Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 49 (10.12.1915)
- Date
- 1915-12-10
- Page
- Seite 411 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 Das Jüdiscbe Echo 411 von dem Anblick, daß sie glaubten, sie hätten nie im Leben etwas anderes gesehen. Andere blickten trotzig dem Wächter , ins Auge, der unermüdlich durchs Türfensterchen visitierte — doch kaum fiel die Nacht herab, da wards lebendig im Hause. Über alle Wände lief hurtiges Pochen. So plauderten sie untereinander über allerlei Dinge, ohne daß der eine den andern sah, der Hörer gab's weiter, und das ganze Haus bekam Ohren und wispernde Zungen. Freund fand sich zu Freund, Bruder zu Bruder. Manchmal klappte ein harter Schritt über die Korridore, der schnitt die stumme Rede ab, und das große düstere Haus wurde taub und tot. So führte das Haus ein stummes Leben. Das Ohr war so fein ausgebildet, daß sie jedermanns Art am Klopfen erkannten, obs ein Guter oder ein Böser, ein schlichter Mann oder ein Studierter. Sie konnten jede Miene aus dem Klopfen lesen, Weinen und Lachen. Durch Klopfen sprachen sie sich Trost zu, wurden Freunde und gewannen sich lieb. Doch oft bei Tag überkanrs einem laut aufzuschreien oder vor sich hin zu sprechen, als wollte er ausproben, ob die Zun?e nicht eingerostet. Urplötzlich um Mitternacht als die Finger geheime Zwiesprach hielten, klang ein reines helles Lachen auf, aus junger Mädchenbrust. Die Gefangenen hielten erschrocken inne und brachen das Klopfgespräch ab, als ginge ein Wunderbares durch den Turm. Sie warteten, als müsse jetzt etwas Niegehörtes laut werden. Vielleicht gar ein Kanonenschuß, aber wieder klingelte das Gelächter und durchlief das stumme Gemäuer, als hätte ein Toter plötzlich Atem und Stimme bekommen. Die Gefangenen packte es am Herzen. Sie wollten schreien, aufschreien aus tiefster Brust, sie brachten aber keinen Ton von den verdorrten Lippen. Das Lachen kam von einem Mädchen, sie war noch ein Kind, als man sie geradewegs von der Puppenstube herschleppte und konnte das Schreckliche noch nicht fassen. Wagemutig und eitelstolz, romantische Träume im Kinderherzen, war sie mit den Häschern hier eingezogen. Sie kam sich sehr wichtig vor, als Hauptperson eines Heldenromans. Kaum aber sah sie sich allein, eingezwängt in ein Mauergeviert, kauerte sie sich ängstlich in einen Winkel, und ihr junges lebenslustiges Herz preßte eisiger Schrecken. Da fing sie an zu weinen, lautlos und schier ohne Ende und wußte nicht warum. Und als sie sich die Augen rot geweint, ward ihr leichter ums Herz. Sie fand ihre Heldenrolle wieder, ballte die Faust und reckte trotzig den Busen von der stolzgeschwellten Brust, als biete sie ihr Herz den Flintenkugeln. Und plötzlich fuhr ihr der Schelm in den Nacken, und wie sie sich in ihrer Kriegerpose kampfbereit einer verschimmelten Mauer gegenüber sah, mußte sie kindhaft herzlich aus vollem Halse lachen. Der Wächter, de"r draußen am Gange Posten stand, trat rasch zur Tür und spähte durch den Schieber in die Zelle. Der Ausschnitt seines Gesichtes, den das Guckloch ihr zeigte, schien ihr komisch und sie lachte noch mehr. Dem Wächter, der das blutjunge Menschenkind, (das einzige im Gefängnis) allein im trüben Gelaß sah, wie sie der Mauer entgegen lachte wie einem Spielkameraden, wurde weich ums Herz, und lächelte und aus seinem buschigen Barte, bis er sich an seine Pflicht erinnerte und wieder die strenge dienstliche Miene aufsetzte. Aber er konnte dem herzigen Ding nicht in das Gesicht sehen, wandte sich ab, und so war sein gewichtiges Einschreiten erfolglos. Es war zum erstenmale, daß die strenge Zucht im Turme durchbrochen ward. (Schluß folgt.) Gemeindenu. Vereins-Echo (Unsere Leser sind zur Einsendung von Mitteilungen aus Gemeinden und Vereinen und von Personalnachrichten, die in diesen Spalten gerne Aufnahme finden, höflichst eingeladen.) München. Diesen Samstag findet in der Synagoge an der Herzog Maxstraße Predigt statt. Augsburg. Patentanwalt Berthold Wassermann, vor kurzer Zeit zum kgl. preuß. Leutnant befördert, wurde ins kgl. preuß. Kriegsministerium berufen. München. Der Privatdozent an der k. Universität München Dr. Harry Marcus wurde zum außerordentlichen Universitätsprofessor ernannt. Pirmasens. Nach nur eintägiger Krankheit starb der langjährige Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde, Rentner Jakob Drexler, im Alter von 82 Jahren. München. Chanukafeiern. Letzten Samstag hielt der Verein „Bne-Jehuda" seinen Chanukaabend ab. R.-A. Dr. Eli S t r a u s eröffnete die Feier mit einer zu Herzen gehenden Ansprache. Aus dem fast vollständig jüdisch gerichteten Programm ist besonders hervorzuheben die Rezitation des Hferrn Schriftstellers Alexander Eliasberg: „Neilo in der Hölle", die letzte veröffentlichte Arbeit des verstorbenen Dichters P e r e z (mit gütiger Erlaubnis des Übersetzers, Herrn Alexander Eliasberg, bringen wir diese chassidische Erzählung in einer der nächsten Nummern des Jüd. Echo. ' Die Red.), ferner die von Schriftsteller Josef Löwy innig und wirksam zum Vortrag gebrachten Gedichte: „Oj ihr klaine Lichtelach von Moris Rosenfeld und „Das letzte Wort" von Ch. N. B i a 1 i k. Eine mit viel Jubel aufgenommene Überraschung war es, daß auch Herr Arnold Marie. Mitglied der Münchener Kammerspiele, seine Kunst in den Dienst der guten Sache stellte. Mit bekannter Bravour ließ er H e r z 1 s „Menorah" vor dem geistigen Auge der Hörer erstehen und Rosenfelds „Jüdischer Mai" erntete geradezu frenetischen Beifall. Auch Fräulein Misch und die Herren Fleischer und S c h o r r trugen durch ihre sinnvollen jüdischen Gesänge zum schönen Gelingen des Festes bei. Die am Schluß im Chor gesungenen Lieder zeugen von der löblichen Absicht der Vereinsleitung, ihre Mitglieder dem Verständnis für jüdische Musik näher zu bringen. Im Ganzen war der Abend einer der abgerundetsten des ganzen Jahres. Der überaus gute Besuch (ca. 300 Personen) zeigt, daß unter der ostjüdischen Kolonie Münchens ein Bedürfnis nach gutjüdischen Veranstaltungen vorhanden ist. Der Reinertrag des Abends dient zur Gründung einer jüdischen Kinderbibliothek. — Nicht minder gelungen in ihrer Art war die Chanukafeier des „Jüdischen Wanderbundes Blau- Weiß" am Nachmittag des folgenden Sonntag. Durch die Anordnung im Saale war es gleich erkenntlich, daß es sich hier um ein Kinderfest handelt, wo die Erwachsenen gewissermaßen nur