Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 50 (17.12.1915)
- Date
- 1915-12-17
- Page
- Seite 414 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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414 Das Jüdische Echo Nr. 50 „deutschen Liederchen" eines polnischen Juden seien (auch nach Goethes Meinung) wertlos. Der einzige in Betracht kommende jüdische Kriegsdichter jener Zeit sei Moses Ephraim Kuh, aber auch er sei „mehr ein Dichter kleiner Tändeleien als ein Sänger pariotischer Art". Er liebe den Krieg hauptsächlich, weil es dabei Mädchen zu erbeuten gebe. Daß unter den „langen Kerlen" Friedrich Wilhelm I. etwa ein Jude gewesen, sei schwerlich anzunehmen. Daß Schiller in den „Räubern" Spiegelberg als Juden darstelle, sei entschieden abzulehnen. Die Frage, ob die Juden zum Kriegshandwerk geeignet seien, werde zum ersten Mal in den Tagen Friedrichs des Großen aufgeworfen. Damals habe Christian Wilhelm Dohm sein epochemachendes Buch „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden" (1781) geschrieben und darin nachzuweisen gesucht, daß es für Juden keine religiösen Bedenken gebe, Kriegsdienst zu leisten. Diesen Ausführungen sei J. D. Michaelis entgegengetreten mit dem Hinweis, daß die Juden zwar am Samstag ihr Leben verteidigen, aber nach ihren Religionsvorschriften an diesem Tage nicht exerzieren dürften. Diese Meinung habe Mendelssohn und Dohm zu widerlegen versucht. Die ganze Diskussion darüber habe aber schließlich keine praktischen Folgen gehabt. Eine gesetzliche Bestimmung, die den Juden bürgerliche Rechte gewährte und sie zum Kriegsdienst heranzöge, sei nicht erfolgt. Um die bessere Gestaltung der äußeren Lage der deutschen Juden habe der Berliner David Friedländer sich verdient gemacht. Diese Tätigkeit Berliner Juden setze unmittelbar nach dem Tode Friedrich des Großen ein und finde durch das Edikt von 1812 ihren Abschluß. Einer der Antisemiten aus dem berüchtigten Grattenauerschen Kreis sagte: „Soldaten können die Juden nicht werden, weil kein christlicher Soldat aus Gefühl für Ehre mit ihnen dienen würde". Erst die Niederwerfung Preußens 1806 habe die Frage der Berechtigung der Juden zum Militärdienst wieder in Fluß gebracht. Die Notwendigkeit, alle Kräfte zur Hebung des Staates heranzuziehen, habe den Ausschlag gegeben. Der Minister Schrötter, ehedem ein unbedingter Gegner der Juden, habe sich von dem Königsberger Judenältesten, dem Bankier Caspar, mit dem Hinweis auf einen Juden Berck, der unter Cosziusco ein Freikorps errichtet hatte, hinsichtlich der Militärdienstfrage der Juden umstimmen lassen. Der König lehnte die Fürsprache des Ministers ab. Der Entwurf, den Schrötter 1808 vorlegte, enthielt folgende Bestimmung: „§ 20. Desertiert ein im Militär angestellter Jude, so müssen die Mitglieder der kirchlichen Gemeinde, zu welcher er gehört, zwei ihrer Glaubensgenossen aus ihrer Mitte statt seiner stellen". Im Gegensatz zu den allgemeinen Verordnungen hieß es in einer Auseinandersetzung der Polizeideputation der kurmärkischen Regierung vom 10. Dezember 1810: „Kein Jude darf, wenn ihn das Los bei der Konskription trifft, einen Stellvertrter stellen, sondern er muß in Person dienen". Erst 1812 wurde für Preußen die a 11 g e m e i n e Wehrpflicht eingeführt. II. Die Befreiungskriege von 1813/15. Geiger schildert die Wirkung der Emanzipation unter den Juden mit folgenden Sätzen: „Von dem gewaltigen Umschwung in den Gemütern kann sich der Nachgeborene kaum eine Vorstellung machen. Mit einem Schlage waren Tausende von Jünglingen und Männern, die den Begriff des Vaterlandes bisher nicht gekannt hatten und nicht kennen konnten, gleichberechtigte Bürger geworden. Sie, die man bisher Fremde gescholten, mit allerlei Unnamen belegt, aus allen Gesellschaften ausgeschlossen, die Schwere helotenartigen Joches hatte fühlen lassen, und in denen man damit die Sehnsucht nach ihrer früheren Heimat erweckt hatte, durften sich nun ebenbürtig mit anderen fühlen und den teuren Namen „Vaterland" aussprechen". Während der Befreiungskriege spendeten die zu Hause Gebliebenen in reichem Maße. Rahel Levin schrieb schon 20. April 1813: „Die Juden geben, was sie nur besitzen: an die wandte sich mein Geschrei zuerst". Als Helferinnen in Hospitälern zeichneten sich iüdische Frauen aus. Aber ganz besonders stark sei der Andrang jüdischer Freiwilliger gewesen. Der Staatskanzler Hardenberg schrieb am 4. Januar 1815: „Die jungen Männer jüdischen Glaubens sind die Waffengefährten ihrer Mitbürger gewesen und wir haben unter ihnen Beispiele des wahren Heldenmutes und der rühmlichen Verachtung der Todesgefahr aufzuweisen, sowie die Einwohner Berlins, namentlich auch die Frauen, in Opfern jeder Art sich den Christen angeschlossen haben. Im Jahre 1813/14 hätten 392, im Jahre 1815 101 Juden als Freiwillige am Kriege teilgenommen, zusammen 493. Nach den Ermittlungen des Kriegsministeriums sogar 561, nach anderen Angaben sogar 731 Juden. Geiger nimmt an, daß diese Zahlen wohl noch nicht die wirklichen seien, „weil gar manche — aus welchen Gründen, mag dahingestellt bleiben — ihre Glaubenszugehörigkeit verschwiegen, andere wahrscheinlich ungefragt als evangelisch bezeichnet wurden." Diese große Beteiligung jüdischer Jünglinge sei deshalb besonders anerkennenswert, weil der Kampf ja Napoleon galt, den die Juden überall als ihren Beschützer anzusehen gewohnt gewesen seien. Von den jüdischen Teilnehmern seien 72 mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden, einzelne auch mit dem russischen St. Georg-Orden. Auch einige Beförderungen seien vorgekommen. Ein Jude sei zum Bataillonstambour, einer zum Sergeant, 19 zu Unteroffizieren usw. ernannt worden. 1847 habe die preußische Regierung eine Denkschrift ausarbeiten lassen, in welcher das Verhalten der jüdischen Soldaten während der Befreiungskriege ermittelt werden sollte. Das Endurteil dieser Denkschrift lautet: „Faßt man den Inhalt dieser Ermittelungen zusammen, so darf man als erfahrungsmäßiges Resultat annehmen, daß die Juden des preußischen Heeres von den Soldaten der christlichen Bevölkerung im allgemeinen nicht erkennbar unterschieden sind, daß sie im Kriege gleich den übrigen Preußen sich bewährt, im Frieden den übrigen Truppen nicht nachgestanden haben." Über einzelne iüdische Kämpfer aus jener Zeit seien manche Zeugnisse aufbewahrt: Willibald Alexis erzähle von einem tapferen jüdischen Schneider namens Schwarzbraun; Franz Neumann berichte folgendes: „Unter der Kompagnie freiwilliger Jäger, der ich 1815 angehörte, waren zwei Juden. Der eine, vielfach geneckt, warf sich bei dem ersten Kampfe mit dem größten Heldenmute auf den Feind und forderte seine Quälgeister auf, ihm dorthin zu folgen. Von mehreren Kugeln getroffen, lag er bald auf offener Straße. Er wurde gerettet, mußte aber dann sein ganzes Leben lang auf zwei Krücken gehen. Der andere, von feinem und einnehmendem Wesen fiel bei Ligny." Außerdem werde von einer jüdischen Frau, Louise Grafemus (eigentlich Esther Manuel) berichtet daß sie in