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Das jüdische Echo · 1915-12-03 · 48 (3.12.1915) · p. Seite 400

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
48 (3.12.1915)
Date
1915-12-03
Page
Seite 400 (sequence 4)
Language
German
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400 Das Jüdische Echo Nr. 48 sehen Staatswesens herbei. Innere Unruhen, sowie der unablässige giftige Parteihader schwächten den ganzen staatlichen Organismus. Die unausrottbare Assimilationspartei wucherte als Krankheitsquelle am jüdischen Körper. Die Älteren und Gemäßigten, die sich zum großen Teil aus Gelehrten zusammensetzten, die Erfolglosigkeit dieser Kämpfe einsehend, und bestrebt, an Stelle des verlorenen Staates geistige Zentren fürs Judentum zu schaffen, rieten zur Unterwerfung und zum Frieden mit den Römern. Ihr Rat wurde zurückgewiesen und ihr Ruf verklang wie eine Stimme in der Wüste. Das kiegerisch gesinnte Volk wollte nichts von schändlicher Unterwerfung und schmählicher Abhängigkeit wissen. Tränenden Auges und voller Verzweiflung sahen die Weisen, die geistigen Führer des Volkes, die bitteren und entsetzlichen Folgen ihres ungehörten Rates. Es bemächtigte sich ihrer die Überzeugung, daß unter den obwaltenden Umständen es mit dem jüdischen Staate für unabsehbare Zeit zu Ende sei. Sie sahen die Aussichtslosigkeit weiterer Kämpfe und die drohende Gefahr ein und wußten, daß durch dieselben der spärliche Rest des zurückgebliebenen jüdischen Volkes aufgerieben werden könnte. Nun suchten sie deswegen die Möglichkeit weiterer Erinnerungen an frühere siegreiche Kämpfe und Aufstände und in erster Linie das Andenken der Makkabäer im Volke zu schwächen, indem sie diesen Kämpfen den revolutionärweltlichen Charakter nahmen und an seine Stelle ein rein religiöses Moment gaben. Den Verlust des Staates sollten geistige Werte ersetzen. Nicht leicht gelang es, die ruhmreiche Erinnerung und das Andenken an die Heldentaten der Makkabäer auszulöschen. Noch war ihr Andenken frisch im Herzen der Juden. Das warme, noch betäubend dampfende Blut der gefallenen Helden rief zu neuen Taten. Der Geist der Makkabäerbelebte nicht nur die Herzen der Krieger, sondern befruchtete auch den Geist und die Triebkraft der zeitgenössischen Dichter und Schriftsteller. So entstanden eine Menge herrlicher Kriegslieder und Psalmen, die, insofern sie nicht auch eines religiösen Gehaltes entbehrteil, wahrscheinlich mit manchen Veränderungen in den Psalter aufgenommen wurden und uns dadurch bis zum heutigen Tage erhalten blieben. Jüdische Schriftsteller hebräischer und griechischer Zunge bemächtigten sich des Stoffes und schufen historische Schilderungen der Makkabäerkämpfe. Während die hebräischen Originale uns verloren gegangen sind, blieben bloß deren griechische Übersetzungen, sowie andere griechische Originalwerke, die aber wegen der fremden griechischen Texte den meisten Juden völlig unbekannt geblieben sind. Nachdem es gefährlich gewesen wäre, öffentlich zum Kampfe gegen die Römer aufzureizen, wurden patriotische Kunstwerke geschaffen, die an alle siegreichen Kämpfe der Juden gegen fremde Tyrannen erinnerten. So entstand, wahrscheinlich um die damalige Zeit, das ursprünglich in hebräischer Sprache geschriebene Buch Judith, in dem die Heldentat der jüdischen Frau Judith erzählt wird, die durch ihren Heldenmut das syrische Volk von der Tyrannei des syrischen Satrapen Holophernes befreite. Der Dichter hat augenscheinlich an den tätigen Anteil der jüdischen Frauen an den Makkabäerkämpfen erinnern wollen, um sie auch zur Teilnahme an den Befreiungskämpfen gegen die Römer heranzuziehen. Gleich dem ersten Makkabäerbuche wurde auch dem Buche Judith die Aufnahme in den Kanon wegen dessen kriegerischen Inhaltes verweigert und dadurch dem jüdischen Volke entfremdet. Noch lebten die Makkabäer im zurückgebliebenen kleinen Rest des jüdischen Volkes. Noch glomm der letzte Funke unter dem Aschenschutte der jüdischen Freiheit, um zum letzten Male als hell lodernde Flamme zum Himmel emporzuschlagen. Es kam der heldenhafte, in der Weltgeschichte grandios dastehende Bar-Kochba-Aufstand, der nach Anspannung der letzten Kräfte mit beispielloser Grausamkeit von den Hadrianischen Legionen niedergedrückt . wurde. Die Weisen, mit Ausnahme des kriegerisch gesinnten Rabbi Akiba, der bis zu seinem Ende treu zu Bar-Kochba hielt, nannten diesen unseren Helden, auf den jede Nation stolz sein würde, einen Lügensohn (Bar Kosiba) und schrieben seinen Untergang seiner angeblichen Gottlosigkeit zu, als Exempel, daß ohne Gottes Geheiß jede Auflehnung sündhaft sei und Verderben bringen müsse. Da nun einerseits der alljährlich wiederkehrende Gedenktag des Makkabäerkrieges noch immer von den Juden feierlich begangen wurde und als unausrottbare Institution sich eingebürgert hatte, und andererseits die Befürchtung nahe war, daß die immerwährende Wiederkehr der Erinnerung an die kriegerischen Makkabäerkämpfe wieder zu einem revolutionären Ausbruche und somit auch zu neuem vergeblichen Blutvergießen Anlaß geben könnte, so mußte im Interesse der noch übriggebliebenen Glieder des jüdischen Volkes mit allen Mitteln angestrebt werden, dem nun schon eingeführten Makkabäerfeste eine religiöse Basis zu geben, und zwar dadurch, daß man es zu einem religiösen Tempelweihfeste machte. Der noch immer wie ein Zauber wirkende Name der Makkabäer sollte im Ritual tunlichst vermieden werden, um im Laufe der Zeit als Nebenfigur in den Hintergrund zu treten, wenn nicht ganz der Vergessenheit zu verfallen. So tragisch unschön dieser Schritt war, wurde er doch nach Ansicht der um das Leben der Reste Judas besorgten jüdischen Weisen als nicht zu vermeidende Notwendigkeit betrachtet. Der Name der Makkabäer mußte aus dem Ritual verschwinden. So erheischte es damals die politische jüdische Raison. Sie konnten nicht in die falsche Rolle als ausschließliche Kämpfer für die Religion gesetzt werden. Das Volk erinnerte sich ihrer noch zu gut. Wohl waren sie Kinder des Hohenpriesters, aber ihr Priestertum übten sie nicht allein im Dienste des rein religiösen Gedankens, sondern in erster Linie als weltliche Krieger im offenen blutigen Kampfe.1) Die vollständige Unkenntnis der Periode der Makkabäerzeit hielt bei den Juden lange an, bis um die zweite Hälfte des Mittelalters herum ein *) An dieser Stelle unternimmt der Verfasser den Versuch, zu beweisen, daß die am Chanukah zu entzündenden und ans Fenster zu stellenden Lichter nicht so sehr mit dem Wunderlämpchen in Verbindung gebracht werden können, als vielmehr sehr wahrscheinlich ein Überbleibsel jener damals schwer ausrottbaren Gewohnheit sind, nach welcher die Juden vor Ausbruch der Aufstände durch Anstecken von Lampen an den Tür- und Fensterpfosten das Signal zur allgemeinen Erhebung gaben. Der öffentliche Brauch der Illumination anläßlich von Festen und Siegen ist auch sonst nachweisbar. (D. R.)

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