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Das jüdische Echo · 1915-11-26 · 47 (26.11.1915) · p. Seite 390

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
47 (26.11.1915)
Date
1915-11-26
Page
Seite 390 (sequence 2)
Language
German
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390 Das Jüdische Echo Nr. 47 die Polen noch reichllich alle Gelegenheiten wahrgenommen, die polnischen Juden bei der russischen Regierung als Freunde der Deutschen zu denunzieren (siehe ebenfalls den nächsten Artikel). Die deutsche Eroberung Polens hat zugleich die Befreiung der Völker Polens in greifbare Nähe gerückt. Der deutsche Gerechtigkeitssinn wird alle Mißverhältnisse in Polen zu ordnen suchen. Erst in diesem Augenblick beginnt der „Pole mosaischen Glaubens" zu begreifen, daß das jüdische Volk aufgehört hat, sich seiner gewissenlosen Führung anzuvertrauen. Erst jetzt erzeugt sich in ihm eine Art Reusgefühl für Unterlassungssünden (besonders die versäumte Beeinflussung der jidischen Presse), erst jetzt versteht er, daß er die Unanfechtbarkeit seines eigenen Polentums sich nicht nur in den polnischen Salons hätte bestätigen lassen sollen, sondern auch in der jüdischen Gasse. Erst jetzt erkennt er die furchtbare Gefahr die seine Entfremdung von den jüdischen Massen mit sich gebracht hat. Das jüdische Volk wurde zu einer selbstbewußten Nation ohne ihn oder besser: trotz seines Widerstandes, und er sieht sich ausgeschaltet von jedem ernsthaften Einfluß auf diese Massen. Gerade in dem entscheidenden Augenblick, wo er seine „mosaischen Glaubensgenossen" den Polen gleichsam als selbstverständliches Geschenk „präsentieren" sollte, versagt die Maschinerie und er fühlt sich ohnmächtig, den polnischen Wunsch zu erfüllen. Diese Ohnmacht des mosaischen Polen aber kompromittiert ihn bei seinen „Konnationalen" und untergräbt seine Stellung im polnischen Nationallager. Die Angst vor dieser drohenden Gefahr treibt den jüdischen Nationalpolen aus den Salons auf die jüdische Gasse, und dort sucht er in letzter Stunde zu retten, was zu retten ist. Man sollte glauben, daß der „Pole mosaischen Glaubens", der sich so viel auf seine höhere Kulturstufe den jüdischen Massen gegenüber einbildet, wenigstens so viel Takt besessen hätte, um mit dem polnischen Juden eine diplomatische d. h. anständige Sprache zu führen. Schon eine einfache, klare Überlegung hätte ihn zur Erkenntnis bringen müssen, daß der Ohnmächtige allen Grund hat, dem Mächtigeren gegenüber eine maßvolle Haltung zu bewahren. Statt dessen tritt der polnische Assimilant, der jeden moralischen Einflusses auf die jüdischen Massen bar ist, mit der Arroganz eines unbedingten Beherrschers der Situation auf. Wir können uns der Albernheit dieses Vorgehens nur erfreuen. Denn diese Methode wird die polnisch-jüdische Assimilation bald zu Falle gebracht haben. Statt in der jüdischen Gasse das lange Versäumte nachzuholen, dort aufzumerken und zu lernen, was es Neues und bisher Unverstandenes gibt, rumort und poltert hier der jüdisch-polnische Intelligenzler wie in seiner Gesindestube. Statt zu begreifen, daß die Sprache, die ein Volk spricht, so wenig sie Außenstehenden gefallen mag, eben doch eine Sprache ist, die es lieben muß, wenn es anders sich selbst achtet (nach dem bekannten jidischen Sprichwort, daß eine krüppelhafte Mutter trotzdem eine Mutter sei), nennt er das Jidische einen abscheulichen deutschhebräisch-polnisch-russisch-amerikanischen Mischmasch ohne Grammatik und eigenen Wörter- .schätz, setzt er die jüdische Presse in den beleidigendsten Ausdrücken herab und spielt gegen die jüdischen Schriftsteller, die zumeist einseitige Nichtskönner seien und eines allgemeinen menschlichen Interesses mit wenigen Ausnahmen entbehrten, die polnischen Dichter und Literaten aus, welche angeblich mehr Deutschtum in sich haben als die jüdischen. Er glaubt irrtümlicherweise, daß polnische Größen wie die Brüder Sniadecki, Hoene-Wronski, Trentowski, Karol Libelt und August Cieszkowski mehr europäischen Ruf besitzen als die jüdischen Philosophen, die allerdings ihre Werke zumeist in hebräischer Sprache niederlegten (analog allen europäischen Gelehrten des Mittelalters und der Neuzeit bis ins vorige Jahrhundert, für welche die wissenschaftliche Sprache lateinisch war). Statt zu verstehen, daß es sich hier nur noch auf dem Weg von Zugeständnissen und der Wegräumung von jahrzehntelangen Mißverständnissen etwas zu erreichen gibt, wendet der polnische Assimilant die denkbar aussichtsloseste Methode der Beschimpfung des jüdischen Volkes und der Entwürdigung seiner selbstgeschaffenen Werte an. Das sind offenbar die Mittel der Ohnmacht und Verzweiflung. Der „Pole mosaischer Konfession" glaubt die Minderwertigkeit der jüdischen Kultur an Hand der polnischen, die er adoptiert hat, nachweisen zu müssen und vergißt dabei, daß es ihm doch schwer fallen würde, dem Volk der Bibel weis zu machen, daß sein einziges Glück im Nachbeten der polnischen Götter bestehe. Er hängt sich einseitig an die junge jidische Kultur, um sich um ihre hebräische Mutter herumzudrücken. Und in seiner äußeren Not und Verlegenheit scheut er sich nicht, mit dem polnischen Antisemitismus zu drohen. Er läßt es nicht im Unklaren, auf welcher Seite er zu finden sein würde, wenn der polnisch-jüdische Antagonismus zum Austrag käme. Als ob der polnische Antisemitismus ausstürbe, wenn die Juden sich ihrer nationalen Würde begeben hätten, indem sie die Polen bedingungslos als ihre Herren und Meister anerkennen würden! Das Höchste an Verkennung der tatsächlichen Lage aber ist es, wenn der jüdische Assimilant Polens bei ^ier deutschen Regierung Eindruck zu machen glaubt, indem er ihr die Gefahr der jüdischen Masseneinwanderung nach Deutschland in schwarzen Farben hinzustellen versucht. Er will es nämlich wahr wissen, daß eine jüdische Autonomie in Polen einen solchen Antisemitismus erzeugen würde, daß die Juden den Polen freiwillig das Feld räumten und nach Deutschland auswanderten. In dieser Argumentation, die der Gipfelpunkt künstlicher Verdrehung ist, liegt die ganze Lächerlichkeit der polnischen Beteuerungen hinsichtlich ihrer angeblichen Judenfreundlichkeit. Die Polen übertreffen also noch die russische Judenpolitik um ein Beträchtliches. Und ihrer Devise: entweder polnisch oder hinaus! klatscht der jüdische Assimilant Beifall! Wir wissen, daß auch die deutsche Regierung nicht geradezu judenfreundlich ist. Aber so viel Vertrauen haben wir, daß sie diese maßlos ungerechten Wünsche der Polen und ihrer Hausjuden gewaltig beschneiden werden. Der Pole mosaischer Konfession findet es unbegreiflich, daß wir deutschen Juden uns in „polnische" Angelegenheiten mischen. Es kommt ihm das so vor, als ob die polnischen Juden den deutschen Ratschläge erteilen wollten, wie sie im deutschen Heere Offiziere werden könnten.*) *) Vergleiche Bernhard Lauer in der Novembcrnummer der preußischen Jahrbücher.

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