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Das jüdische Echo · 1915-12-03 · 48 (3.12.1915) · p. Seite 398

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
48 (3.12.1915)
Date
1915-12-03
Page
Seite 398 (sequence 2)
Language
German
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398 Das Jüdische Echo Nr. 48 in der Phantasie, desto riesiger werden die Linien der Ereignisse und Persönlichkeiten. An dem Zeitalter der Makkabäer hat sieh das Umgekehrte vollzogen. Die Volksphantasie hat zu einem kleinen Wunder zusammenschrumpfen lassen, was in Wahrheit eines der größten Ereignisse war in der jüdischen Geschichte. Meinem Geiste hat sich von jeher die Geschichte Israels seit der Rückkehr aus Babel unter dem Bilde einer weiten, pfadlosen Meide in dunkler Nacht dargestellt: ein einziges Mal noch hören wir von den Zuständen im neuen jüdischen Gemeinwesen, noch ein Mal tauchen zwei große Persönlichkeiten auf — Esra und Nehemia — dann dunkle, undurchdringliche Nacht. Fast 300 Jahre lang, von 444 bis 173 schweigt die jüdische Geschichte. War der liederreiche Mund Israels auf einmal verstummt? Ging so wenig vor, gab es wenig an äußeren und inneren Ereigni^p.n zu berichten, daß man es ni^ht einmal der Midie wert hielt, nach altem Brauch die wichtigsten Momente in annalistischer Form aufzuzeichnen? Von unmittelbaren Berichten besitzen wir über diese Zeit nichts, rein gar nichts: wie gesagt, eine pfadlose Steppe in sternloser Nacht. Da blitzt es auf, ein mächtiges, blendendes Licht: Mattathias und seine Söhne, das Heldenzeitalter der Makkabäer. Das bedeuten uns die Lichter des Weihfestes: nach mehreren Jahrhunderten der Finsternis die erste Helle in der nachexilischen Geschichte. Dieser Umstand allein macht das Auftreten der Makkabäerzejt zum Ausgang einer neuen Epoche. Für uns beginnt tatsächlich mit diesem Zeitpunkte die jüdische Geschichte nach langer Unterbrechung. Und bedarf es für uns noch einer besonderen Auseinandersetzung dessen, was die Taten des Mattathias und seiner Söhne bedeuten? An den Schwertern der Makkabäer brach sich die Macht des asiatischen Hellenismus, jener Scheinkultur einer entarteten Welt, die von der einstigen Größe nichts übernommen hatte, als den Hochmut gegenüber jeder Menschheit, die sie nicht verstand. Dieser Sieg des jüdischen Ernstes über die spätgriechische Frivolität wiegt so schwer, daß die anderen Errungenschaften, welche die Siege der Makkabäer im Gefolge hatten, die politische Selbständigkeit, das Übergewicht über die nichtjüdischen Völkerschaften im Süden und Osten, als nebensächliche Dinge erscheinen. Das ist die Bedeutung des Chanukahfestes. Wie aber war es möglich, daß ein solches Ereignis, eine solche Glanzzeit die jüdische Nachwelt kalt ließ, die Phantasie der Juden in der Zerstreuung so gar nicht erfüllte? Ich habe mich lange dagegen gesträubt, die Antwort zu hören, die der Zusammenhang der Dinge auf die Frage gibt, aber die Tatsachen lassen nur eine Deutung zu. Die Erhebung der Makkabäer ist der erste und vielleicht einzige Akt der Selbsthilfe in der jüdische Geschichte. Alle die großen Führer und Befreier der alten Zeit sind Werkzeuge der göttlichen Vorsehung, ohne eigene Eingebung, fast ohne jeden selbständigen Willen: oft unternehmen sie ihre Mission gegen ihren Willen. Vom ersten bis zum letzten Propheten der vorexilischen Zeit, von Moses bis Jeremias, sind alle vom göttlichen Geiste unmittelbar inspiriert: sogar Simson, der naive Held, wird vom „göttlichen Geiste getrieben". Alles Große in der jüdischen Geschichte geschieht durch Gott; der Mensch hat nicht die geringste Bedeutung. Die Juden haben nie einen Helden, nie ein Epos besessen. Im Gottesstaate, im Gottesvolke war für den Heros kein Platz. Wie lautete doch der Trost des Propheten, als die Kinder Israels am Ufer des Roten Meeres standen, die verfolgenden Ägypter im Rücken? „Der Ewige wird für euch streiten, ihr aber haltet still." Dieser Gedanke beherrscht die ganze Überlieferung, dieser Gedanke beherrscht auch den ganzen Charakter Israels und sein Geschick. Die Erhebung der Makkabäer ist das erste Beispiel einer großen Tat ohne die prophetische Verkündigung eines göttlichen Befehls. Das erste Makkabäerbuch, die vornehmste, man möchte beinahe sagen, die einzige Quelle für die Geschichte jener Zeit, ist vom ersten bis zum letzten Worte voll vom echten Geiste jüdischen Gottesglaubens und Gottvertrauens, wie die Helden es waren, denen es gewidmet ist; aber das eine Moment, das jedes Kapitel des Alten Testamentes charakterisiert, fehlt. Die Makkabäer kämpften für Jehovah und sein Volk, wie ein Jusua und Dawid, aber sie folgten nicht einem Propheten, sondern dem Gotte in der eigenen Brust. „Und da er (Mattathias) sah die Lästerungen, welche in Juda und Jerusalem geschahen, sprach er: Wehe mir! Warum bin ich dazu geboren, zu sehen die Vernichtung meines Volkes und die Vernichtung der heiligen Stadt und dort untätig zu sitzen, dieweil sie dahingegeben ist, in der Feinde Hände und das Heiligtum in die Hand der Fremden?. . . Unser Heiligtum, all unser Schönes und Prächtiges ist verwüstet und die Heiden haben es gemein gemacht. Wozu soll uns das Leben?" Das ist die Gemütsverfassung, aus der heraus Mattathias die sonst so friedliche Hand gegen die Griechen erhebt: ein rein menschliches, ohne jede übersinnliche Zutat verständliches Motiv. Verständlich? Für die jüdische Jugend von jetzt, die am Chanukahfeste gut macht, was so viele Geschlechter an ihm gesündigt haben, in dem sie die Makkabäer als Helden der Selbsthilfe feiert, wie unsere Geschichte ihrer nur wenige verzeichnet; verständlich für uns Zionisten, die wir wissen, was schon der talmudische Spruch zu sagen sich nicht scheute, daß man sich nicht auf Wunder verläßt. Der Mehrheit unseres verschüchterten Volkes scheint das Verständnis für ein rein menschliches Motiv, für großes Handeln aus nationalem Eifer zu fehlen. Diese Mehrheit hat das hebräische Original des ersten Makkabäerbuches so wenig geschätzt, daß sich nicht einmal ein Blatt davon zu erhalten vermochte und eben diese Mehrheit erschrickt oder höhnt, wenn wir von der Erlösung sprechen durch eigenen Willen. Wir wissen es so gut wie die Frömmsten unter den Frommen, daß wir schwache Menschen nur Werkzeuge sind eines unerforschlichen Willens, aber die Berufung geschieht heute anders, als sie in vorgeschichtlichen Zeiten geschah. Wenn in einer so selbstsüchtigen, so durch und durch nüchternen, kleinen, jämmerlich beschränkten Zeit sich Herzen finden, die alles hingeben für ein großes Ideal, die Zukunft unseres Volkes, so ist das ein Wunder und Zeichen, wie keines deutlicher in den Tagen des Propheten gesprochen. Jawohl, wir sind Werkzeuge Gottes; in diesem Glauben stimmen wir trotz unserer Selbsthilfe mit der Mehrheit überein. Und wir sind auch auf das Schicksal der Werkzeuge gefaßt, der Worte John Wesleys gedenkend: Gott zerbricht die Werkzeuge, die er gebraucht.

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