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Das jüdische Echo · 1915-12-17 · 50 (17.12.1915) · p. Seite 417

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
50 (17.12.1915)
Date
1915-12-17
Page
Seite 417 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 50 Das Jüdische Echo 417 l Äfi 2* Stiches *J* a«H 1 erträt;. Iii & «täsi dickeres k -,, ä Di? aar* itfd N I9P" ö#-u rockt * L L »*f irrt*' M0 J# illeiB* ÄS Juni*. j^"* S *: WL der jüdischen Feldgeistlichen alles beim Alten geblieben sei. Man habe, sogar im Reichstag, den Juden „Drückebergerei" vorgeworfen. Die Juden seien schmählich zurückgesetzt worden. Diese Zurücksetzung sei besonders ersichtlich bei der Beförderung der jüdischen Kriegsteilnehmer. Schätzungsweise seien bis jetzt 5—600 Juden zu Offizieren ernannt worden, darunter 80 in Bayern. Das sei bei der großen Zahl jüdischer Freiwilliger sehr wenig. „Gar viele derer, die sich zur Beförderung eignen, müssen sich mit dem Range eines Offiziersstellvertreters begnügen. Diese Zurücksetzung, die nicht ihren Grund in der soldatischen Untüchtigkeit oder Feigheit hat, ist hervorvorgerufen durch den Antisemitismus des Reserveoffizierskorps." Während nämlich die aktiven Offiziere, besonders die höheren Ranges, vom Hauptmann aufwärts, den Juden in gerechter Gesinnung gegenüberstünden, seien die Reserveoffizierkorps fast durch und durch antisemitisch. Es komme zwar vor, daß Hauptleute den jüdischen Offiziersaspiranten nicht nur die Taufe anraten, sondern sie geradezu als Bedingung zum Avancement fordern. Aber viel häufiger sei es, daß gerade die höheren Offiziere sich machtlos e'-klären gegenüber dem Widerstande der Reserveoffiziere. Das Beispiel des Rechtsanwalts Dr. Mühldorfer, das vor kurzem durch die Presse veröffentlicht wurde, sei für diese feindselige Gesinnung typisch. Dieser junge Mann habe den Tod erlitten, „ohne der Ehre teilhaftig zu werden, deren er würdig war". Eine noch härtere Zurücksetzung sei die, daß viele jüdische Jünglinge, die es in Friedenszeiten bereits zum Rang eines Vizefeldwebels oder Offiziersstellvertreters gebracht haben, bei Ausbruch des Krieges zum Train versetzt wurden. Es sei notorisch, daß bei den Truppengattungen, denen sie bisher angehörten, Offiziere verwendet werden können, daß dagegen beim Train keinerlei Mangel herrsche. Alle Bemühungen dieser jungen Männer, an die Front gesendet zu werden, seien vergeblich gewesen. Geiger seien — so versichert er — Beispiele bekannt, daß manche jüdische Soldaten, vom Anfang des Krieges eingezogen, in Festungen oder offenen Städten verweilen müssen und sich über geringfügige oder keinerlei Beschäftigung zu beklagen haben. Er wisse positiv, daß in einer süddeutschen Stadt mehrere Dutzend solcher Aspiranten auf anderweitige Verwendung harrten. Einzig und allein trage an allen diesen Zuständen das Reserveoffizierskorps Schuld. Auch an der Kriegswohlfahrtsarbeit nähmen Juden hervorragenden Anteil. Von den jüdischen Kriegsschriftstellern und -Dichtern seien zu nennen: Julius Bab, Fritz Engel (im „Ulk"), Siegmar Mehring; sie „stimmten um die Wette patriotische Gesänge an". Auch Ernst Lissauers Haßgesang gegen England, Hugo Zuckermanns Reiterlied und „Makkabäer 555" und Walther Heymanns Kriegsgedichte tut Geiger Erwähnung. Das Buch schließt dithyrambisch: „Die deutschen Juden, die sich, dank Moses Mendelssohns unsterblichem Wirken, als Deutsche zu erkennen gelernt haben, die mit ihrer ganzen Kultur in Deutschland wurzeln . . . haben ihr Blut freudig hingegeben, haben die schwersten Opfer gebracht und werden nie ermüden, alles zu geben, was man von ihnen fordert. Sie preisen dies nicht als besonderes Verdienst, sie verlangen für ihre Pflichterfüllung keinen Exträlohn, sie fordern nur Gleichberechtigung im Krieg und im Frieden .... Sie geloben in treuer Liebe zu Kaiser und Vaterland, in Verehrung und Heilighaltung der großen deutschen Kultur Deutsche zu sein mit Deutschen! Jeder Leser dieser Schrift erhält den Eindruck, daß hier viel sachliches Material aufgestapelt ist. Aber schon dieses kurze Referat zeigt, daß dieses Material sehr verschiedenwertig ist, und wir können es dem Verfasser nicht ersparen, festzustellen, daß er gerade dort, wo wir mit Spannung das Positive seiner Beweisstücke erwarten, am meisten versagt. Wo es gilt, amtliche Zeugnisse für die Kriegstüchtigkeit der Juden zu erbringen, Anerkennungsschreiben hoher und höchster Behörden ins Feld zu führen, sind Geigers Dokumente ausreichend und überzeugend. Wo es nachzuweisen gilt, daß trotz aller Hingebung und Opfermutes die deutschen Juden zu keiner Zeit zur vollen tatsächlichen Anerkennung ihrer Leistungen gekommen sind, wirkt Geigers Broschüre geradezu erschütternd. Aber wir dürfen nicht verkennen, daß diese Beweise die negativen Seiten des behandelten Themas darstellen. Denn es ist ein für uns einigermaßen be^ schämendes Unternehmen, unsere Brauchbarkeit für den Kriegsdienst in tausend kleinen und kleinsten Begebenheiten nachzuweisen. Das ist Apologie, und Apologie ist stets etwas, wenn auch Notwendiges, so doch Unfruchtbares. Negatives. Und der in dieser Schrift mannigfache Hinweis auf die Nutzlosigkeit amtlicher Zeugnisse, auf die Hoffnungslosigkeit jüdischer Gleichstellung im deutschen Heere ist gewiß nicht dazu angetan, im jüdischen Leser das Gefühl eines organischen, allmählich sich durchsetzenden Werdens auszulösen. Es hat nach unserer Einsicht — und die Broschüre selbst erhärtet dies — wenig Wert, tapfere Pflichttaten Einzelner aufzuzählen, oder gar wie Geiger es tut, zu häufen. Auch das Zählen der jüdischen Kriegsteilnehmer, ihrer Eisernen Kreuze, Auszeichnungen und Beförderungen machen mehr den Eindruck des ängstlichen Zweckbedachten als des innerlich stark Erlebenden. Wenn wir aber die positive Seite der Schrift näher betrachten, so finden wir herzlich wenig. Sind schon die literaturgeschichtlichen Beweisstücke für den inneren Anteil der Juden an den deutschen Kriegen an sich sehr nichtssagend und vereinzelt, so ist das Resultat dieser Untersuchungen fast gleich Null zu setzen, wenn wir alle die Literaturerzeugnisse, deren Autoren entweder nicht sicher feststellbar oder Täuflinge waren, abziehen. Es ist in der Tat ein starkes Stück von Geiger, getaufte Juden oder Romanfiguren seinen Argumenten einzufügen. Bisher glaubten wir, daß der jüdische Liberalismus in Deutschland wenigstens vor der Taufe Halt mache. Nun hat Geiger auch diesen letzten Rest jüdischen Empfindens abgestreift und einer am falschen Platz geübten Wissenschaftlichkeit die Ethik geopfert. Die Beteiligung von Juden an den politischen Witzblättern als besonderen Beweis patriotischen Sinnes mehrfach zu betonen, ist nicht nur eine ungeheuerliche Entgleisung, sondern für jeden denkenden Menschen eine unverzeihliche Geschmacklosigkeit. Wir hätten von einem deutschen Universitäts Professor und dem Führer des jüdischen Libera* lismus in Deutschland eine etwas bedeutendere Art der Behandlung seines Themas erwartet. Was das Buch einem gebildeten Leser so wenig genießbar macht, ist seine eigentümliche unphiloso-

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