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Das jüdische Echo · 1915-11-12 · 45 (12.11.1915) · p. Seite 374

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
45 (12.11.1915)
Date
1915-11-12
Page
Seite 374 (sequence 2)
Language
German
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Gedankens und Gefühls hin nicht nur der deutschen Musik wesensgleich, sondern geradezu durch sie weiterbildbar. Der Kontakt der deutschen Juden mit ihrer deutschen Umgebung sei von jeher innerlicher gewesen als der der nichtdeutschen Juden mit ihrer Umgebung. „Hier (in Deutschland) waren sie seit den Vorzeiten Germaniens ansässig, hier blieben sie bodenständig, hier werden sie niemals vollständig ausgetrieben, wie anderwärts, wie in Frankreich und in England; hierher kehren auch solche wiederum zurück, die, wie nach Polen und Rußland, von hier ausgewandert waren, als die schrecklichen Verfolgungen beim schwarzen Tode in Deutschland überhand nahmen. Hier können selbst die großen Verheerungen, die mit den Kreuzzügen begannen, sie geistig von dieser (deutsch-) nationalen Wurzel nicht losreißen." Auch an der deutschen Minnesangliteratur habe sich ein Jude, Süskind von Trimberg, beteiligt, während die Troubadours sich dieser Anhänglichkeit seitens der französischen Juden nicht erfreuten. Die deutsche Mystik finde in Jehuda dem Frommen ein jüdisches Gegenstück. Juden beteiligten sich eifrig an der Bearbeitung deutscher mittelalterlicher Heldenstoffe (Artussage, Schmied Wieland, Tristan und Isolde, Eulenspiegel, Parzival). „Das Wichtigste aber ist, daß diese deutsche Literatur der deutschen Juden in reinem Deutsch geschrieben wird . . . Der Jargon ist weder in der Schrift, noch im mündlichen Gebrauche, in Deutschland bis dahin bekannt. Dieses Judendeutsch ist in Polen entstanden und nach Deutschland erst durch die polnische Rückwanderung eingeführt worden. So lebten die Juden trotz aller Schranken dennoch weder geistig noch seelisch in innerlicher Isolierung vom deutschen Leben. Es ist vielleicht kein kleinliches Symptom, daß sie sogar bei der Anrede an den rabbinischen Lehrer nicht des Wortes Rabbi sich bedienten, sondern des ,Meister'". Daß Mendelssohn und Lessing als leuchtender Beweis der Kongenialität und Verschmelzung deutschen und jüdischen Geistes von Cohen reichlich verwertet werden, ist nur natürlich. Mendelssohn habe den deutschen Juden die deutsche Sprache gegeben und sie von dem „Jargon des Weltjudentums" befreit. „Die Sprache sollte das Mittel werden zu ihrer Erlösung aus dem Ghetto". Mendelssohn habe „das Deutschtum zu einer Lebenskraft des Judentums herangezogen. Er bleibt der Reformator des Judentums, weil er mit dem Geiste des Deutschtums das Judentum erfüllte, und dessen Weltmission dadurch von neuem auf ihr prophetisches Ziel hingelenkt wurde, das bis auf jene Tage noch verdunkelt blieb". Herders Abhandlung über den „Geist der ebräischen Poesie" ist Cohen ein willkommenes Zeugnis dafür, wie sehr der deutsche Geist den jüdischen zu erfassen im Stande sei. Aber worin vor allem Deutschtum und Judentum untrennbar verwandt seien, das sei ihre gleichheitliche Auffassung des Begriffs Weltbürgertum. Freilich habe nur der nationale Geist diesen Weltgeist erzeugen können. Der nationale Geist und der religiöse stammten aus derselben Wurzel. Trotz alledem aber habe dem Juden die weltgeschichtliche Perspektive des Messianismus „niemals ganz verdunkelt werden" können. Schon Gaon Saadja habe im 9. Jahrhundert den Ausspruch getan, der auch im 20. noch nicht überflüssig geworden sei: „Unsere Nation ist Nation nur durch ihre Lehren". Mose Isseries aus Krakau habe die Gebetformel: „er gedenket des Bundes der Väter" folgendermaßen gedeutet: Es heiße nicht, des Bundes unserer Väter, damit alle Menschen in diesen Bund Gottes eingeschlossen werden könnten. Den Ghettojuden sei ihr eigenster Messias als der Weltmessias abhanden gekommen. „So hatte das Ghetto und die beständige Furcht vor Verfolgung ihren Blick verengert und verdunkelt". Jetzt aber sei ihnen der Messias im deutschen Geiste wieder erstanden. Durch den jungen Abraham Geiger sei das Judentum zuerst wieder als Weltreligion verkündet worden. Das deutsche Judentum sei aber von zentralem Einfluß auf das Judentum aller Länder geworden und geblieben. Mendelssohn habe die deutsche Predigt in den Kult eingeführt. Aber bei der Predigt sei es nicht verblieben. Auch die jüdische Wissenschaft bediene sich seit jener Zeit der deutschen Sprache. Zunz habe in echt deutschem Stil geschrieben. Heine und Gans seien die Gründer eines deutschen Kulturvereins. Jüdische Zeitschriften in deutscher Sprache, wie der „Sammler" und. „Sulamith" seilen entstanden. Diese deutsche Kultur der deutschen Juden habe sich auf das gesamte Kulturleben zum mindesten aller abendländischen Juden der modernen Welt erstreckt. Auch hinsichtlich der Auffassung von Staat und Soziademokratie herrsche zwischen Deutschen und Juden vollkommene Einheitlichkeit. Die allgemeine Wehrpflicht, die Bismarck einführte, sei von den Juden freudig begrüßt worden. Schon in der friderizianischen Zeit, besonders aber in den Befreiungskriegen habe es nicht an Beweisen des militärischen Patriotismus bei den Juden gefehlt, obwohl ihnen damals die Wehrpflicht noch entzogen war. „Um die allgemeine Schulpflicht aber, und zwar in ihrer ganzen Ausdehnung, haben sie allezeit ritterlich gekämpft". Karl Marx und Ferdinand Lasalle dürfen bei der Cohenschen Vergleichung von deutschem und jüdischem sozialem Empfinden nicht fehlen. Die Wissenschaft des Judentums gehe überall auf deutsche Ursprünge zurück. Das gelte für Frankreich wie für England. „Selbst in Italien hat Luzzatto aus seinem deutschen Ursprung kein Hehl gemacht. Und von Amerika ist es weithin bekannt, daß es seine wissenschaftlichen Kräfte, wie seine Rabbiner, in überwiegender Weise aus Deutschland und Österreich bezogen hat". Auf Grund dieser Wohltaten, die die internationale Judenheit durch den deutschen Geist der deutschen Juden erhalten habe,wäne es nach Cohen ganz in Ordnung, wenn diese nichtdeutschen und unbewußt doch deutsch infizierten Juden sich gegen Deutschland dankbar erwiesen. Cohen sagt wörtlich: „Ich glaube nun, was zunächst die Juden in aller Welt betrifft, daß auch dem Juden in Frankreich, in England und in Rußland Pflichten der Pietät gegen Deutschland obliegen; denn es ist das Mutterland seiner Seele, wenn anders seine Religion seine Seele ist". Ein kleiner Seitenhieb auf Bergson paßt an diese Stelle nicht übel, und Cohen versagt sich ihn nicht: „er ist der Sohn eines polnischen Juden, der den Jargon sprach. Was mag in der Seele dieses Herrn Bergson vorgehen, wenn er seines Vaters gedenkt und Deutschland die Ideen abspricht". Und schließlich gelangt Cohen zum gewünschten Resultat, daß der deutsche Jude sich würdig gemacht habe, alle Rechte, die ihm bisher in Deutschland vorenthalten wurden, zu bekommen, und der Jude des Auslands die „Naturkraft einer inneren deutschen Kolonisation" besitze, die eine „Zugabe seiner allgemeinen messianischen Weltmission" sei. Die Rechte aber, die Cohen

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