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Das jüdische Echo · 1915-11-26 · 47 (26.11.1915) · p. Seite 392

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
47 (26.11.1915)
Date
1915-11-26
Page
Seite 392 (sequence 4)
Language
German
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392 Das Jüdische Echo Gebiete vorbereitet. Alle Bruchteile der Gesellschaft haben sich in ein einmütiges Ganzes verschmolzen. Übrigens abgesehen von der Verwirklichung der großen und kleinen Hoffnungen, haben die Polen verstanden, daß die Niederlage des Dreiverbandes (Rußland, Frankreich und England) sie zur Beute des Germanismus machen würde. Ganz anders stellt sich die Situation der Juden dar, welche innerhalb der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in Deutschland, Österreich und Ungarn nicht nur Gleichberechtigung erworben haben, sondern sich dieser Länder vermittels ihrer Finanzen, ihres Handels, ihrer Presse und politischer Einflüsse bemächtigt haben. Während in Deutsch-Polen die Polen sich im Kampfe mit den Deutschen eine wunderbare Zähigkeit erworben haben, ist das polnische Volk in Galizien, diesem Stiefsohn der Habsburger, mit Freiheitsdekorationen getäuscht und der Grundlagen des Daseins beraubt worden, es muß in Armut und Rückständigkeit vegetieren. Allein über dieses Galizien, über die ganze schwarz-gelbe Monarchie, über die auf ihre Freiheiten stolzen Ungarn und über den Verbündeten und Vormund aller beiden, den prächtigen Wilhelm, hat immer höher und höher sein gläubigerisches Szepter der ungekrönte Herrscher Israel gehoben. Dieses Israel, welches keinen König brauchte, weil sein Lord Rothschild der Jude aller Könige ist." Nachher kommen Ausführungen, daß die jüdischdeutsche Koalition in Rußland die Revolution hervorgerufen habe, daß sie Stolypin ermordete, die Ruthenenbewegung in Galizien gestützt, die polnisch-sozialistische Partei gegründet habe, welche einen Aufstand in Polen plante, daß sie gegen das russisch-französische Bündnis intrigiert, verschiedene Streiks heraufbeschworen und überhaupt alles Böse in Rußland und Polen verübt habe. Selbst die Redaktion der „Gazeta Warszawska" begann nun mit Denunziationen auf folgende Weise: „Alle Sympathien ziehen die Juden zu den Deutschen: es lockt sie nicht nur die Sprachenverwandtschaft, sondern vor allem die Aussicht, gemeinsamen Einfluß auszuüben, finanzielle Macht zu erwerben." Das war die Stellungnahme derjenigen Zeitungen, welche sich zu der sogenannten russischen Orientierung bekennen. Die anderen, welche, wie sich später herausgestellt hat, der österreichischen Orientierung huldigten, hatten damals ein ganz geringe Bedeutung. Ihr Leserkreis war klein. Am liebsten haben sie die Judenfrage gänzlich totgeschwiegen. Es gab aber Augenblicke, in denen sie aus ihrer Reserve heraustraten. Nicht, Gott bewahre, um die Juden gegen die antisemitische Orgie in Schutz zu nehmen, o nein! „Goniec", „Prawda", „Widnokrong" ergriffen das Wort, um auch ihrerseits gegen die Juden zu hetzen. Der „Goniec" hat sich vor Ostern erinnert, daß ungeachtet des Krieges der Boykott weitergeführt werden müsse, und alle drei zusammen überfielen mit den unanständigsten Schmähungen Georg Brandes, weil er es gewagt hatte, die polnischen Schwarzhundertler zu brandmarken. Ebenso haben sie sich mit einer rührenden Einstimmigkeit auf die jüdische. Sprache gestürzt. Aus der Reihe derartiger Artikel möchte ich nur folgendes Zitat aus der Feder des Chefredakteurs des „Widnokrong", Herrn W. Bzymowski, dessen Artikel später als Broschüre erschienen ist, anführen: ,In der verkrüppelten deutschen Sprache, welche das Jargon darstellt, kann nur eine verkrüppelte Seele hausen. Jargon ist nur eine Sprache der jüdischen Knechtschaft und ein Stempel ihrer Abhängigkeit von der preußisch-deutschen Kultur, aber niemals eine Sprache der Freiheit und der nationalen Selbständigkeit . . . Während in der Hitze des Kampfes gegen das Germanentum Rußland plant, aus den Schulen des ganzen Reichs die Sprache von Schiller und Goethe zu verdrängen, will die russische Demokratie für immer und ewig die in dem Munde von den Feinkind und Davidson verkrüppelte deutsche Sprache befestigen . . ." Die heftigste polnische Agitation gegen die jüdische Sprache ist bald von Erfolg gekrönt worden. Der letzte Angriff gegen sie erschien in der „Gazeta Warszawska" und „Dwa Grosze". Diese Organe der leitenden Partei haben daran erinnert, daß laut dem Statut des Grafen Wielokolski, welches nach wie vor in Polen gelte, der öffentliche Gebrauch der jüdischen und hebräischen Sprache verboten sei. Drei Tage später wurden alle jüdischen Zeitungen unterdrückt. Ein Volk, welches die leisesten Maßnahmen gegen eine Sprache als Barbarismus stempelte, hat es fertig gebracht, dem jüdischen Volke den Mund zu stopfen! Erst als die „Barbaren" Warschau besetzt hatten, sind die jüdischen Zeitungen wieder erschienen. Als die Russen Polen verließen, übernahmen die Polen die Zivilverwaltung des Landes. Man gründete Bürgerkomitees, eine Stadtmiliz, und auch die Rechtspflege ist in ihre Hände gekommen. Wie die Polen diese ihre Macht speziell gegen die Juden ausgeübt haben, kann hier nicht im einzelnen geschildert werden. Unaufhörlich wurden die Juden schikaniert, bedrängt und entrechtet, und es kam so weit, daß die deutsche Behörde sich trotz der Stimmung der deutschen Politik, die den Polen gerne entgegenkommen wollte, gezwungen sah, die polnischen Gerichte überall zu schließen, in manchen Ortschaften die polnische Miliz abzuschaffen und sogar das polnische Zentralkomitee aufzuheben. Noch jetzt, nachdem die Russen aus dem Lande verjagt sind, merken die Polen nicht die große Verwüstung und Vernichtung, welche die Russen in diesem Lande zurückgelassen haben — auch in den Seelen des polnischen Volkes. Auch die Tatsache, daß die polnischen antisemitischen Hetzblätter von den Russen unterstützt werden, hat die Polen über die Schädlichkeit ihrer antisemitischen Agitation nicht aufzuklären vermocht . . . Das ist das moralische Resultat der Knechtung und Unterdrückung eines früher so stolzen, ritterlichen und edelgesinnten Volkes.. Es gab die Unterdrückung und Knechtung nach unten hin weiter. Das gibt viel zu denken und jedenfalls ist diese Tatsache sehr bedeutungsvoll bei der Lösung des schwersten sozialen Problems: des Problems der Nationalitätenfrage. Zur Stimmung unter den russischen Juden Von A. F., München. Die Russen sind wohl das einzige Volk der Welt, das das Privilegium zu haben glaubt, für alle Vorgänge im Lande nicht verantwortlich zu sein. Wenn man einen Russen wegen der einen oder anderen russischen Gemeinheit interpelliert,

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