17
- Page
- Seite 421 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50 Das Jüdische Echo 421 ration der Beßarabischen Juden in Amerika, die Union der orthodoxen Rabbiner, der „Misrachi" u. a. Daneben ist ein Komitee der „Nationalen Arbeiter", das 350.000 jüdische Arbeiter vertritt, zur Förderung der Organisierung des Kongresses gebildet worden. Das „Jüdische Kongreß-Organisierungs-Komitee" hat ein Bureau in New-York, 1 Madison-Avenue eingerichtet. Dieses Komitee bewahrt allen kriegführenden Nationen gegenüber strikte Neutralität, wie es die jüdischen Interessen erheischen. Das „Jüdische Kongreß-Organisierungs-Komitee" wird zur gegebenen Zeit ein permanentes Organisierungs-Komitee für den Kongreß ernennen, ausgestattet mit einer Vollmacht der führenden jüdischen Körperschaften mit nationalem Programm. Es erscheint wünschenswert, daß jede Organisation in Europa oder in anderen Erdteilen, die danach strebt, sich an der Lösung der durch den Krieg entstandenen jüdischen Probleme zu beteiligen, sich mit dem zeitweiligen „Jewish-Congress-Organization Committee" in Verbindung setzt. Sobald das permanente Komitee organisiert ist, wird es selbst in Verbindung mit denjenigen Organisationen in Europa und den anderen Erdteilen treten, die an der sachgemäßen Lösung der jüdischen Probleme, die sich aus dem Kriege ergeben, Interesse haben. Die Zionistische Organisation steht im Einklang mit dem Kongreß und wird seine Einberufung fördern; ,die Zionistische Organisation ist jedoch weder identisch mit dem „Kongreß-Organisierungs-Komitee", noch besteht dieses Komitee auschließlich aus Zionisten. Die Zionistische Organisation ist für Demokratie. Öffentlichkeit und ein offenes Parteiprogramm eingetreten, wobei sie ein Anhören aller Grundfragen, die jetzt das jüdische Volk betreffen, gewährleistet. In Amerika ist die Frage „Kongreß oder Konferenz" insofern in ein neues Stadium getreten, als das „Amerikanisch-Jüdische Komitee" 'die von 'ihm einberufene Konferenz angesichts des Protestes, den dies Projekt erfuhr, bis auf Weiteres vertagt hat. Dagegen hat am 21. November in Boston eine Vorbesprechung derjenigen Organisationen, die dem Kongreßplan freundlich gegenüberstehen, stattgefunden, wobei insbesondere die Organisations-Fragen für den Kongreß im Einzelnen behandelt wurden. Der Cheder in Rußland. In einem an sämtliche Unterrichtsbezirke erlassenen Rundschreiben macht der russische Bildungsminister Graf Ignatiew bekannt, daß es den Juden gestattet worden 'ist, in sämtlichen Gouvernements des inneren Rußlands Chederschulen zu eröffnen. Bisher war die Eröffnung von Chadarim nur an Orten innerhalb des Ansiedlungsrayons gestattet. In dem Rundschreiben wird darauf hingewiesen, daß gegenwärtig, da sich große jüdische Massen außerhalb des Ansiedlungsrayons aufhalten, den Juden die Möglichkeit einer Fortsetzung der religiösen Jugenderziehung gegeben werden müsse. November - Eingänge des Jüdischen Nationalfonds. Die Spenden, welche im Laufe des Monats November beim Hauptbureau des Jüdischen Nationalfonds eintrafen, beliefen sich auf 45.441 Mark. Hierzu haben beigetragen: Österreich 12.698 Mark, Nordamerika 9.799 Mark, Canada 7.974 Mark, Deutschland 5.307 Mark, Rußland 3.447 Mark, Ungarn 2.607 Mark, Südafrika 1.172 Mark, Holland 1.124 Mark, England 632 Mark, Dänemark 324 Mark, Schweiz 313 Mark, Italien 32 Mark und Frankreich 12 Mark. Feuilleton Eingemauert Von Schalom Asch. Aus dem Jüdischen übersetzt von Hugo Zuckermann. Aus seinem Nachlaß zum ersten Mal veröffentlicht. (Schluß.) Das Mädchen hat sich rasch an ihr Kerkerstübchen gewöhnt. Mit Weibersinn richtete sie sieh ein, als wollte sie für immer dort wohnen. Über die verstaubten Fenster spannte sie blütenreine Vorhänge. An die abgebröckelten Mauern klebte sie kleine farbenbunte Bilder, das Bett war sauber überzogen. Das Zimmer bekam ein freundliches Gesicht und aus jedem Winkel blinkte die liebliche Spur einer ordnenden Mädchenhand. Wie eine Mädchenkammer sah es aus, in der die süßen Träume wachender Liebe zu Gaste kommen, wenn das' Kind zur Jungfrau knospet .... Und nicht etwa hier allein, im ganzen Turme war alles wie ausgewechselt Man sah es ihm an, daß hier das Weib die Residenz aufgeschlagen. Und dabei hatte sie kein Gefangener gesehen, keiner wußte, ob sie schön oder häßlich,, jung oder verblüht, aber alle, Kerkerlinge und Wächter fühlten die Nähe eines Frauenleibes und seinen unsichtbaren Zauber. Das Mädchen hatte das ganze Haus verhext. Sie konnte Klavierspielen und nach nichts bangte sie so sehr, wie nach ihrer Musik, zumal im Abenddämmern. Dann kauerte sie sich in einen Winkel, flocht die Haare auf und horchte in sich. Sie glaubte ein fernes Lied zu hören, weit, ganz weit. Es klingt und schwebt in ihr Stübchen. Und die Weise hört sie, nach der sie Sehnsucht, hat. Und mit den Füßchen schlägt sie den Takt, so daß man das Lied ganz deutlich an den schlanken Rythmen erkannte. Und das ganze schweigende Haus lauschte der Melodie ihrer Sohlen. Jeder Gefangene saß in seiner finsteren Zelle und hörte ein Lied, das niemand sang, das nur getrippelt ward, von ihren spielenden Füßchen . . . Und so zog ein stummes Lied durch die düsteren Hallen in die einsamen Herzen. Keiner hatte sie gesehen. Allein wurde sie auf den Hof geführt und jeder Gefangene fühlte, wenn sie leichtbehend durch die Korridore schwebte. Dann liefen sie zur Türe, preßten das Gesicht ans Holz, um durch eine Luke einen Blick von ihr zu erhaschen. Sie fühlte den Bann der hungrigen Blicke, die durch die schweren eisernen Türen brannten, und — wer weiß wie's geschah, sie streifte ihren schlanken knospenden Leib wie kosend an ein Gitter. Der Versperrte fühlte ihr heißes Blut durch die schweren Riegel und es war ihm. als irre eine Mädchenhand verträumt über stöhnende Tasten. * * *■ Ihr Zellennachbar war ein Jüngling. Die vier feuchtschwarzen Mauern, die ihm den Weg ins lachende Leben verstellten, hatten in den langen Monden der Haft keineswegs seine Herzgelüste ertötet. Er glaubte, die Welt sei eingeschlafen, und lag tagsüber langgestreckt auf seiner Bank und träumte die süßen Bilder seiner Kindheit, dachte an manches Erlebte, das ihn nun anlächelte,, wie ein alter Bekannter, oder er liebäugelte mit der