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Das jüdische Echo · 1915-11-26 · 47 (26.11.1915) · p. Seite 394

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
47 (26.11.1915)
Date
1915-11-26
Page
Seite 394 (sequence 6)
Language
German
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394 Das Jüdische Echo Nr. 47 völkerungskreisen zu erzeugen und gegen die Juden aufzuhetzen. Eine solche agitatorische und verhetzende Tätigkeit ist Staatsbeamten überhaupt und den. Mitgliedern der Staatsanwaltschaft, die für die öffentliche Sicherheit zu sorgen haben, insbesondere gesetzlich untersagt. Die inkriminierte Äußerung der St.-A.-Substitutes hat auch nicht verfehlt, bei den jüdischen Zuhörern und der jüdischen Bevölkerung von Neu-Sandez Unwillen, Entrüstung und peinliches Aufsehen zu erregen. Dieser unliebsame Vorfall hat aber auch dadurch eine Verschärfung erfahren, daß der Vorsitzende der Verhandlung, der k. k. Landesgerichtsrat Nowak, die erwähnten Ausführungen des St.-A.-Substitutesi Marszalik ruhig angehört und widerspruchslos hingenommen hat, ohne selbe als unstatthaft zu rügen und gebührend zurückzuweisen. Über die Tragweite und die Folgen solcher Redeexzesse eines St.-A.-Substitutes im öffentlichen Gerichtssaal darf man sich keiner Täuschung hingeben, sie sind schon häufig genug verhängnisvoll für die Juden gewesen". Die Eingabe ist unterzeichnet von Dr. Karl Pollack, Reichs- und Landtagsabgeordneten Dr. Benno Straucher und Ingenieur Robert Stricker. Feuilleton Was ich in Sambor sah Vom k. und k. Feldrabbiner Dr. Arnold Grünfeld (Eger). Stolz flatterten seit einigen Tagen die Fahnen in den Farben der Monarchie vom Rathausturm des befreiten Sambor, als ich mich am vorläufigen Ziele meiner Fahrt an die Front sah. Abgesehen von dem eingeäscherten Bahnhof und einigen verwüsteten Fabriksanlagen schien die schöne Fabriksstadt die sinnlose Wut des Feindes nur wenig gespürt zu haben. Diese ungewohnte Milde der russischen Eroberer war in gleicher Weise der monatelangen 'Anwesenheit eines höheren russischen Kommandos wie dem dreistündigen Besuche des Zaren aller Reussen zu danken, der jedenfalls einen möglichst günstigen Eindruck von dem „erlösten" Galizien in die Heimat mitnehmen sollte. Trotz alledem empfanden die jüdischen Einwohner, deren ärmerer Teil zurückgeblieben war, die Herrschaft der Russen als eine ununterbrochene Kette von Leiden, die durch das Bewußtsein völliger Rechtlosigkeit noch vergrößert wurden. Sofort nach der Invasion war eine Anzahl angesehener Juden, denen die Flucht nicht mehr möglich war, als der Spionage „dringend verdächtig" in das heilige Rußland abgeschoben worden, ohne daß ihr Unterkunftsort hätte ermittelt werden können. Zur alltäglichen Erscheinung wurde es, daß Soldaten — oft sogar in Gegenwart von Offizieren — Waren ohne Bezahlung an sich nahmen; in den meisten Fällen hatte ein Protest nur den Erfolg, daß den Unzufriedenen als Beruhigungsmittel — Nagaikahiebe verabfolgt wurden. Allerdings Ausschreitungen der allerschlimmsten Art waren nur an jenem unvergeßlichen Freitagabend des Wonnemonats zu verzeichnen, an dem der Rest der russischen Truppen das Weichbild der Stadt eilends verließ. Wie ein Erwachen aus wüstem Traume war die Erlösung. Durch erlogene Kriegsnachrichten hatten die Russen Mutlosigkeit und Resignation zu verbreiten gesucht. Eines der raffiniertesten Mittel, das diesem Zwecke diente, war der Transport österreichischer Gefangener aus den Karpathenkämpfen durch die Straßen der Stadt; in Bezug auf die Wirkung, die dieses Schauspiel notwendigerweise ausübte, war es doch nebensächlich, daß nicht selten dieselben Gefangenen einen wiederholten Spaziergang durch die Stadt machen mußten. Nun aber waren die trüben Tage vorüber, man freute sich der Gegenwart. Zu der Zeit, als ich meine vorläufige Wirksamkeit mit den Vertretern der andern Konfessionen beginnen durfte, genoß man sogar die „Vorteile" aus der einstigen russischen Herrschaft. Von einer Lebensmittelknappheit war selbstverständlich niemals die Rede gewesen, und noch lange Zeit hindurch zehrten die Truppen an den Riesenvorräten von Weizenmehl, welche die Russen zurückgelassen hatten. Ein geringeres Behagen löste freilich der Genuß russischer Zigaretten aus, die aber immerhin als „Retter in der Not" begrüßt wurden! Die stattlichsten Gebäude der Stadt, die, wie erwähnt, nach außen hin nur wenig gelitten haben, waren nunmehr in Feld- und Reservespitäler umgewandelt, die ich täglich, oft in Begleitung meines evangelischen Kollegen aufsuchte, um Trost und Linderung den Schwergeprüften zu bringen. Überall fand ich liebenswürdigem Entgegenkommen, vpr allem bei den katholischen Feldkuraten, die reglementmäßig jedem Spital zugeteilt sind. Aus der Fülle der gesammelten Eindrücke bleibt mir der Ausspruch eines ungarischen Infanteristen unvergeßlich, der mir seine aufrichtige Freude bekundete, daß es ihm in seiner schweren Lage vergönnt sei, mit einem Seelsorger seiner Konfession wie ein Bruder zum Bruder sprechen zu dürfen. Immer wieder bei jedem Besuche fand ich Gelegenheit, den Verwundeten durch Rat und Tat ihr schmerzliches Geschick zu erleichtern und den Mut von neuem zu beleben. Am liebsten wäre ich allerdings zu unseren braven Soldaten an die Front hinausgeeilt, um in Freud und Leid bei ihnen zu sein, aber die damalige Kriegslage ließ nach dem Bescheide meines vorgesetzten Kommandos die Abhaltung von Gottesdiensten in der Kampffront nicht zu, ich sollte vielmehr sofort im erforderlichen Falle zur Divisions-Sanitätsanstalt berufen werden. So galt es auszuharren und die Zeit, die ich in Sambor zu verbringen hatte, in jeder Weise gründlich auszunützen. Nächst der Sorge um die Verwundeten war mein Bestreben darauf gerichtet, in naher Fühlung mit dem Teile der Bevölkerung zu kommen, der am meisten unter dem Krieg zu leiden hatte, mit den Juden. Die Gestalten, die man als „galizische Flüchtlinge" in der Hauptstadt des Reiches nicht minder als im kleinsten Dorfe kennen gelernt hat, schienen die Mehrzahl zu bilden; nur wenige waren es, die durch Kleidung und Denkart von der Masse sich abhoben. Ich konnte den Eindruck nicht los werden, daß ich eine Herde ohne Hirten vor mir sah. Nur wenn ich am Freitagabend die stillen, friedlichen Sabbathlichter aus jeder jüdischen Wohnung auf die Straße hinausblinken sah, wenn ich merkte, mit welcher Energie die Juden den Kampf um die Sabbathruhe führten und nur schwer zum Öffnen ihrer Läden in der rauhen Kriegszeit zu bewegen waren, dann merkte ich erst recht die hemmungslose religiöse Kraft, die in dem östlichen Judentum steckt. Die interessanteste Episode, die der Aufenthalt in Sambor mir brachte, war sicherlich der Be-

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