Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 49 (10.12.1915)
- Date
- 1915-12-10
- Page
- Seite 409 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 Das Jüdische Echo 409 Hugo Zuckermann, dessen Wort, dessen Denken, Dichten und Tun stetes Vollerleben und reichstes Formen war, erlebte darum am stärksten sein Volk, und lebte das Judentum. Er war der Jude der Erfüllung, weil er es unmittelbar war, unberührt und unbeirrt von allen Zerrissenheiten der jüdischen Galuthgegenwart; er knüpfte aber auch an keine Tradition an; denn er hatte sie nie gekannt. Seine helle Judenseele aber bahnte dem, der Hugo Zuckermann jüdisches Erleben sah, Wege zu neuem Leben. Sie knüpften dort an, wo die künftige Vollendung liegt. So ist Hugo Zuckermann ihr Sinnbild. Denn er lebte rein und frei, mit Liebe fühlend und darum allgeliebt. Er war kein „Führer", als den ihn jetzt die kleinen Ausbeuterlein ihres unverschuldeten Zeitgenossentums zu etikettieren belieben. Denn Hugo Zuckermann wußte nicht um das Leben, das er spendete, dadurch daß er lebte. Er, der beste Freund, der liebste Kamerad, kannte nie die Macht, den Zauber, der von ihm ausging. Und was er schuf, war kein neuer Weg, es war das neue Lied, das auf dem neuen Wege gesungen werden wird. Er aber wird ihn — ach — nicht mehr beschreiten, den Weg welchen sein reicher Geist hundertmal freudig gegangen war und immer wieder gegangen wäre. Hugo Zuckermann ward gefällt auf dem „Rachezug nach Kischenew". Das war in seinem Sinn, in seinem starken Fühlen dieser Krieg. Was hier Wirklichkeit, was Symbol, Dichtung ist, das kann nicht entschieden werden. Eines aber ist gewiß: Hugo Zuckermann fühlt das, was er sagte, voll und ganz und sagte mit wunderbarer klangvoller Stimme, was er fühlte. Denn er war der wahrste, reinste Mensch und der reichste, freieste Jude. Das Unbedingte seines Wesens hatte ihm dieses Glück gegeben und uns das Glück, eine Verheißung erfüllt zu sehen. Wir aber mußten sie begraben; deshalb weint unsere Seele; doch in ewig liebendem Gedenken lächelt sie glücklich, bereit fortzuleben bis zur Erfüllung, die uns Hugo Zuckermanns Leben, Liebe und Tod ahnen läßt. — — — — — — — Was Perez' Dichtergeist stetig neu erringen wollte und Hugo Zuckermanns Lebensgedicht durchklingt, davon gibt jenes neue Buch, das alttraute, einen Schimmer des Erkennens. Darum ist es gut, daß es uns gegeben wurde. Es prangt in schönem Gewände, in das es Pietät gegen zwei Verstorbene gehüllt. Die Art der Ausgabe hat ihr im Vorhinein nur einen kleinen Kreis von Verstehenden zugewiesen. Galuthschicksal. Vielleicht kommt die Zeit der Erfüllung, da das ganze Volk sich nimmt, was sein ist, was Perez' schauendes Auge uns allen enthüllte und Hugo Zuckermanns liebevoller Seherblick in seinem kurzen guten Leben — mir erfüllte: die Freude, unser Leben unbedingt zu leben — — — — — —■ — — — — Cognac Macholl München den besten französischen Marken ebenbürtig — überall erhältlich' Eigene Verkaufsstelle: Karlsplatz 25 (Hotel Königshof) Zeitungs-Echo In der Zeitschrift „Das neue Deutschland" veröffentlicht der Herausgeber Dr. A. Grabow sky einen Aufsatz über das polnische Problem. Der Verfasser, der die Verhältnisse Polens durch einen längeren Aufenthalt im Lande näher kennen gelernt hat, gelangt zu den folgenden Ergebnissen: Wir müssen gegenüber den Polen weitherzig sein, obwohl wir uns nicht darüber täuschen dürfen, daß sie letzten Endes alle nur e i n Ideal kennen: die Wiederaufrichtung des polnischen Reiches. Für alle Parteien, von den Realisten über die Fortschrittler und Nationaldemokraten bis hin zur polnischen sozialistischen Partei — der sogenannten P. P. S. —, mit der einzigen Ausnahme der bedeutungslosen Marxisten, steht die Sehnsucht hiernach im Vordergrund oder besser im Hintergrund, denn alle Handlungen der Polen werden schließlich von dieser Sehnsucht bestimmt. Aber es wäre nicht schwer, Weitherzigkeit zu üben, wenn dies polnische Ideal überhaupt nicht vorhanden wäre; ein Verdienst wird di2 Weitherzigkeit erst im Angesicht dieser polnischen Sehnsucht. Lasse man doch diesem alten ritterlichen Volk ruhig sein Ideal, in der Überzeugung, daß auch viele andere Völker ihre Ideale haben, die niemals verwirklicht werden können. Sie bilden, lebt sich das Volk sonst in seine Geschicke ein, den melancholischen Unterklang seines Lebens, den Klang, der ein Volk vorwärtsreißt aus dem Alltag zur Sonne. Die Lösung der polnischen Frage ist sofort wesentlich vereinfacht, wenn die Polen nationales Leben, meinetwegen auch nationalistisches Leben, und politischen Staat unterscheiden. Daß sie für den politischen Staat, trotz aller ihrer Fortschritte im letzten Jahrhundert, noch nicht reif sind, das bezeugen ihnen ihre besten Leute. Faßt man aber die Nation als die Ausprägung eines besonderen Volksgeistes, der auf Grund einer besonderen Geschichte geworden ist, so können und wollen wir den Polen dies nationale Sichauswirken nicht verkümmern. Und wir sind gewiß, daß sie, einmal streng geschieden vom Osten, mit Notwendigkeit immer tiefer zu uns kommen, je tiefer sie selbst ihr Eigenstes entdecken. In welchen staatsrechtlichen Formen sich dieser künftige Werdegang der polnischen Nation vollziehen wird, soll hier nicht untersucht werden. Wir haben da zunächst unser Interesse und das unseres österreichischen Bundesgenossen zu berücksichtigen. Je genauer die Polen erkennen, daß ihr ungestörtes nationales Dasein nicht unbedingt mit einer bestimmten Staatsform zusammengehört, desto weniger werden sie uns diese Stellungnahme verargen. Mit der Polenfrage zusammen muß die östliche Judenfrage gelöst werden. Wollen wir, daß jedes der beiden Völker sich eines gesicherten Daseins erfreut, so müssen wir die Juden vor den Polen sichern. Die Absicht, ein Volk auf das andere loszulassen, damit ein Volk das andere auffresse, liegt uns fern. Diese Sicherung der Juden wird freies Selbstverwaltungsrecht in national-jüdischen Angelegenheiten umfassen müssen. Die gleiche Sicherung wird immer den Ruthenen, den Litauern und anderen etwa in Betracht kommenden Stämmen gebühren. Was die Polen für sich verlangen, müssen sie auch den anderen gewähren. (Wir können diesen Ausführungen Grabowskys nur zustimmen. D. Red.)