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Das jüdische Echo · 1915-11-12 · 45 (12.11.1915) · p. Seite 378

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
45 (12.11.1915)
Date
1915-11-12
Page
Seite 378 (sequence 6)
Language
German
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378 Das Jüdische Echo Nr. 45 Feuilleton Der Feldpostbrief Von Helene Hamerling. (Schluß.) Inzwischen mühte sich Jittel ab, sich auf ihre Weise in die neuen Verhältnisse zu finden. Ihr Mann brachte ihr einmal von seinem „Kriegsschauplatz" die Neuigkeit, daß man zu Chanuka die Parole ausgegeben, Liebesgaben an die Soldaten im Felde zu schicken, und sie ergriff mit Freuden die Gelegenheit, auch etwas Gutes und Nützliches tun zu dürfen. Gleich machten sich die alten Finger daran, emsig Strümpfe zu stricken, und gar bald lag ein Kistchen da, mit allerlei Gaben vollgepackt. Die Adresse der Absenderin schrieb Leib Morgenstern mit schöner, deutlicher Handschrift, und Jittel gab dem Päckchen allerlei liebe Wünsche mit auf den Weg ... Es verging einige Zeit, da erhielt sie einen Dankbrief, auf dem am Rande mit kleinen jüdischen Lettern, o welch' ein Wunder, geschrieben stand: „Ich wäre Ihnen, liebe, gute Frau, so herzlich dankbar, wenn Sie mir ein Siddur schicken wollten, da ich meines verloren habe". War es möglich? Ihr Päckchen war an einen jüdischen Soldaten gekommen, und was er sehnlich wünschte, war ein Siddur. Sie sah mit strahlenden Augen auf den kleinen Brief und betrachtete ihn immer und immer wieder von neuem, wie wenn heilsame Wunderzeichen darauf ständen. Ihre Freude war unbeschreiblich, sie ging auf und ab, und hin und her, und machte so viel unnötige Bewegungen wie nie zuvor! Sie war ganz aus dem Gleichgewicht geraten. Wie ein warmer Sonnenstrahl waren die wenigen Zeilen in ihr Stäbchen geraten. Sie fühlte sich gar nicht mehr einsam. Da war ein junger, schöner, frischer Bursche, der im Felde lag, an den sie nun denken, dem sie alles gut beschaffen mußte, für den sie von jetzt ab zu sorgen hatte. Alles was sie nur zusammenzutragen imstande war, breitete sie auf ihrem kleinen Arbeitstisch aus, denn das alles sollte für ihn sein. Da lag ein großer Haufen weicher, wollener Leibwäsche, mehrere Paar Strümpfe, Socken und Pulswärmer. Aus einer kleinen, hübsch verschnürten Schachtel dufteten Mürbekuchen, die sie selber gebacken, daneben lag eine große Düte frischer Orangen und Äpfel, und weiterhin einige Kartons mit Zigarren und Zigaretten. Den ganzen Nachmittag hatte sie in der Speisekammer herumgekramt und all die köstlichen Schätze hervorgeholt, die sie dem lieben Jungen schicken wollte. Und obenauf sollte das Gebetbuch liegen, in prächtigem schwarzen Ledereinband, mit einem Mögen Dovid darauf und schönem, schimmernden Goldrand ... Sie strich mit zitternden Fingern zärtlich über jede einzelne der Kostbarkeiten. Und dem ersten Kistchen folgten viele, und dem ersten Briefe folgten andere, deren Ton immer herzlicher und zutraulicher wurde. Wie sie das glücklich machte. Sie lehnte sich selig lächelnd in den Stuhl zurück und träumte von einer schönen Zukunft. Wie gut und mitleidvoll der liebe Gott mit ihr war, daß er ihr jetzt auf ihre alten Tage einen jungen Sohn gesandt. Und eines Morgens wird er hereinkommen, durch diese Tür, in die kleine Stube. Es wird ein frischer, strahlender junger Mensch sein, mit lachenden, leuchtenden Augen, alles wird gleich sonnenhell im Zimmer werden. Und er wird ohne Umschweife an sie herantreten, sie fest umarmen und küssen. Mütterchen, wird er sagen, jetzt bin ich da, und fortan werdet Ihr beide nicht mehr einsam sein. Ich werde bei Euch sitzen. Wir werden zusammen speisen, zusammen plaudern. Und in den stillen Winternächten, wenn es draußen friert und Eisblumen an den Fenstern hängen, werde ich Euch erzählen, wie es draußen war, im wilden, stürmischen Krieg, wie wir uns geschlagen, wie wir gekämpft, wie wir tapfer zueinander gehalten, wie arg es manchmal wütete, doch immer ging es vorwärts, mitten im Kanonendonner und Windgeheul, und der Kamin wird leise summen, summen .... Und eines Tages wird er ihr ein schönes, braunäugiges Mädel bringen und sagen: Siehst Du, Mütterchen, die hab ich gern, die will ich mir zur Frau nehmen. Und sie wird sie in ihre Arme schließen und ihre weichen, weißen Wangen streicheln, und das Köpfchen nehmen und es segnen und es küssen, viele, viele Male .... Und wenn einst die Sturde des Sterbens gekommen sein wird, so wird man sie nicht einscharren, unbeweint ... Sie werden Menschen zurücklassen, die zu ihnen gehören, die um sie trauern und einen Sohn, der nach ihnen Kaddisch sagen wird ... So könnte Jittel stundenlang dasitzen und träumen und alles um sich herum vergessen. Da plötzlich schreckte sie ein Pochen an äer Tür auf. Der Briefträger war draußen und übergab ihr einen Brief, der aus dem Felde kommen mußte, denn er trug keine Briefmarke. Sie öffnete hastig, blieb aber enttäuscht stehen, denn er war deutsch geschrieben . . . Wie seltsam, ihr Kind hatte ihr doch bisher stets jüdisch geschrieben. Er wußte doch, daß sie deutsch nicht lesen konnte. Mit Spannung und Ungeduld erwartete sie die Ankunft ihres Mannes und streckte ihm schon auf der Schwelle den Brief entgegen, eine ängstliche Neugier in den Zügen. „Aber so laß mich doch erst den Überzieher ablegen", sagte er, verwundert den Kopf schüttelnd. Dann setzte er sich die Brille auf und begann: „Bei einem furchtbaren Angriff der Russen auf unsere Kompagnie, die Kugeln sausten um uns herum und ich sah einen nach dem anderen von meinen lieben Kameraden umsinken" ... er stockte . . ., schob die Brille etwas tiefer, durchflog den Rest des Briefes mit den Augen und rief hastig aus: „Aber das ist ja garnicht von ihm. Es muß ein Irrtum sein, sicher ein Irrtum". Er wischte noch einmal an seiner Brille herum und war eben im Begriff, den Brief in die Tasche zu stecken, als Jittel ihn anherrschte: „Lies weiter". Das hatte so rauh und bestimmt geklungen, daß er erschreckt zusammenfuhr und mechanisch weiter zu lesen begann. „Damals fiel auch Ihr Sohn, liebe Frau. Aber er dachte Ihrer. Schon sterbend, hat er gehaucht: Grüß' Mütterchen, und Dank für alles". Sie nahm ihrem Manne den Brief leise aus der Hand und las und las . . . Die Augen wurden trübe, die Wangen färbten sich aschgrau und fielen mlerklich zusammen. Und Wann quollen zwei schwere, dicke Tränen aus ihren Augen und fielen auf den Brief. Sie verwischten die Zeilen und zeichneten merkwürdige, seltsame Figuren darauf . . . Jittel hatte den Brief fallen gelassen, der Kopf sank schwer auf die Tischkante, und ein leises, schmerzliches Schluchzer, füllte die tiefe Stille des Zimmers . . . Leib Morgenstern saß da, er wagte nicht, sich zu rühren, nur die Lippen bebten leise, und sein Bart wackelte gar seltsam........

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