Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 45 (12.11.1915)
- Date
- 1915-11-12
- Page
- Seite 375 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 Das Jüdische Echo 375 für die deutschen Juden reklamiert, sind folgende: vor allem erhofft er sich für die jüdische Religionsgemeinde neben den anderen Kirchengemeinden im deutschen Staate die „fernere Durchführung ihrer Gleichberechtigung" und im Zusammenhang damit die Öffnung der Universitätspforten für die Wissenschaft des Judentums zum Zwecke der ethischen Fortentwicklung des Monotheismus. Ferner fordert er: „daß der Ausschluß der jüdischen deutschen Studenten von studentischen Korporationen und Verbindungen als „gegen die guten Sitten" verstoßend, schlechterdings verschwinde. Er widerspricht der Achtung, die dem jüdischen Profesor geschuldet wird. Wer mich nicht seiner sozialen akademischen Gemeinschaft würdig hält, sollte auch meine Vorlesungen meiden und meine Belehrung verschmähen".*) Cohen glaubt schließlich, daß die Gleichberechtigung der Juden in Deutschland tiefer wurzle als überall sonst. Daher seien die deutschen beschränkten Judenrechte von höherem Werte für den religiösen Fortbestand des Judentums als die scheinbare absolute Gleichberechtigung der Juden des Auslandes. „Überall in der Welt mögen die Juden mehr und höheren Anteil gewinnen in den politischen Rechten und an den Ressorts der Verwaltung: wir deutsche Juden ersitreben diesen Anteil auf Grund des uns innerlich zugesprochenen Anteils an der deutschen Sittlichkeit, an der deutschen Religiosität". * * » Es ist keine zufällige Ironie, daß Cohen in seiner Arbeit ohne Zweifel Kulturphilosoph des Deutschtums und Judentums sein wollte und, ohne das zu beabsichtigen, einseitiger Apologet des Judentums wurde. Wer dem Begriff der jüdischen Daseinsform dadurch Gewalt antut, daß er von seiner volksartigen Existenz nichts wissen will, wird trotz allien philosophisch-kulturgeschichtlichen Steuertalents Gefahr laufen, an der apologetischen Charybdis zu scheitern. Aber daß ein Cohen diese Gefahr nicht zu vermeiden wußte, das ist das Erstaunliche an seinem Buche. Denn daß dieser akademische Philosoph nicht die Absicht hatte, das Judentum dem Deutschtum gegenüber zu verteidigen oder zu entschuldigen und gleichsam den zahlreichen Werken der jüdischen Apologie noch eine Schrift hinzuzufügen, tritt fast auf jeder Seite seiner Abhandlung klar zu Tage. Es ist nicht die durchschnittliche und rein zweckbedachte, listige Apologie unserer „Abwehrler" (der wir auf Schritt und Tritt in der jüdisch - assimilatorischen Blätterwelt zu begegnen gewöhnt sind), sondern die ehrliche Arbeit eines Weltfremden und Verblendeten, die weniger zum scharfen, verletzenden Widerspruch herausfordert, als zu einem rein sachlichen Nachweis von Irrtümern und einer ruhigen Entgegensetzung des eigenen aus dem wirklichen Leben geschöpften Standpunktes. Cohens Klinge ist, das muß festgestellt werden, nicht tückisch, sondern stumpf. Es liegt, wie schon erwähnt, nicht in der Absicht dieser Kritik, auf all die kleinen und gro- *) Es ist charakteristisch für die Enge seines Gesichtskreises, wenn der Universitätsprofessor sich so eingehend auf diesen in Hinsicht auf die großen und prinzipiellen Forderungen ziemlich nebensächlichen Punkt einstellt. ßen sachlichen Irrtümer Cohens*), die sich wie die Perlen einer bunten Kette aneinanderreihen, einzugehen. Besonders da wir wissen, daß ein Nachweis bloßer Irrtümer sehr häufig dem Geiste einer Schrift wenig Abbruch tut. Aber gerade der Geist der Cohenschen Apologie ist es, den ad absurdum zu führen es uns hier ankommt. Wir wollen heute mit Hermann Cohen nicht darüber rechten, ob alle für ihn so tief begründeten inneren Beziehungen zwischen Deutschen und Juden wirklich so tief innerlich sind, wie er es uns glauben machen möchte, und nicht die Frage aufrollen, weshalb bei so großer innerer Wesensharmonie die deutsche Seele sich so wenig verständnisvoll und entgegenkommend den Juden gegenüber geäußert hat. Wir wollen nicht darüber streiten, ob das ganz vereinzelt dastehende Beispiel Süskind von Trimbergs, der übrigens weder von seinen Zeitgenossen noch von den Literaturhistorikern sonderlich geschätzt wird, wirklich dazu berechtigt, von einer inneren Anteilnahme der Juden an der mittelalterlichen deutschen Poesie zu sprechen. Und ob Jehuda der Fromme (aus Regensburg) mit gutem Gewissen als das Analogon der deutschen Mystik angeführt werden darf, besonders wenn man bei der Beweisführung nur ein kleines, einem Dritten **) entlehntes Sätzchen darüber zu sagen weiß? Und ist der von den Juden hie und da gebrauchte Ausdruck „Meister" statt „Rabbi" wirklich so vielbedeutend? Und wird die angeführte Auslegung einer Gebetsstelle durch Mose Isseries, von der doch noch der Nachweis zu liefern wäre, daß sie bei Isseries eine zentrale Stellung einnahm, mit Recht als Zeugenschaft für das Weltbürgertum des Judentums aufgerufen? Und hat Cohen Gaon Saadjas Ausspruch, daß die jüdische Nation nur durch ihre Lehren Nation sei, nicht absichtlich mißverstanden, wenn er sie zum Beweise dafür anführt, daß Israel eben keine Nation sei? Man kann es auch füglich für abgeschmackt halten, Luzzatto für das deutsche Judentum in Anspruch zu nehmen, denn das ist die Methode Chamberlains, der Dante zum Germanentum rechnet. Aber alle diese „Kleinigkeiten", mit denen *) Eine kleine Blütenlese dieser notorisch feststellbaren Irrtümer würde sich nicht schlecht lohnen. Ich will im Vorübergehen nur auf zwei in Hinsicht auf die vorauszusetzende große Gelehrsamkeit Cohens doppelt peinlich berührende „Versehen" hinweisen. Cohen spricht von einer deutschen Zeitschrift „Der Sammler". Mir ist eine solche nicht bekannt. Dagegen gab die „Gesellschaft der Freunde der hebräischen Literatur" eine hebräische Zeitschrift mit dem Namen „Hameassef" (der Sammler) heraus. Ferner betont Cohen, daß die deutschen Juden den „Jargon" nie gekannt hätten. Es ist interessant, neben diese Behauptung eine Stelle aus Ludwig Geigers bekanntem Buche: „Die Juden und die deutsche Literatur" zu halten. Dort heißt es S. 19: „Als Kontrast gegen Mendelssohns Deutschtum, als Zeugnis, wie wenig deutsch auch die materiell ungemein günstig gestellten Juden verstanden, wäre der Brief des alten Rothschild, 22. August 1780 (von mir veröffentlicht in der Frankfurter Zeitung 1904) anzuführen, in dem eigentlich kein Wort ganz richtig geschrieben ist". **) Cohen zitiert Zunz, indem er von Jehuda sagt: „Einem Ideal der Erkenntnis und der Frömmigkeit hingegeben, schritt sein Leben und sein Wesen über die Zeitgenossen hinweg".