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Das jüdische Echo · 1915-12-17 · 50 (17.12.1915) · p. Seite 418

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
50 (17.12.1915)
Date
1915-12-17
Page
Seite 418 (sequence 6)
Language
German
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418 Das Jüdische Echo Nr. 50 phische Erfassung der Frage. Das Thema hätte doch genug Anlaß geben können, der ganzen angeblichen deutsch-jüdischen Geistesharmonisierung auf den Grund zu kommen. Besonders nach dem Mißerfolg Hermann Cohens in dieser Richtung, wäre es nahegelegen, wenigstens auf dem einen Gebiete des militärisch-patriotischen Geistes die Kongenialität der Deutschen und Juden nachzuweisen, die innige Verquickung beider Seelen aufzuzeigen. Oder hat gerade Cohens verfehlter Versuch den geheimen Regierungsrat abgeschreckt? Viel eher allerdings darf man annehmen, daß Geiger eine höhere Art der Behandlung seines Stoffes nicht liegt. Begnügen wir uns also mit dem Vorhandenen: es sind historische Dokumente mehr oder weniger geschickt mosaikartig nebeneinandergestellt, mit einem manchmal recht komischen Text untereinander verbunden. Dabei hat sich Geiger recht wenig um den inneren Sinn, den das fertige Mosaik schließlich aussprach, gekümmert. Er hat unentwegt dem felsigen, widerstrebenden Stoff seinen (zweckbedachten) Sinn einhauchen wollen, aber mit jeder Seite mehr wird es deutlicher, daß sich der Stoff gegen den Willen des Autors seinen eigenen, geraden und natürlichen Sinn bewahrt hat. Geigers Schrift ist, ihm selbst unbewußt, zu einer ungeheueren Anklage gegen die ungerechte Behandlung der Juden im deutschen Heere geworden. Kapitel für Kapitel stellt seine Schrift fest, daß die deutschen Juden allzeit ihrem Vaterland ihr Herzblut gaben, daß die Deutschen aber trotz allen jüdischen Todesmutes ihre Vorurteile nicht aufgaben. Das und nichts anderes beweist Geigers Schrift. Darin aber, daß der Verfasser arglos seine den untilgbaren deutschen Antisemitismus aufzeigenden Beweisakte vor aller Welt ausbreitet, obwohl ihm doch nichts ferner liegt, als an der Gerechtigkeit des deutschen Geistes zu zweifeln, liegt das Hilflose, wenn nicht Tragische seiner Schrift. Die Männer der Alliance Israelite Universelle werden sich in ihren neuerlichen Vorwürfen gegen die deutsche Reaktion hier bestätigt "fühlen und Rußlands verantwortliche Staatsmänner werden ihre helle Freude an diesem deutschen Belastungsmaterial haben und es bei den Friedensverhandlungen vielleicht in dem bedeutsamen Augenblick hervorziehen, in welchem die Zentralmächte im Namen der Menschlichkeit den russischen Juden die bürgerliche Gleichberechtigung schaffen wollen. Das würde vermutlich für den geheimen Regierungsrat ein sehr peinlicher Moment sein. Aber abgesehen von diesem „Malheur", das Geiger entschieden passiert ist, können wir im allgemeinen recht zufrieden sein mit der Wahrheitsliebe, die er in seiner Arbeit zeigt. So erniedrigend auch manchem Juden einerseits die Beweise Geigers zu sein scheinen (besonders an den Stellen, wo er einfache Pflichttaten jüdischer Soldaten aufzuzählen beginnt, oder darüber lamentiert, daß dem oder jenem nicht „die Ehre zu teil geworden sei, deren er würdig war"), so ist doch andererseits das Unverhüllte des rein Tatsächlichen, wie es hier geboten wird, anerkennenswert. Natürlich ziehen wir aus den angeführten Tatsachen ganz andere Schlüsse als Geiger. Uns scheint es kurzsichtig, beinahe kindlich, etwa das Reserveoffizierkorps für alle Unzulänglichkeiten „einzig und allein" verantwortlich gu. machen, Wer die Augen offen hat, weiß, daß der Antisemitismus im deutschen Heere einen viel breiteren Nährboden hat. Wir könnten diese Besprechung schließen, wenn nicht noch ein gewisser dunkler Punkt vorhanden wäre. Professor Ludwig Geiger ist eines Lobes über die braven deutschen Zionisten, welche bei Ausbruch des Krieges „ihre Anschauungen völlig vergessen zu haben schienen". Er nennt dies „Ereignis" etwas Merkwürdiges und Wunderbares. „Man spricht", sagt er, „so oft von einem jüdischen Volke. Wir nicht, denn wir kannten und kennen nur eine jüdische Glaubensgemeinschaft. Aber viele Juden haben, besonders in dem letzten Jahrzehnt, immer von dem nationalen, dem jüdischen, Volkstum gesprochen. Dieselbe Partei, die sich als Angehörige eines jüdischen Volkes gerierte, hat in Deutschland, und gewiß ähnlich in Österreich und Frankreich, das sogenannte jüdische Volksbewußtsein zurückgedrängt zugunsten einer wahrhaft deutsch-nationalen Gesinnung. Es soll den Zionisten unvergessen bleiben, aber auch sie mögen es nicht vergessen, daß sie sich in den großen Tagen groß gezeigt haben." Für dieses letzte Kompliment werden sich die Zionisten gerne bedanken. Allerdings werden sie des bitteren Geschmackes nicht ganz los werden, wenn sie sich erinnern, daß eben derselbe Lobsprecher seit Jahren die zionistische Weltanschauung als einem aufrechten deutschen Staatsbürgertum zuwiderlaufend mit allen Mitteln der Verleumdung und des Hasses bekämpfte. Aber selbst wenn sie diese Bitterkeit vergessen wollten, könnnen sie über Geigers Anerkennung nicht froh werden. Denn sie setzt ja voraus, daß die Zionisten in der Tat ihrem Ideal untreu geworden wären. Daß dies nicht der Fall ist. hätte Geiger aus jeder Zeile der zionistischen Verlautbarungen während des Krieges entnehmen können. Um aber nur nicht das „peccavi", das einem aufrechten Manne geziemt, aussprechen zu müssen, verkriecht sich der zur Einsicht gelangende Literaturprofessor hinter seiner neuesten Verleumdung: die Zionisten haben aufgehört, sich als Zugehörige des jüdischen Volkes zu fühlen! Auf Freund und Feind der Zionisten wird diese neue Unterstellung nur belustigend wirken. Der geheime Regierungsrat benützt die Gelegenheit des Krieges, um als Jude seiner verzweifelten Stimmung über die Ungerechtigkeiten im deutschen Heere Luft zu machen und daran Hoffnungen zu knüpfen, an deren Erfüllung er als Geschichtsschreiber selbst nicht recht glauben kann. Die Zionisten aber versuchen die einfache, menschliche Furchtbarkeit dieses gewaltigen Völkerringens als Zionisten dadurch zu überwinden, daß sie ihrem durch den Krieg schwerbedrängten Volke ein Heim sichern wol- Cognac Macholl München den besten französischen Marken ebenbürtig — überall erhältlich Eigene Verkaufsstelle: Karlsplatz 25 (Hotel 1

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