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Das jüdische Echo · 1915-12-10 · 49 (10.12.1915) · p. Seite 407

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
49 (10.12.1915)
Date
1915-12-10
Page
Seite 407 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 49 Das Jüdische Echo 407 delphia. 1901 wurde er zum Leiter des konservativen New-Yorker Rabbinerseminars berufen, wo er eine segensreiche Tätigkeit entwickelte. Viele Ehrungen wurden ihm von europäischen und amerikanischen wissenschaftlichen Korporationen zuteil, doch stets blieb er der bescheidene Gelehrte, der einfache Jude. Seiner konservativen Anschauung blieb er stets treu und wenn eine Zeitschrift anläßlich eines Nachrufes ihn eünen Anhänger der liberalen Richtung; nannte, so entspricht dies wohl nicht den Tatsachen. Wissenschaftlich hat Schechter zeitlebens Großes geleistet. 1885 veröffentlichte er seine erste Arbeit; „Studien über den Talmud", 1887 erschien sein Werk: „Aboth de Rabbi Nathan", später zahllose Beiträge in den verschiedensten Revüen und Monatsschriften. Ein Stipendium für eine italienische Reise ermöglichte ihm das Studium alter Handschriften in italienischen Bibliotheken; verschiedene Werke bilden das Resultat dieser Reise. Auf Reisen nach Palästina und Ägypten fand er viele handschriftliche Schätze, welche ihm Gelegenheit zu einer Anzahl wissenschaftlicher Arbeiten gaben. Das Buch „Die Weisheit des Ben Sirach" (1877) dürfte das interessanteste Ergebnis der Forschungsreisen bilden. Sch. war bis an sein Ende stets literarisch tätig und sein Nachlaß wird uns noch manches Schöne bringen. In Amerika tat er sein Bestes für die Kräftigung des Judentums, wobei er die nationale und religiöse Seite gleicherweise berücksichtigte. Am letzten zionistischen Kongreß in Wien war er einer der Beisitzer im Präsidium, wo seine markante Erscheinung besonders hervortrat. Möchte seine einmal an die Zionisten gerichtete Mahnung: „Erobert Palästina nicht nur den Juden, erobert es dem Judentum" bei diesen die richtige Würdigung finden. J. F. Epilog zu einem neuen Buche Von Siegfried Schmitz, Wien. „J. L. P e r e z : Die Nacht auf dem alten Markt. Ein Spiel in vier Akten. Nach dem Jüdischen von Hugo Zuckermann. Wien, 1915. Verlegt bei R. Löwit." In Rot und Schwarz leuchten diese Titelworte aus blendendweißem goldrandumfaßtem Pergament. Und vor trauerndem Auge steigen Schatten lieben und nun so wehen Gedenkens empor. Als dieses Buch noch kein Buch war — fünf Jahre sind seitdem vergangen —, trug es auf dem Manuskriptblatte des Titels ein paar Verse, welche schweren Jasminduft in Rhythmen gewandelt hatten. Der Übersetzer hatte sie gleichsam als Siegel dem Werke aufgeprägt. Er durfte es; denn er konnte es: ihm ward die Gabe verliehen alles rein und rhythmisch aufzulösen; das Gewöhnliche wie das Gegliedertste; das Niedrige und das Höchste. Und er wußte es nicht; denn er tat es. Hugo Zuckermann übertrug Jehuda Leib Perez' Spiel aus dem Jüdischen in sich. Perez las die Übertragung und sagte sinnend: „Das ist nicht mein Werk; aber es ist das Gleiche; nur anders, anders — — und schön!" Und der, dessen Schöpfung diese Worte galten, fragte, — seine kinderklaren Augen wurden schreckhaft dunkel als hätte er Böses getan —: „Ich habe wohl sehr viel mißverstanden in diesem Gedicht?" Denn er wußte nicht, daß er, der das Jüdische nur mühsam las, es besser beherrschte als alle Dichter dieses Idioms, weil ihm — das Jüdische im Jüdischen erklang. — Deshalb wohl hat sich Hugo Zuckermann von Perez' Spiel „Die Nacht auf dem alten Markt" seltam mächtig angezogen gefühlt. Denn das phantastische Durcheinander dieser Szenen durchdringt ein Sinn: die sinnlich-übersinnliche Sehnsucht nach einem schrankenlosen absoluten Eins, welches jenseits alles Seins des Tages ist: der Sinn des Judentums. Ihn hat Hugo Zuckermann gelebt, Jizchok Leib Perez zu Dichtwerken geformt. Für Perez war der stete Zwiespalt zwischen jenem unbedingten Sinn des Judentums und seinem bedingten Sein die Triebkraft steten Dichterringens; ihm verdankt die jüdische Dichtung die herrlichen Erzählungen, in welchen die große Seele der Armen im Geiste sich offenbart und die Sphärenmusik ertönt zum einförmig lächerlichen Spiel eines Baßgeigers; Perez enthüllte der jüdischen Dichtung die Jenseitsherrlichkeiten des Chassidismus — die oft erst jenseits dessen, was der Chassidismus ist, erstehen —, er formte den jüdischen Sinn des Chassidismus in vielen geradezu übersinnlich schönen Legenden, von denen der Legende „Die drei Geschenke" gedacht sei, und in seinem reifsten Werke, dem Drama „Die goldene Kette". Hart an die Grenzen von Dichtung und Mysterium aber, dorthin, wo Gestalten und Schatten in eins verfließen, wo Tat und Schicksal, Sein und Spiel, Sinn und Symbol schwer zu scheiden sind, wo aber auch das Lächerliche neben dem Erhabenen wohnt, führt Perez' Alterswerk, das Spiel „Die Nacht auf dem alten Markt". Einen Hochzeitsnarren läßt der Dichter vor dem träumenden Auge des „Wanderers" zum Herrn der Nacht werden, die er in den Tag erstrecken, deren schattenhaftes Sein er zur Wirklichkeit formen will. Doch das Licht des Tages, da „Gott erwacht", macht sein Tun eitel, der „alte Markt" kehrt zu seiner einförmigen Lebenswirklichkeit zurück und der Traum des „Wandersrs" ist Spiel geblieben. Nur „Die Sehnsucht spannt Die bebenden Schwingen. Ins lauschende Land Zieht ein Klingen, Als wollt' ein Geheimnis Ans Licht sich ringen." Hier sind die Grenzen der Kraft Perez'. Sein „Narr", der mit .den Worten „Der Tod ist abgeschafft'" an das Mächtigste rührt, was die Menschen, was ein Volk, das leben will, ergreift, entpuppt sich, bei Tageslicht besehen, als ein lichtscheuer Trunkenbold, den nur eine „Sehnsucht" zum Verkünder eines neuen Seins gemacht hat. Den Zwiespalt zwischen Relativem und Absolutem des Judentums hat Perez nie überwinden können; stets trieb es ihn dazu, hier das Verbindende zu finden; doch fast immer tritt in seinen Dichtungen jenes Zwiespältige kraß zutage, aufgedeckt von einer analytischen Denkmacht. Hier scheidet sich der Denkende vom Dichter, der Sehende vom Seher. Aus der dunklen Empfindung heraus, daß an dieser Stelle etwas Wesensfremdes zwischen ihnen sei, hat des Dichters Übersetzer die Verse auf das Manuskript gesetzt, welche das Beklemmende schweren Blumenduftes atmen: „Nachtviolen, Den schlummerlosen Dämmern entkeimt — Aber verstohlen Nicken verträumt Purpurne Rosen . . ."

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