Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 47 (26.11.1915)
- Date
- 1915-11-26
- Page
- Seite 395 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9102856-9116253--00592-9073419- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 47 Das Jüdische Echo 395 such beim „W underrabbi" Hersch Jolles. Mein Weg hatte mich eigentlich zum Gemeinderabbiner geführt, der aber, wie ich erfuhr, noch vor der Invasion aus nur zu begründeter Vor- . sieht geflüchtet war. Auf der Suche nach dessen Stellvertreter wies man mich zu dem „Rebbe"; ein merkwürdiges Mißverständnis, das ich freilich nicht zu bedauern hatte. Er war sicherlich keiner von den „Großen des Zeitalters"; aber welche Gedanken löst schon das Wort „Wunderrabbi" bei dem Westeuropäer aus! Eine ehrwürdige, achtunggebietende Erscheinung trat mir an der Schwelle des armseligen Häuschens ent-' gegen, ich ward herzlichst begrüßt und stand bald in einem Kreuzfeuer von Fragen, deren Beantwortung auch einem Armeekommandanten nicht leicht gefallen wäre. Mit bewegten Worten klagte der alte Mann, welch schwere Zeiten er durchzumachen hatte, welch große Summen er wiederholt zahlen mußte, um die Entweihung seines Bethauses durch die russische Soldateska zu verhindern. Und noch heute klingt mir in den Ohren das unvergeßliche Wort des Greises: „So alt ich bin, eher wandere ich fort in die weite Ferne, so weit meine schwachen Füße mich tragen, als daß ich noch einmal auch nur einen Tag unter russischer Herrschaft lebte!" Mit einem Hinweis auf die günstige Kriegslage führte ich den Wunderrabbi die Grundlosigkeit seiner Befürchtungen vor Augen. Noch lange dauerte unser Gespräch, an dem sich auch des Rabbis Tochter, ein — zu meinem nicht geringen Erstaunen — allgemein gebildetes Mädchen beteiligte. Auch die Verhältnisse und die religiösen Probleme der westeuropäischen Judenheit wurden berührt; was der Rebbe über diese Frage sprach, atmete eine treuherzige Weltfremdheit, ich möchte beinahe sagen eine kindliche Naivität. Noch ward mir im Bethause der Vorrat an altem Tempelgerät gezeigt, das für die Metallsammlung bestimmt war. Dann nahm jch, befreit von manchen Vorurteilen, Abschied von dem ersten „Wunderrabbi", den ich kennen gelernt hatte. So war es eine friedliche Vorbereitungszeit, die ich in Sambor verlebte. In langen Kolonnen zogen die Staffelwagen durch die Stadt. Nur am Abend klang der Kanonendonner von der etwa 15 km entfernten Front deutlich an unser Ohr. Ab und zu versuchten russische Flieger durch Abwerfen von Bomben Schaden zu verursachen und Schrecken zu verbreiten. Ein einziges Mal gelang das Vorhaben; alle späteren Versuche wurden durch das rechtzeitige Eingreifen einiger aufgestellter Maschinengewehre vereitelt. Auch einen Festtag brachte noch zum Schlüsse der Aufenthalt in Sambor; es war an einem Samstag, als der Kommandant der zweiten Armee, v. Böhm- Ermolli seinen Einzug in die mit Fahnen geschmückte Stadt hielt, der siegreiche Führer, der Cognac Macholi München den besten französischen Marken ebenbürtig — überall erhältlich. Eigene Verkaufsstelle: Karlsplatz 25 (Hotel später seinen Ruhm durch die Befreiung Lembergs noch vergrößern sollte. Bald darauf schlug für mich die Stunde des Abschieds von Sambor. An einem schönen Junimorgen verließen die Vertreter der drei Konfessionen gemäß dem erhaltenen Befehle die Stadt und schlugen die Richtung nach dem nördlich gelegenen Dorfe Krukienice ein, in dessen Nähe die 13. Divisions-Sanitätsanstalt etabliert war. Das Dorf selbst wurde, wie man erzählte, noch immer vom Feinde aus schweren Geschützen beschossen; ich sollte zum ersten Mal dem unverhüllten Schrecken des Krieges ins Antlitz schauen und unentwegt an meinem Platze die schwere Aufgabe erfüllen, die mir übertragen wurde. Literarisches Echo Binjamin Segel: Morija und Golgatha. Verlag von M. Poppelauer, Berlin C, 1915. Es war eine genußreiche und angenehme Stunde, welche mir die Lektüre dieser prächtigen, geist- und inhaltsvollen Schrift Segel's bot. Wohl selten hat eine Arbeit die zu Grunde liegende Materie so tief erfaßt wie diese. In klarer und kraftvoller Weise rechnet der Autor mit einem geistlichen Würdenträger, der in einem zu Ostern erschienenen Essay nach altem guten Theologenbrauch die Osterstimmung dazu benützte, eine Parallele zwischen dem Kreuzestod auf Golgatha und der Opferung Isaaks zu ziehen. „Wäre ich ein Christ", so sagt Segel, „ich würde es als kränkend empfinden, daß die Theologen sich der Segensfülle des Christentums nicht erfreuen zu können glauben, ohne das Judentum ein bischen zu zausen; daß sie vermeinen, ihre Religion könne im Vollglanze nur erstrahlen, wenn die jüdische recht schwarz angestrichen wird." Segel hätte hinzufügen können, wie unchristlich es sei, wenn die Tochter stets und immer wieder an der Mutter, der sie ja ihr ganzes Sein verdankt, so vieles auszusetzen hat. Segel beginnt seine Schrift mit Zitaten aus der Offenbarungsgeschichte in der Bibel, hiebei hervorhebend, „daß es den Juden sicher nicht in den Sinn gekommen wäre, diese wunderschönen Bibeltexte am Osterfeste beim Gottesdienst zur Vorlesung zu bringen; das jüdische Neujahrsfest ist dazu berufen, diese Erzählung den Gläubigen im Urtext sowohl wie in den Liturgien zu Gehör zu bringen. Nicht das Osterfest ist die Zeit, uns des Ursprungs und der Herkunft zu erinnern, sondern das Neujahrsfest ist der Erinnerungstag, an dem wir alljährlich uns aufs neue das Reich Gottes auferlegen (Kabbalas ol malchus schomajim). Keine Erinnerung aus der Stammesgeschichte Israels ist geeignet, diese Idee so trefflich zu vergegenwärtigen, wie die „Akedoh", die Opferung Isaaks, in der sich die absolute Hingebung, der vertrauensvolle, fraglose, kindliche Glaube Abrahams an den Willen und das Walten Gottes symbolisiert". Nach dieser Einleitung, welche schon den Unterschied zwischen der Opferung Isaaks und den Kreuzestod auf Golgatha kennzeichnet — welcher Begebenheiten die Juden zum Neujahrsfest, die Christen zu Ostern gedenken — beschäftigt sich der Verfasser eingehend mit einer Bemerkung des Theologen, worin dieser das unglaubliche Bekenntnis ablegt, daß „die Geschichte der Opferung Isaaks auf Morija ebenso unserem natürlichen Empfinden wie unserer Gottesvorstellung widerstrebt". Man kann auf dem klei-