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Das jüdische Echo · 1915-11-26 · 47 (26.11.1915) · p. Seite 393

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
47 (26.11.1915)
Date
1915-11-26
Page
Seite 393 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 47 Das Jüdische Echo 393 so antwortet er mit überlegenem Lächeln: „Was kann ich dafür? Unsere Regierung hat Schuld!" Jeder Russe spricht von seiner Regierung so, als ob sie aus Eskimos oder Botokuden. die das unglückliche Land erobert hatten, bestünde; und doch gehört dieser selbe Russe in neunzig von hundert Fällen dem Beamtenmilieu, also der die Regierung bildenden Gesellschaftsgruppe an. Diese für die Russen als höchst bequeme Ausrede dienende Anschauung, daß in Rußland die Regierung und die Gesellschaft zwei isolierte Gruppen bilden, von denen die eine für die von der zweiten begangenen Gemeinheiten nicht verantwortlich gemacht werden dürfe, ist selbstverständlich auch im Auslande, besonders in Deutschland, stark verbreitet. Auch die gesamte russische Judenheit huldigte bisher dieser Ansicht. Nun kam der Krieg und öffnete auch den russischen Juden die Augen. Als die von den Russen an den russischen Juden begangenen Greuel keinerlei einigermaßen energische Aktion seitens der russischen Gesellschaft hervorriefen, als die „liberalen" russischen Blätter die bekannte Rede des Abgeordneten Friedmann nur unvollständig wiedergaben, dafür aber Andeutungen über das „landesverräterische Verhalten" der Juden machten, als in der Duma keine Majorität für die Dringlichkeit mehrerer die Lage der Juden betreffender Interpellationen aufzutreiben war und als selbst die liberale Kadettenpartei, die die Mehrzahl ihrer Mandate den Stimmen jüdischer Wähler zu verdanken hat, es für nicht „zeitgemäß" fand, einen Gesetzentwurf über die Beseitigung aller jüdischen Ausnahmegesetze einzubringen, — ging den russischen Juden endlich ein Licht auf. Und so lesen wir in der in Moskau erscheinenden russisch-jüdischen Zeitschrift „Jewrejskaja Shisn" (Nr. 6, vom 9. August d. J.) folgende bedeutsame Auslassung: „Die russischen Juden erfanden in ihrem Optimismus der Verzweiflung einen eigentümlichen Trost: Die Bürokratie ist gegen uns, doch die Gesellschaft ist für uns. — Dieser Trost ist sehr leichtsinnig. Denn man darf die Bürokratie nicht als einen Gegensatz zur Gesellschaft betrachten. Line jede Bürokratie entspricht immer und vollkommen dem reellen Verhältnisse der sozialen Machtgruppen. Ein jedes Volk hat die Regierung, die es verdient. Nicht mehr und nicht weniger. Und was uns die heutige russische Gesellschaft geben kann, zeigte uns am deutlichsten die Dumasitzung vom 20. Juli, in der sich die Majorität für die Abschaffung der Ausnahmegesetze aussprach". Für jeden Kenner der Verhältnisse steht es außer jedem Zweifel, daß die in diesem Zitat wiedergegebene Ansicht für den russischen Juden durchaus neu ist. Daß sie auch in die Presse Eingang gefunden hat, ist außerordentlich symptomatisch. In der russischen Judenheit vollzieht sich augenblicklich ein bedeutsamer Umschwung: selbst die russifizierten Juden wenden sich merklich vom Russentum, das sie noch vor kurzem anhimmelten, weg. Es sprechen hiefür zahlreiche Anzeichen, die an sich unbedeutend erscheinen, aber dem Kenner der Verhältnisse viel zu denken geben. So finden wir in der Petersburger (nichtjüdischen, doch von Juden gerne gelesenen) Tageszeitung „Rjetsch" ab und zu Annoncen wie folgende: „Erzieherin mit guten Kenntnissen des Jidischen von einer gebildeten Familie in Petersburg gesucht". Vor zwei Jahren suchte die gleiche Familie entweder eine russische oder deutsche Erzieherin. Daß aber eine jidisch-sprechende gesucht wird, ist wieder eine Folge des oben angedeuteten Stimmungsumschwunges und zugleich vielleicht eine Folge des Erlasses, nach dem der Gebrauch der jidischen Sprache in Petersburg unter Strafe gestellt wurde. Annoncen dieser Art kommen immer häufiger vor. — Im Annoncenteil der russisch-jüdischen Blätter stehen vor Rosch - Haschonoh zahlreiche Glückwunschanzeigen. Und auch diese Glückwünsche sehen jetzt ganz anders aus als vor Jahren: alle die Gratulanten heißen plötzlich mit ihrem Vornamen: Hirsch, Chajim, Lea, Rochel, während sie noch vor kurzem Grigorij, Chariton, Lisa und Rai'ssa hießen. Auch diese Rückkehr zum nicht-russifizierten jüdischen Namen ist sehr bedeutungsvoll. Welt-Echo Eine große Hilfsaktion amerikanischer Juden für die notleidende jüdische Bevölkerung Polens. Die große Not, unter der die jüdische Bevölkerung in Polen leidet, hat zu einer großen Hilfsaktion jüdischer Organisationen der Vereinigten Staaten geführt. Wie den „Jüdischen Nachrichten" in Warschau berichtet wird, sind soeben 500 000 M„ die das jüdisch-amerikanische Hilfskomitee aufgebracht hat, an ein aus Vertretern der zionistischen und der chassidischen Richtung zusammengesetztes Komitee eingetroffen. Diese Summe wird dem schlimmsten Elend wenigstens eine vorläufige Linderung schaffen können. Die Polen und die Juden in Galizien. Im „Jewish Chronicle" in London finden wir folgende interessante Bemerkung: Man wird sich entsinnen, daß während der Besetzung Galiziens durch die russischen Truppen die Polen immer wieder die Juden als Österreich-freundlich und Gegner der Besetzung denunzierten. Jetzt scheint es, daß die polnischen Antisemiten in Galizien sehr beschäftigt sind, die Juden bei den Österreichern als russenfreundlich zu verdächtigen. Infolge ihrer Anklagen sind bereits verschiedene Juden unter der Beschuldigung, den Truppen des Zars Beistand geleistet zu haben, .verhaftet worden. Diese Nachrichten haben einen tiefen Eindruck auf die Antisemiten in Rußland gemacht, die den polnischen Denunziationen blind Glauben geschenkt hatten. Behördlicher Antisemitismus in Galizien. Der „Jüdische Nationalverein in Österreich hat an den Justizminister ein Beschwerdeschreiben gerichtet, in welchem gegen die antisemitische Äußerung des Staatsanwaltssubstitutes M a r s z a 1 i k gelegentlich einer Gerichtsverhandlung in Neu-Sandez Einspruch erhoben wird. In dem Protest heißt es unter anderem: „In seinem Schlußantrag verstieg sich der Vertreter der Anklage, Staatsanwaltssubstitut Marszalik, vor einem zahlreichen Auditorium zu folgender Expektoration: Die Ethik der Gemeinschaft, zu welcher der Angeklagte Stöger gehört, ist nicht die Ethik des Christentums, welche auf dem Grundsatze „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" beruht. Im Gegenteil lehrt doch der Talmud, daß die Rache an dem Goj eine gerechte Sache ist." Von der völligen Unrichtigkeit des staatsanwaltschaftlichen Zitates abgesehen, ist diese deplazierte Behauptung des St.-A.-Subsitutes Marszalik geeignet, Haß und Verachtung gegen die Judenschaft als eine gesetzlich anerkannte Religionsgesellschaft in nichtjüdischen Be-

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