Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1915-12-10 · 49 (10.12.1915) · p. Seite 408

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
49 (10.12.1915)
Date
1915-12-10
Page
Seite 408 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9102856-9116256--00607-9073434
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

9 entity mentions

408 Das Jüdische Echo Nr. 49 Denn Hugo Zuckermann war ein Seher. Perez aber sagte einmal in einer seiner seltenen Stunden, da ein Mensch dem anderen tiefstes Wünschen offenbart: „Wenn einmal auf einer der Höhen von Jerusalem ein mächtiger bogendurchweiteter Ruhmestempel Israels sicherhebt, dann möchte ich, daß irgendwo darin ein Denkstein stehen darf mit der Inschrift: „Jizchok Leib Perez war ein jüdischer Dichter." — — — — — — Beide, Perez und Hugo Zuckermann sind in diesem Jahre des Grauens uns entrißen worden. Der eine starb, der andere wurde gefällt von der Gewalt dessen, was wir Krieg nennen. Perez, der fast fünfündsechzig Jahre gesehen hatte, schloß seine klugen Augen, die viel geschaut hatten, die ein stetes Denken des Geschauten wiederspiegelten, zu langem Schlaf; klug war auch stets sein Wort, klug waren seine Werke. Dem, der sich in sie hineinlesen kann, begegnet aber immer noch eines: ein Ringen, oft schmerzvoll, um den reinsten dichterischen Sinn, der Lösung von der Gebundenheit. Es endete erst mit dem Ende des Dichters. Vollendet hat er es nicht. Er war ein Kämpfer um ein Heiligtum, das er sich geben wollte und seinem Volke. Und in diesem Kampfe regte sein starker Geist, eine zum harmonischen strebende Geistigkeit, mächtige Schwingen und schenkte anderen so viel . . . Perez liebte die Musik; sie war ein starkes Mittel in seinem Dichterringen um das Unmittelbare. Ihre geheimsten Wege zum Menschensinn und zum Sinnbild des Göttlichen hat er erforscht. Und gab so dem Volke das Verstehen des Sinnes der jüdischen Musik. Und einmal, da wuchs sie in seinem Werke ins Unendliche; da war er ihrem Rhythmus genaht: „Die Nacht auf dem alten Markt" läßt etwas ahnen, das die gewaltige Unendlichkeit des Glockentones ausdrückt. Und aus diesem Sinn heraus ist diesem Werke des Dichters eine Sprache geworden, welche reinsten Rhythmus atmet. Niemals vorher hatte das Jüdische seinen rhythmischen Ausdruck gefunden, so musikalisch die Sprache auch ist. Hier klingt er mächtig durch Zeit und Raum. Ist es der Klang einer neuen Zeit? Perez hat sie nicht mehr erlebt. Hätte er sie erleben können? Können wir es? Jetzt, morgen, bald? — — — — — — Was Perez fand, da ihn das heilige Rufen zur höchsten Kraft seines Dichterkampfes spornte, das hatte eine gütige Macht dem verliehen, der das Werk Perez' in deutsches Gewand übertrug und ihm in dieser Form neue, geradezu verklärte Töne gab. Hugo Zuckermann schuf aus dem Rhythmus des Perez'schen Werkes den Gesang, aus dem Kampf den Sieg, aus der Frage die Antwort. Denn Hugo Zuckermann war ein Vollendeter, eine Erfüllung. Ist es wahr, daß sie Dich, Hugo Zuckermann, im letzten Eiseswinter begraben haben? Es muß wohl so sein; sie sagen es und Du antwortest nicht. Sie aber wissen nicht, daß sie sich, ihre Zukunft, in die Erde gesenkt haben ... In Worten des Gedenkens, die Martin Buber dem Buche „Die Nacht auf dem alten Markt" vorsetzte, heißt es: „Perez, der Dichter, zeigt auf seine Gestalten und will entschwinden; aber neben diesen Gestalten, noch erdenschwer und doch fast schon Gestalt wie sie, steht dieser junge Mensch, den ich gekannt und geliebt habe, Hugo Zuckermann, ganz still, ganz gelöst, und wartet, daß er zum Sinnbild werde." Hugo Zuckermann ist Sinnbild und Erfüllung zugleich; er ist das Unmittelbare, das Erlösende unseres Seins, das Unmittelbare, welches erstehen muß, damit der Sinn des Judentums wieder erstehe Und er ward hingestreckt durch das Schwert des Krieges, jung und geliebt von allen, die er verjüngte, da er sie liebte ... Er sagte einmal, als drohende Ereignisse vor ein paar Jahren Anlaß gaben von Krieges Wert und Unwert zu sprechen: „Ich liebe den Krieg um seiner selbst willen." Dieses Wort entwaffnete jeden Einwand; denn es war unmittelbares Empfinden in seiner reinsten Gänze. Nur aus ihm heraus konnte Hugo Zuckermann schon ein paar Jahre vor dem Kriege das Gedicht erleben, welches seinen Namen in alle deutschen Lande trug, das „Österreichische Reiterlied". Einer von jenen Geistesküpern, welche gegen Taglohn den Sinn der Geschichte oder den Sinn der Kunst, hundertliterweise — oder besser hundertzeilenweise — verzapfen, nannte das Gedicht neulich ungefähr „das Stärkste, was dieser Krieg in der Dichtung hervorgebracht hat". Nein, Kehrichtmann des Weltgeschehens! Dieser Krieg hat das Gedicht nicht hervorgebracht; wohl aber hätte dieses Gedicht, wäre sein schrankenloses, an keine Zeit und keinen Raum gebundenes Fühlen in eine Gerneinschaft, in ein Volk geraten, das voll fühlen kann, einen Krieg hervorrufen können. Einmal haben Prophetenworte den Kampf und die Kraft eines Volkes gestählt; vielleicht wird es wieder einmal sein. Heute aber — ist Hugo Zukermann von uns gegangen. Er war Dichter in des Wortes höchstem Sinne. Denn ihm taten sich unmittelbar alle Zusammenhänge des Seins auf, die andere kaum durch des Denkens reichste Arbeit erschließen konnten. Als Hugo Zuckermann einmal bei einer Übersiedelung seinen Hausrat ordnete, bestand seine Bibliothek — aus einer Miniaturausgabe der Schiller'schen „Jungfrau von Orleans". — — Als er einmal einen improvisierten Vortrag hielt, war er es, der als erster die wichtige Erkenntnis aussprach, daß Nationalitäten, welche ausschließlich Städte bewohnen, dem Untergange geweiht seien und daß bei der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung in sogenannten gemischtsprachigen Gebieten auf die Dauer nur die Nation die herrschende sei, welche das flache Land besitze. Wunderbar waren die Wege der intuitiven Unmittelbarkeit Hugo Zuckermanns, mit welcher sich die Gabe einer stetig formenden Vorstellung verband. So wurde ihm alles Erleben zum Gedicht und jedes Gedicht zum Erleben, jedes Gebilde zum Bild, jeder Ton zur Musik. Hugo Zuckermann beherrschte keine fremde Sprache, aber fast jede Sprache ließ ihn ihre tiefsten Geheimklänge hören. So durfte er das „Hohe Lied" übertragen, weil er den Ursinn des Gesanges fühlte, dessen Worte er nicht verstand. Musik und Rhythmus gaben ihm, der kein Instrument spielte, aber ungewöhnlich musikalisch war, in seiner Dichtung stets die schönste Form des Ausdrucks. Hier seien die Verse aus der „Nacht auf dem alten Markt" wiedergegeben, die im Original ein Betermurmeln, in der Übertragung den Weltenklang völlig gelösten Gebetes in sich tragen: „Send' Schlaf auf uns're Brauen. Laß uns im stillen Traum All' deine Himmel schauen, Gott überm Weltenraum! Nimm zu dir unsre Seelen. Die, wolkenüberdeckt. Der Allmacht sich vermählen. Bis uns der Morgen weckt."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.