Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 50 (17.12.1915)
- Date
- 1915-12-17
- Page
- Seite 419 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50 Das Jüdische Echo 419 Jen, das — nach menschlichem Ermessen — die Wiederholung eines ähnlichen unverschuldeten Schicksals von ihm abwendet. Welches von beiden Programmen das innerlich fruchtbarere und sittlich wertvollere ist, überlassen wir gerne der instinktiven Entscheidung unserer deutschen Mitbürger. Ziele jüdischer Politik Von E. Ko 11 i n e r , Berlin. Jeder Jude empfindet den Antisemitismus als etwas Beleidigendes. Er ist es aber nicht an sich, sondern nur durch die Umstände. Instinkte des Hasses, d. h. radikalster Ablehnung des Fremden, sind oft die Mittel der Natur, eine bestimmte Art zu erhalten; sie entfesseln, indem sie zum Kampfe aufrufen, fruchtbare Kräfte, sammeln deren Charakteristik wie Truppen im Gefecht, und indem sie ihnen durch den Kampf die Probe auf ihre Echtheit auferlegen und sie wie durch einen Filter reinigen und sammeln, fördern sie die Kultur und verlangsamen den Prozeß der alles nivellierenden Zivilisation. So ehrlich ist die Gegnerschaft aber nur, wo sich beide Parteien als ebenbürtig betrachten, ein Verhältnis, das übrigens innerhalb der Rassen nie ganz rein besteht, ob die Romanen die Deutschen Barbaren schelten, oder die Germanen die gelbe Rasse menschlich nicht für voll nehmen. Das aber ganz willkürliche, auf haltlosen Voraussetzungen beruhende Maß der Verächtlichkeit, das der Antisemit seiner Überzeugung beimischt, nimmt diesem Rassenkrieg den Charakter eines ehrlichen Kampfes, den der anständige Jude gern aufnehmen würde und gibt ihm das Beleidigende, das die eine Partei grausam unterstreicht und die andere als unerhörte Grausamkeit empfindet. Der arische Offizier z. B. wird sich seinen Gegner nie aus. einer gleichstehenden Gesellschaftsklasse wählen — jüdische Offiziere gibt es wohl in Deutschland nicht, aber dafür gesellschaftlich ungefähr gleichwertige Leuchten der Wissenschaft —, sondern er verhöhnt den jüdischen Wucherer, anstatt das dessen Kollegen von der anderen Konfession zu überlassen. Man schützt sich vor der Berührung mit den Galizianern, ohne daß der verlauste, beschränkte, schmutzstarrende, ruthenische Bauer, der sein Haus gegen Feuer nicht versichert, weil das Unglück durch eine andere Türe hereinkäme, wenn er den heiligen Florian betrügt, ästhetisch, ethisch, geistig oder sonstwie höher stände. Irgendwie muß dieser Gang der Dinge doch auf schwer kontrollierbaren Volksinstinkten beruhen, da sich unter unseren Feinden — Gegner darf man nicht sagen, da dem Kampf die Kennzeichen ehrlicher Gegnerschaft fehlen — auch Männer anständigster Gesinnung befinden. Aber nur den Weg zu den Erkenntnissen dieser Volksinstinkte und zu den Früchten dieser Erkenntnisse können diese Ausführungen kurz skizzieren. Hätte man vor dem Kriege, in einer uns durch den radikalen Abbruch schon historisch dünkenden Epoche, irgend einen Normaldeutschen, tüchtig in seinem Kreise und unbekümmert um tiefere Einsichten, gefragt: Hältst du den Türken für dir ebenbürtig, seine Religion der deinen, seine Gelehrten den euren, seine Kunst der euren, sein Staatswesen dem euren? Er hätte wohl gelacht und der Normaldeutsche hätte ein Volk, das Vielweiberei treibt, schaudernd zu den Heiden geworfen. Denn die orientalische Kultur wird nur von Fachmännern und wenigen Auserwählten erkannt, und wo sie erkannt wird, auch noch nicht immer verstanden, aber ohne demonstrative Feindseligkeit hingenommen, da der Allgemeinheit die Berührungs- und Reibungsflächen fehlen. Als die Türkei sich den Zentralmächten anschloß, hat trotzdem kein Normaldeutscher einen Augenblick daran gedacht, Deutschland vergäbe sich etwas mit dieser Bundesgenossenschaft, die in allen letzten Kriegen auch noch das Ziel hatte verloren geben müssen. Das war nicht diplomatische Berechnung, die dem Deutschen fernliegt. Der Deutsche empfindet, trotzdem der deutsche Jude die Merkmale derselben Kultur trägt, wie er selbst, den Türken an sich als ebenbürtiger wie den Juden, wenn er seine Kultur auch als tieferstehend betrachtet. Denn der Türke hat das, was die Volkspsyche als Ebenbürtigkeitssymbol verlangt, das weithin sichtbare weltliche Oberhaupt, die Organisation und den Kultus des Hoflebens, Heer und Flotte nicht nur zum Dienst für das Vaterland verteidigt, sondern an die Person dieser weltlichen Oberhäupter gebunden, kurz die soziale Pyramide bis zur äußersten Spitze verjüngt. Schon der Katholizismus, der die Seelen der Menschen von jeher besser kannte als irgend eine andere Organisation der Welt, und auf ihnen spielte, wie auf einem gefügigen Instrument, wußte, warum er dem Kirchenfürsten einen Thron auf einem weltlichen Reiche aufrichtete und warum er die Fiktion des weltlichen Reiches immer noch aufrechterhält. Man betrachte von demselben Gesichtspunkt die Entwicklung der Serben und der Montenegriner. Hier klassische Königsmörder, da klassische Hammeldiebe — und doch hat Zar Nikolaus den finsteren Peter empfangen, seine Tochter in die Großfürstenfamilie aufgenommen, während eine der schönen Töchter des geriebenen Montenegriners in Rom als königliche Hausfrau schaltet und ihr Vater unter der Zustimmung Europas sich zum König machte. In diesen Völkern war der starke Instinkt, sich nach außen repräsentative Persönlichkeit zu sichern, die ihnen trotz aller kulturellen und zivilisatorischen Niveauunterschiede die politische Gleichstellung mit andern Völkern garantiert. Hier spielen teils mystisch gewordene Niederschläge vergangener Entwicklungen mit, von einzelnen klug erkannte und geförderte Triebe, die hier bloßzulegen zu weit führen würde, die aber zu den stärksten, unbewußten Motoren gehören, teils die rationalistische Überlegung, den Großen im Rahmen der eigenen Verhältnisse gleich zu sein. Wenn die Juden der nächsten Generation aus ihren eigenen Reihen alles Geniale hervorbringen würden, was diese nächste Generation aufzuweisen hat, sie würden nicht um eines Haares Breite ihre öffentliche Stellung verbessern. Bleiben sie geistig guter Durchschnitt, stehen aber, wenn auch nur zum geringen Teil unter der Hoheit eines eigenen, anerkannten, weltlichen Oberhauptes, so wird damit der erste praktische Schritt zu ihrer Befreiung innerhalb der menschlichen Gesellschaft getan sein. Wenn man das Problem bis jetzt darauf basiert hat. daß den Juden nicht nur das eigene Land, sondern auch die einheitliche Sprache gefehlt hat, so' war das völkerpsychologisch ein Irrtum. Das Land schaffen die Kolonisten, und was die Sprache anbelangt, so denke man an Amerika, wo sich aus den Zungen aller Völker eine einheitliche Sprache herauskristallisierte, und an Albanien, dem die Lösung der Fürstenfrage auch der Sprachenfrage voran-