Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 47 (26.11.1915)
- Date
- 1915-11-26
- Page
- Seite 391 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47 Das Jüdische Echo 391 Aber der assimilatorische Politiker vergißt, daß wir schon, nur um ihn kalt zu stellen, uns in die polnische Judenfrage mischen müssen, und daß schließlich nicht Polen Deutschland, sondern Deutschland Polen erobert hat. Er findet es weiter unerhört, daß der deutsche Jude für Polen eine jüdische Autonomie fordert, während er ein gleiches für Deutschland nicht zu fordern wagt. Aber der mosaische Pole vergißt, daß in Deutschland erst jeder hundertste Mensch ein Jude ist, in Polen aber jeder sechste, und daß die Juden Deutschlands insgesamt schon vor hundert und mehr Jahren den lebendigen Zusammenhang mit den jüdischen Massen verloren haben, während sie selbst, die „Polen mosaischer Konfession" innerhalb der polnischen Judenheit nur einen kleinen Prozentsatz den deutschen Juden analoger Elemente darstellen und dabei noch, wenigstens örtlich, mitten unter den jüdischen Massen wohnen. Wenn die Assimilation der deutschen Juden an die deutsche Kultur in Folge ihrer äußeren Zusammenhangslosigkeit mit den jüdischen Zentralmassen noch verständlich ist, so kommt die Assimilation polnischer Juden an die polnische Kultur einem Verrat an der eigenen Volkssache gleich, (m.) Polnisch-jüdische Beziehungen *) Von M. F. Seid mann. In Polen wütet jetzt der heftigste Antisemitismus. Die antisemitische BeNvegung hat in diesem Lande Formen angenommen, die an wilden Ausbrüchen nicht mehr zu übertreffen sind. Es wird und muß eine Reaktion eintreten, und bei dem Charakter des polnischen Volkes^ bei seiner Heftigkeit und dem Temperament, mit dem es gesegnet ist, kann man fast mit mathematischer Sicherheit voraussagen, daß innerhalb einer kurzen Periode (im historischen Sinne gemeint) auf diese antisemitische Bewegung eine philosemitische folgen wird. Das ist um so wahrscheinlicher, da das polnische Volk sich schon früher vielfach durch seinen Philosemitismus auszeichnete. Unter den westeuropäischen Völkern war dieses das philosemitischste. In keiner europäischen Literatur haben die größten Dichter und Künstler so viele Werke der Liebe und Achtung den Juden gewidmet, wie in der polnischen. Wie entstand die antisemitische Bewegung in Polen? Wie schon bemerkt, herrschte bis vor kurzem in Polen eine außerordentlich philosemitische Stimmung. Die polnischen Nationalliberalen, welche die stärkste politische Partei Polens darstellen, schlössen sich zuerst der antisemitischen Richtung an. Diese Partei hatte sich das Ziel gesteckt, eine Verständigung mit den Russen herbeizuführen, und es scheint, daß von ihr die antisemitischen Tendenzen weniger aus innerer Überzeugung heraus aufgenommen wurden, als um den Russen damit eine Gefälligkeit zu erweisen. Den Russen waren diese Tendenzen außerordentlich genehm. War doch immer die russische Politik darauf gerichtet, Zwietracht und Haß unter den verschiedenen Nationalitäten des. Reiches zu säen, um auf diese Weise die eigene Vergewaltigungspolitik durchführen zu können. Um diese Tendenzen bei den polnischen Nationalliberalen *) Aus „Die Glocke", Sozialistische Halbmonatsschrift, herausgegeben von Parvus. Nr. 6. zu stärken, brachte man es fertig, in der Hauptstadt Polens den Juden die Majorität bei den Wahlen in der Duma zu sichern. Man hoffte dadurch die Polen zu überzeugen, daß die Juden eine Gefahr für das polnische Land darstellen, und man wollte so die Polen gegen die mächtige Stellung, die die Juden im Herzen Polens inne hatten, aufreizen. Bei einer etwas klügeren Politik von seiten der Polen hätten sie diese Provokation durchschauen und ihren Haß nun erst recht gegen die Russen richten müssen. Das paßte aber nicht zu der Taktik der Nationalliberalen und sie gingen auf die Provokation der Russen ein. Man verlangte von den Juden, daß sie mit ihrer Majorität einen polnischen Nationalliberalen wählen sollten, und als die Juden den Nationalliberalen die politische Gretchenfrage stellten: Wie halten es die Nationalliberalen mit der Gleichberechtigung? da hielten es die stolzen Polen für notwendig, gerade diese Frage nicht zu beantworten. Die Juden wählten nun zum Abgeordneten von Warschau nicht einen Nationalliberalen und auch nicht etwa einen eigenen Abgeordneten, sondern einen peinischen Sozialdemokraten. Sie gaben ehrlich zu, daß von der polnischen Hauptstadt ein echter Pole in die Duma kommen müsse. Dann kam die Antwort der Nationalliberalen auf diese „Kränkung". Sie proklamierten den Boykott der Juden seitens der polnischen Bevölkerung, und mit diesem Moment begann der Teufelstanz. Die polnischen Freidenker und Progressisten, die früher die Nationalliberalen am heftigsten bekämpft hatten, schlössen sich der Hetze an. Die Losung des Boykotts wurde auch von diesen Parteien aufgenommen. Die Einzelheiten dieser Boykottbewegung hier zu sxhildern, würde zu weit führen. Ich möchte nur die polnische antisemitische Bewegung seit Ausbruch des Krieges in kurzen Worten schildern und Belege, nicht etwa von der nationalliberalen und antisemitischen, sondern nur von der progressiven und fortschrittlichen Presse liefern. So z. B. hielt es der polnische Progressist Aleksander Swientochowski für notwendig, in der „Gazeta Warszawska" vom 25. Januar 1915 die Juden als Deutschenfreunde bei den Russen zu denunzieren: „Vom Anfang des Krieges an hat sich in der öffentlichen Meinung unserer Gemeinschaft eine Überzeugung befestigt, daß die hiesigen Juden den Wirrwarr in den ökonomischen Verhältnissen mittels verschiedener Spekulationen ausnutzen und — was am schlimmsten ist — daß sie mit den Deutschen sympathisieren, daß sie sich über ihre Siege freuen und daß sie sie sogar mit Taten unterstützen. Man hat sich Hunderte von Ereignissen erzählt, wo man sie sogar auf frischer Tat erhaschte." Eine ständige judenfresserische Tätigkeit, bei der eine Denunziation die andere jagte, hat der berüchtigte polnische Freidenker Andrezej Niemojewski entwickelt. Seine Zeitschrift „Mysl Niepodlegla" (Unabhängiger Gedanke) hat er seit Kriegsausbruch beinahe ausschließlich der antisemitischen Agitation gewidmet. Als Beispiel zitiere ich auszugsweise folgende Sätze aus einem Artikel, welcher die vielsagende Überschrift: „Das deutsch-jüdische Bündnis" trägt: „Auf die erste Nachricht vom Kriege mit den Deutschen hat das polnische Volk vermittels seiner gesunden Intuition es verstanden, daß ein Kampf mit seinem uralten Feinde begann. Die im glänzenden Verlauf der Mobilisation offenbarte Haltung der polnischen Bevölkerung hat den Boden der Losung der Vereinigung der polnischen