Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 49 (10.12.1915)
- Date
- 1915-12-10
- Page
- Seite 410 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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410 Das Jüdische Echo Nr. 49 Welt-Echo Eine polnische Forderung einer Prozentnorm für die Juden an den Warschauer Hochschulen. Kaum sind die neuen polnischen Hochschulen in Warschau eröffnet, so erheben sich schon im Lager der polnischen Antisemiten Stimmen, die eine Beschränkung der Zahl der indischen Studenten an den polnischen Hochschulen fordern. Die jetzt unter dem Titel „Gazeta Poranna" erscheinende Zeitung, die früher als „Dwa Grosze" das Organ der antisemitischen Russophilen war, schreibt mit Bezug auf die jüdischen Studenten, die an den polnischen Hochschulen aufgenommen werden wollen: „In jedem Falle ist es eine Aufgabe von ungeheuerer Wichtigkeit, nicht bloß die Universität vor einem derartigen Ferment zu bewahren , sondern auch darauf zu achten, daß die Rechte der Christen an diesen Hochschulen nicht geschmälert werden. Mit anderen Worten: daß sie dort in einer Anzahl vertreten seien, die ihnen von Rechts wegen und entsprechend den Bevölkerungsverhältnissen zukommt." Diese von den polnischen Antisemiten erhobene Forderung nach einer Prozentnorm für jüdische Studenten nach russischem Muster wird von Seite der deutschen Verwaltung sicherlich keine Berücksichtigung finden. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" hat in einem offiziellen Kommentar anläßlich der Eröffnung der polnischen Hochschulen ganz deutlich gesagt, daß die Warschauer Hochschulen keine Benachteiligung irgendeines Bevölkerungselements kennen werden. „Die jüdischen Wühlereien". Die antisemitische russische Tageszeitung „Semschtschina" veröffentlicht einen Artikel, in dem erklärt wird, daß die Moskauer Unruhen und die liberalen „Treibereien" der Städtekonferenz in Moskau auf Wühlereien von jüdischer Seite zurückzuführen seien. Russische Geistliche gegen die Gleichberechtigung der Juden. Die Kopenhagener „Jüdische Volksstimme" berichtet über eine in Kiew abgehaltene Konferenz der russischen Geistlichen im Kiewer Gouvernement, auf der der Beschluß gefaßt wurde, die Gleichberechtigung der Juden zu bekämpfen. Neue jüdische Zeitungen. In Petersburg erscheint seit kurzer Zeit eine neue Tageszeitung in jüdischer Sprache, „Das Petrograder Togblatt"; zwei andere jüdische Zeitungen, der „Tog" in jüdischer und „Hachaim" in hebräischer Sprache werden demnächst herauskommen. — In New-York erscheint jetzt die hebräische Wochenschrift „Hauma", ferner wird dort vom hebräischen Lehrerverbande ein pädagogisches Organ „Hed-Hamore" herausgegeben. — Die Warschauer Tageszeitungen „Haint" und „Moment", sowie die hebräische Tageszeitung „Hazefirah" erscheinen ebenfalls wieder. Noli me tangere! Dem New-Yorker „Jüdischen Tageblatt" wird aus London folgender Bericht telegraphiert: „Lord Robert Cecil, Unterstaatssekretär im Ministerium des Äußern, empfing dieser Tage den Redakteur der russischen Zeitung „Gazeta Kopejka", S. Gorodezki, dem er im Laufe einer längeren Unterredung über die russische Judenfrage nachstehende Erklärung: gab: Die englische Regierung hat immer mit der Forderung einer völligen Emanzipation der russischen Juden sympathisiert, allein die Judenfrage ist eine innere Angelegenheit des russischen Reiches, in die wir die Verbündeten Rußlands, uns nicht einmischen dürfen und wollen. Die Verbündeten respektieren sich gegenseitig und werden uns deshalb mit jeder Art der Lösung dieser Frage durch die russische Regierung zufrieden geben müssen." Eine türkische Verordnung gegen Proselytenmacherei. In den letzten Jahren wurde wiederholt darüber Klage geführt, daß an den hauptsächlich von französischen Ordensgeistlichen geleiteten Schulen in der Türkei systematisch Proselyten geworben wurden. Das neue türkische Reglement über die Privatschulen enthält nun im Paragraph 37 folgende gesunde Bestimmung: „Es ist nicht erlaubt, die Schüler zur Teilnahme an dem Religionsunterricht einer fremden Konfession anzuregen oder zu verpflichten, deren religiösen Übungen beizuwohnen. Es ist weder^ erlaubt, die Schüler zu verhindern, an den Kursen teilzunehmen, weil sie den religiösen Zeremonien nicht beiwohnen, wie es auch nicht geduldet werden darf, daß die Schüler selbst aus eigenem Antrieb dem Gottesdienst einer anderen Konfession als der ihrigen beiwohnen." Zionistische Arbeit in Deutschland. Aus dem Tätigkeitsbericht der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland" geht hervor, daß die finanziellen Beiträge der deutschen Zionisten während des letzten Jahres, obwohl eine sehr große Zahl von Zionisten im Felde steht, den Betrag von fast 200.000 Mark ausmachen. Hiervon sind etwa 70.000 M. Hilfsgelder für Palästina, 60.000 M. Spenden für den Jüdischen Nationalfonds, 22.000 M. Beiträge für den Zionistischen Zentralfonds, 26.000 M. Unterstützungsgelder für die innerhalb Deutschlands durch den Krieg in Not geratenen Stammesgenossen, der Rest Schekel und Landesbeiträge. Feuilleton Eingemauert Von Schalom Asch. Aus dem Jüdschen übersetzt von Hugo Zuckermann. Aus seinem Nachlaß zum ersten Mal veröffentlicht. In Feldeinsamkeit, weit hinter der Großstadt talumzogen lag die hohe düstere Festung, umgürtet mit gewaltigem Mauerwerk, die die Welt trennten von der Veste und weltlicher Luft den Weg verstellten. Die Wälle umfloß ein breites Wasser und Nachts, wenn es ringsum so stille ward, hörte man die Fluten hart ans Tor pochen. Die Schläge hallten durch die Nacht und von weitem hörte sich's an, als müßte eine verzweifelte Mutter die Stirne gegen die Eisenriegel schlagen, die nackten Leiber ihrer Kinder auszubetteln, die man dort oben begraben .... Im fernsten Winkel stand einsam ein finsterer Turm, dort lagen die Staatsverbrecher. So hoch der Turm war, es gab keine leere Zelle. Die Gefangenen mußten häufig die Quartiere wechseln, um nicht mit den Nachbarn zu konspirieren. Sonst glich der Turm von außen einem Jotenhause, nur lagen in seinen Löchern eingesargt lebende, blühende Menschen, unentrinnbar. Jeder Arrestant lag den ganzen Tag auf der harten Pritsche und glotzte zum Verrücktvverden auf das Ofentürl. Manche sahen durch einen Fensterspak eine rote Kuh im Felde grasen und waren so erfüllt