Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 47 (26.11.1915)
- Date
- 1915-11-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9072829-9102856-9116253--00586-9073413- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag. — Bezugspreis: Viertel). M. 1.—, Halbj. M. 2.-, Ganzj. M. 4.—, Einzelnummer 10 Pf. — V er 1 a g „des Jüdischen Echos": München, Herzog Maxstr.4. — Redaktion: Norbert Weidler, München-Solln, Erikastraße 6. /Inzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 25 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Dieselbe für kleine Anzeigen 15 Pf. — Anzeigenannahme: Verlag „des Jüdischen Echos", München, Herzog \ Maxstraße 4. Fernsprecher: 8099. I Postscheckkonto: München 3987. [ Nummer 47 München / 2. Jahrgang 26. November m5 1915 Wochenkalender (5676) ljnn Nov. Kislev l^DD im Gottesdienste: Samstag 27 20 Morgens Hauptsyn. 872 Herzog Rud.-Str. 73/4 Sonntag 28 Sabbath-Äusgang 5.08 21 Montag 29 22 Dienstag 30 Dez. 23 Mittwoch 1 24 Donnerstag 2 25 pqjn Freitag 3 26 Sabbath-Eing.: Haupt - Synagoge 4.1S Herzog Rud-Str. 4.08 Inhalt! Dr* Max Mayer: Der Pole mosai- —— scher Konfession. — M. F. Seidmann: Polnisch - jüdische Beziehungen. — A. E.: Zur Stimmung unter den russischen Juden. — Weltecho. — Feldrabbiner Dr. Arnold Grünfeld: Was ich in Sambor sah. — J. F.: Morija und Golgatha. — Gemeinden- und Vereinsecho usw. Der Pole mosaischer Konfession Von Dr. M a x Mayer. Wäre Polen nicht von den Deutschen erobert worden, sondern unter russischer Herrschaft geblieben, so hätten wir vermutlich wenig Anlaß, uns mit dem sattsam bekannten Typ des „Polen mosaischer Konfession", der in den meisten Hinsichten das gerade Gegenteil des polnischen Juden darstellt, eingehender zu beschäftigen. Die unerhörte russische Judenpolitik hat ihn des Kampfes gegen den polnischen Juden, den er jetzt mit bewußter Fälschung so gern als einen Kampf gegen den „russischen Juden" hinzustellen beliebt, einigermaßen enthoben. Solange die russische Kosakenknute über dem armen polnischen Juden schwebte, ließ sichs der polnische Hausjude wohl sein und kümmerte sich wenig um dieses „religiös-nationalistische Pack" mit seiner „verkrüppelten Kauderwelschsprache", als welche er den polnischen Juden und seine Sprache zu bezeichnen sich gewöhnt hatte. Der polnische Jude aber wußte recht gut, daß er es in Polen nicht nur mit einem raffinierten Antisemitismus der Polen selbst zu tun habe, sondern daß ihm ein viel gefährlicherer Feind in dem „Polen mosaischer Konfession" mit seiner widernatürlichen Zerstörungssucht alles Gut-Jüdischen entstanden sei. Und er fand genug Innerlichkeit bei sich vor, um auf den Kampf gegen das äußere, hohle Gebahren der jüdisch-polnischen Assimilation verzichten zu können. Nur wenn der repräsentative polnische Israelit, um seinem polnischen „Grundherrn" zu gefallen, sich zerstörerische Eingriffe in das Leben des jüdischen Volkes erlaubte, schlug ihm der polnische Jude empfindlich auf die Finger. In den letzten zehn Jahren war dieser Antagonismus zwischen dem polnischen Juden schlechtweg und seinem Glaubensgenossen mit dem langen Namen akut geworden. Äußerlich hat sich in diesem Zeitraum wenig geändert. Aber das innere Kräfteverhältnis beider Parteien hat sich wesentlich verschoben. Während nämlich der polnische Assimilant sich seine Sache verhältnismäßig leicht gemacht hat, indem er für seine verlorenen jüdischen Werte sich ohne viel Umstände und mit der Gier des Parvenüs die polnischen Nationalwerte (zumeist nur in einem äußeren, oberflächlichen Sinne) angeeignet hat, damit auf allen Gassen und bei öffentlichen Gelegenheiten paradierte und sich auf seine jüngste Akquisition mächtig viel einbildete, indem er alle polnischen Genien als die seinen proklamierte: vertiefte der polnische Jude sein jüdisches Wissen von innen heraus durch Gründung ehrwürdiger Lehrhäuser (Jeschibos und Botte-Midroschim), durch ein ausgedehntes System jüdischer Volksschulen (Chadorim), durch Wiederbelebung der hebräischen Sprache und Literatur und durch Schaffung einer quantitativ und in den letzten Jahren auch qualitativ respektablen jüdischen Presse. Während der polnische Israelit sich im polnischen Nationaltheater und auf den Bällen der besseren Gesellschaft herumtrieb, wuchs der polnische Jude in seiner Abgesondertheit und seinem ernsten täglichen Lebenskampf. Aber seinem inneren Wachstum entsprach nicht der äußere politische Erfolg seines Auftretens. Die russische Regierung und, als allzu bereitwilliger Vollzieher ihres Willens, das polnische Volk wußten im unfreien Polen dieses sichtbare Wachsen des jüdischen Volksbewußtseins durch entsprechende Maßnahmen „auszugleichen", Es erübrigt sich, auf den wirtschaftlichen Boykott der Juden seitens der Polen als auf den Höhepunkt dieser „Maßnahmen" hinzuweisen (s. nächsten Artikel). Diesem furchtbaren und unmoralischen Wirtschaftskampf hat nicht der Krieg an sich, sondern erst die Eroberung Polens durch die Deutschen ein jähes Ende bereitet. Unmittelbar vor dieser Eroberung hatten