Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 48 (3.12.1915)
- Date
- 1915-12-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Ängelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag. — Bezugspreis: Viertelj. M. 1.—, Halbj. M. 2.-, Ganzj. M.4.—, Einzelnummer 10 PL —Verl ag „des Jüdischen Echos" : München, Herzog Maxstr.4. - Redaktion: Norbert Weldler,München-Solln, Erikastraße 6. Anzeigen: Die viergespaltene | Nonpareille - Zeile oder deren Raum i 25 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— I Dieselbe für kleine Anzeigen 15 Pf. — j Anzeigenannahme: Verlag „des' Jüdischen Echos", München, Herzog \ Maxstraße 4. Fernsprecher: 8099. ) Postscheckkonto: München 3987. Nummer 48 München / 2. Jahrgang 5. Dezember 1915 1915 Wochcnkalendcr (5676) ljnn Samstag Sonntag Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag Kislev Dez. ihoi 4 27 5 28 ' 6 29 7 30 Thevet rat: 8 l 9 2 10 3 Neumondankündtg. "n "jp ]>pD Gottesd.: Morgens Hauptsyn. 8V9 Herzog Rud.-Str. 73/4 Sabbath-flusgang 5.07 rbw Neumond 1, Tag Neumond 2. Tag Sabbath-Eingang: Haupt - Synagoge 4.30 Herzog Rud.-Str. 4.15 Inhalt! Professor Leon Kellner: Das Fest der I^ZZZZ Selbsthilfe. — Dr. Samuel Rappaport: Chasmonäerfest und Chanukah. — Weltecho. — Flavius Josephus: Mattathias. — J. F.: Leutnant Sender. — Gemeinden- und Vereins-Echo usw. Das Fest der Selbsthilfe Von Leon Kellner, o. Professor der Universitätin Czernowitz. Wie ist dieses Fest doch verschieden von. allen anderen Festen! — So müßte die Hagada für Chanukah beginnen, wenn wir eine besäßen. Aber das Makkabäerfest hat seltsamerweise keine Hagada geschaffen; es ist das stillste und nüchternste aller unserer Feste. Andacht und Poesie, die sonst jeden irgendwie denkwürdigen Tag unserer Geschichte so nachdrücklich dem Gemüte einprägen durch eine Fülle von Gebeten und Hymnen, haben Chanukah nur mit einigen mageren Produkten bedacht, und selbst die wenigen Stücke synagogaler Poesie, die für das Chanukahfest gedichtet wurden, haben es zu keiner Anerkennung in Synagoge und Tempel gebracht: die paar Pijutim werden einfach unterdrückt. Wohl werden die uralten und ewig neuen Hallelpsalmen vollständig rezitiert, aber diese frostige offizielle Anerkennung hebt erst recht den Mangel an freiwilliger, aus der Tiefe des Volksgemütes kommender Teilnahme hervor. Und wie wenig ist das Tatsächliche in das Volksbewußtsein gedrungen! Was hat die jüdische Literatur in den 2000 Jahren, die seit den Heldentaten der Makkabäer verflossen sind, getan, um das größte und freudigste Ereignis der jüdidischen Geschichte nach dem babylonischen Exil . im Gedächtnisse der Nachwelt zu erhalten? Das einzige Werk, auf dem wir unsere Kenntnis der Makkabäerkämpfe schöpfen, ist in griechischer Sprache auf uns gekommen. Die hebräische Urschrift des ersten Makkabäerbuches — Sprache und Stil des Werkes weisen ganz entschieden auf ein solches Original — ist verloren gegangen, und das jüdische Volk begnügt sich alle die Jahrhunderte über damit, die Geschichte jenes Heldenzeitalters aus einem kleinen Auszuge, der höchst wahrscheinlich erst nach der griechischen Übersetzung des Makkabäerbuches und nach Josephus angefertigt wurde, zu erfahren. Und wenn wenigstens dieser kurze Bericht, die Antiochus-Rolle, ins Volk gedrungen wäre! Aber nicht einmal das ist geschehen. Man muß die teueren und daher seltenen Ausgaben unserer Gebetbücher aufschlagen, um diese Erzählung zu finden; in den, gewöhnlichen, den volkstümlichen Gebetbüchern hat sie keinen Platz erhalten. Dem entspricht die Tatsache, daß die eigentliche Geschichte jener Zeit, die tatsächliche Grundlage für das Chanukahfest, der großen Masse des Volkes unbekannt geblieben ist. Titus und Haman sind dem unwissendsten Juden, der nicht einmal sein Gebetbuch lesen kann, geläufige Worte, mit denen er mehr oder weniger deutliche Vorstellungen verknüpft; die beiden Eigennamen sind ja geradezu Gattungsbegriffe geworden. Der Name Antiochus aber hat für den Durchschnittsjuden einen fremden, nichtssagenden Klang. Die Sitte, die sonst besser als Schriftwerke und Denkmäler die Geschichte lebendig erhält, hat das Ihrige getan, um ein großes, das ganze Volk und die ganze Zukunft bestimmendes Ereignis, die Erhebung gegen den Hellenismus, die Selbstbestimmung der Nation, auf einen sehr verjüngten Maßstab zu reduzieren. Die Erzählung vom Ölfläschchen, das durch ein Wunder acht Tage lang das ewige Licht im neueingeweihten Tempel nährte, während es nach menschlicher Erwartung nur für einen Tag hätte reichen können — das ist alles, was die Chanukahlichtlein in der Phantasie des Volkes an geschichtlicher Erinnerung wecken. Das ist ein ganz kurioses Mißverhältnis zwischen der geschichtlichen Wahrheit und der volkstümlichen Tradition. Sonst wird eine geschichtliche Begebenheit im Laufe der Jahrhunderte in jeder Weise vergrößert, geschichtliche Persönlichkeiten werden zu Heroen; je größer der zeitliche Abstand zwischen dem Urbilde und dem Reflexe